Chapter 11
Section 11
Um biefe Zeit fdjloB ich midj enger an einen Knaben, deflen ermadjjene, lefebegierige Schweitern eine Unzahl ſchlechter Nomane zufammengetragen hatten. Berloren gegangene Bände aus Qeibbibliotfefen, geringer Abfall aus vornehmen Häufern oder von Trödlern erjtanben, lagen in ber Wohnung biefer
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Leute auf Geſimſen, Bänken unb Tiſchen umher, und u. Sonntagen konnte man nicht nur die Geſchwiſter und ihre Liebhaber, ſondern Vater und Mutter und wer ſonſt noch da war, in die Lektüre der ſchmutzig ausſehenden Bücher vertieft finden. Die alten waren thörichte Leute, welche in dieſer Unter⸗ baltung Stoff zu tboridjten Ge|prüdjen judjten; die Jungen hingegen erhigten ihre Vorſtellungskraft an den gemeinen uns poetiſchen Machwerken, oder vielmehr, fie fuchten Hier bie befiere Welt, melde die Wirklichkeit ihnen nicht zeigte. Die Romane zerfielen hauptfählid in zwei Arten. Die eine ent» bielt den Ausdrud der üblen Sitten des vorigen Jahrhunderts in jämmerlihen Briefwechfeln und Verführungsgeſchichten, bie andere beftand aus berben Ritterromanen. Die Mädchen hielten fi) mit großem Intereſſe an bie erfte Art und ließen fid) dazu von ihren teilnehmenden Liebhabern fattfam küſſen unb lieb» fofen; uns Knaben waren aber diefe profaifhen und unſinn⸗ lichen Schilderungen einer verwerflihen Sinnlichkeit glüdlicher Weiſe noch ungenieBbar und wir begnügten uns damit, irgend eine Rittergefhichte zu ergreifen und ung mit derfelben zurüd- zuziehen. Die unzweideutige Genugthuung, melde in Diefen groben Dichtungen mwaltete, war meinen angeregten Gefühlen moblibütig unb gab ihnen Gejtalt und Namen. Wir mußten die ſchönſten Geſchichten bald auswendig und fpielten fie, mo^ mir gingen und ftanden, mit immer neuer Luft ab, auf Eitrihen und Höfen, in Wald und Berg, und ergänzten das Berfonal vorweg aus willfährigen ungen, die in ber Eile abgerichtet wurden. Aus biejen Spielen gingen nad) und nad) jelbjt erfundene fortlaufende Gefchichten und S(benteuer hervor, welche zuleht dahin ausarteten, daß jeder feine große Herzens» unb Nittergeihichte be[aB, deren Verlauf er dem andern mit allem Grnfte berichtete, fo daß wir uns in ein ungeheures Lügenneg verwoben und verftridt fahen; denn wir trugen
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‚genen Grlebniffe gegenfeitig einander jo vor, als
wr unbedingten Glauben forderten, und gewährten uns denfelben aud, in eigennüßiger Abficht, [djeinbar. Mir wurde dieſe trüglide Wahrhaftigkeit leicht, weil der Hauptgegenftand unferer Gejdjidjten beiderfeit3 immer eine glänzende und aus gezeichnete Dame unferer Stadt war und ich diejenige, bie uj für meine Lügen auserwählt, bald mit meiner wirklichen Neigung unb Verehrung bekleidete. Daneben hatten wir mächtige Feinde und Nebenbuhler, ala weldhe wir angefehene, ritterfidje Dffiziere bezeichneten, die wir oft zu Pferde fiben jaben. Verborgene Neichtümer waren in unferer Gewalt, unb wir bauten aus benjelben wunderbare Schlöffer an entlegenen Punkten, welche mir mit wichtiger Geihäftsmiene zu beauflihtigen vorgaben. Jedoch bejdjüftigte fid) bie Einbildungstraft meines Genoſſen überdies mit allerhand Sniffen und 9tánfen und war eher auf Beſitz und leiblihes Wohlfein gerichtet, in welcher Beziehung et die fonderbarften Dinge erfand, während id) alle ErfindungS- gabe auf meine erwählte Geliebte verwandte und feine flein- [iet und mühfamen Geldverhältniffe, welche er unabläfig zu- fammenträumte, mit einer Tolofjalen Qüge von einem gehobenen unermeßlihen Schabe überbot unb kurz abfertigte. Dieles modte ihn ärgern, und während ich, aufrieber in meiner er; fonnenen Welt, mid; wenig um die Wahrheit feiner Prahlereien befümmerte, fing er an, mid) mit Zweifeln an der Wahrheit der meinigen zu quälen und auf SBemeife zu dringen. Als ih einjt ffüdjtig von einer mit Gold und Silber gefüllten Kijte erzählte, welche id) in unferm Kellergewölbe ftehen hätte, drang er auf das Heftigite darauf, biefelbe zu fehen. Ich gab ibm eine Stunde an, zu welcher dies móglidj wäre, unb er fand fidj pünftlid) ein und verfegte mid) in eine Verlegenheit, an welde id im mindeiten bisher mod) nie gebadjt hatte. Aber ſchnell hieß id) ihn eine Weile warten vor dem Haufe
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unb eilte in bie Stube zurüd, wo in bem Schreibtiſch meiner Mutter ein hölzernes Käftchen ftand, welches einen Kleinen Schatz an alten und neuen Gilbermüngen und einige SDufaten enthielt. Dieſer Schatz umfaßte einesteils die Patengeſchenke aus ber Kinderzeit meiner Mutter, anbernteil$ meine eigenen und war jümifid) mein erflärtes Eigentum. — Sie Hauptzierde aber war eine mädjtige goldene Schaumünze von ber Größe eines Thalers und bedeutenden Werte, meídje Grau Margret in einer guten Stunde mir gejdjenft. und der Mutter in fidjern Berwahrjam gegeben hatte zum treuen Angedenken, wenn id) enit erwachſen, fie hingegen nidjt mehr fein werde. Ich durfte das Käftchen hervornehmen und den glänzenden Schab be hauen, fo oft ich wollte; auch Hatte ich denfelben fchon in allen Gegenben des Haufe berumgetragen. Ih nahm ihn alfo jegt und trug ihn in das Gewölbe hinunter und legte bas Käfthen in eine Kiſte, welche mit Stroh gefüllt mar. Dann hieß ich den Zweifler mit geheimnisvoller Gebärde Der» einfommen, Tüftete den Dedel ber Kiſte ein wenig und zog das Käſtchen hervor. Als id) es öffnete, blinkten ihm bie blanfen Silberjtüde gar Hell entgegen; al8 ich aber bie Dulaten unb zulegt die große Münze hervornahm, daß fie im Zwielichte feltfam funkelte unb ber alte Schweizer mit bem Banner, ber Darauf geprägt war, fowie ber Kranz von Wap⸗ penſchilden zu Tage traten, ba made er große Augen und wollte mit allen fünf Yingern in das Käftchen fahren. Ich ſchlug e8 aber zu, legte e8 wieder im bie Kiſte und fagte: „Siehſt Du, folder Dinge ift die Kifte voll!" Damit [djob ih ibn aus dem Keller und zog ben Schlüffell ab. Er war num für einmal geſchlagen; denn obgleich er von der linmirb lihleit unferer Märchen überzeugt war, fo geftattete ibm bod) ber bisher feitgehaltene Ton unferes Verkehrs nicht, weiter zu dringen, ba e$ aud) bier bie rüdlichtzvolle Höflichfeit des
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Lebens erforderte, den mit guter Manier vorgetragenen blauen Dunst bejteben zu lafjen. Vielmehr gab meinem Freunde bieje vorläufige Toleranz Gelegenheit, mid) zu weiteren Lügen zu reizen und auf immer Debenflidjere Proben zu itellen. Wir trafen bald darauf, als e8 gerade Meßzeit war, am Geeufer zufammen, vor den Krambuden flanierend, die dort in langen Straßen fidy aneinander reibten, und begrüßten uns wie Macbeths Heren mit: „was haft bu geſchafft?“ Bir ftanden vor dem Magazine eines Sytaliener8, welcher neben ſüdlichen Eßwaren auch glänzende Bijouterien und Spide reien feil bot. Feigen, Mandeln und Datteln, ftijlem voll reinlih weißer Maccaroni, befonder8 aber Berge ungeheurer Salamiwürfte reigten den Sinn meines Gefellen zu Tühnen Phantafieen, indeffen id) zierlihe Srauenlämme, Delfläſchchen und Galen voll ſchwarzer Stüudjerferadjen betrachtete und ungefähr badjte, wo diefe Dinge gebraudjt würden, ba wäre e8 gut fein. „Ich babe foeben", begann mein Lügengefährte, „jold’ eine Salamimurft gefauft, zur Probe, ob id) für mein nächſtes Bankett eine Kiſte voll anſchaffen fol. Ich babe ne angebijlen, fand fie aber ab[djeulid) unb jdjleuberte fie in ben Gee hinaus; bie Wurſt muß nodj dort fhwimmen, ih fab fe ben Augenblid noch.“ Wir blidten auf ben fhimmernden Wellenipiegel Hinaus, mo zwiſchen den Marktſchiffen wohl etwa ein Apfel oder ein Salatblatt umbertrieb, aber feine Salami zu fehen mar. „Ei, e8 wird wohl ein Hecht banad) gefhnappt haben!” fagte idj gutmütig, unb er gab diefe Mög- lichkeit zu und fragte midj, ob id) nidjt aud) Einkäufe machen wolle? „Freilich,“ ermiberte ih, „ich módjte wohl diefe Sette haben für meine Geliebte!" und wies auf eine unedjte, aber hell vergoldete Halskette. Seht ließ er mid) nicht mehr Ios, fondern ummidelte mi mit einem moralifhen Zwangsnetze, indem ihm bie Neugierde, ob ich mirflid) über meinen geheim-
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nisvollen Schaß frei verfüge, bie Worte dazu lieb. So hatte ih Teinen andern Ausweg, als nad) Haufe zu laufen und mir mit meinem Sparkäſtchen zu fchaffen zu machen. Einige Augenblide nachher ging id) wieder davon, einige glänzende Silberftüde in ber feitverfchloffenen Hand, mit flopfenber Bruft bem Markte zu, mo mein lauernder Dämon mid) empfing. ir handelten um die Kette, oder gaben vielmehr, was ber Staliener forderte; ich wählte nod) ein Armband von Agat—⸗ platten und einen Ring mit einer roten Glaspaite; der Kauf⸗ mann Dejab mid und die fhönen Gulden mit munberlidjen Blicken, ftedte fie aber nidjtSbeftomeniger ein; id) aber wurde ſchon auf dem Wege nad) dem Haufe fortgedrängt, mo meine Dame mobnte. Auf einem abgelegenen Plate ftanden etwa ſechs Herrenhäufer, deren Beſitzer fid) durch den Seibenhandel auf der Höhe früherer Vornehmbeit erhielten. Weber eine Schente nod) ein fonftiges nieberes Gewerbe zeigte fi in diefer Gegend, melde [tl und einfam in ihrer Reinlichkeit rubte; das Pflafter war weißer und beffer, als in anderen Stadtteilen, und fojtbare eiferne Hofgeländer begrenzte basfelbe. In dem größten und vornehmiten diefer Häufer wohnte ber Gegenjtanb meiner Lügen, eine jener jungen, anmutigen Damen, welde, gut und elegant gewachſen, mit rofiger Ge: fiftefarbe, großen, ladjenben Augen und freundlichen Lippen, mit reichen Locken, wehenden Gdjeiern unb feidenen Gewän⸗ dern bie Unerfahrenheit berüden und felbit gefurdjte Stirnen aufbeitern, fo zu [agen die Schönheit ſchlechthin barjtellenb. Bir ftanden ſchon vor dem prächtigen Portale und mein Bes gleiter ſchloß ſeine Ueberredungen, daß idj jept ober nie meiner Gebieterin bie Gefdjenfe überbringen müßte, enblid) baburd, ba er frech bem glänzenden Griff ber Hausglode padte, und anzog. Aber frog feiner Frechheit, würde ein Ariftofrat fagen, teihte bod) bie Energie feines Plebejertumes nicht aus, ein
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nicht mehr anfehen unb zugleih war id vom Lügen für ein» mal gründlich geheilt.
Sn bem lefebeflifjenen Haufe wurden indeflen der Vorrat an [djledjten Büchern und die Thorheit immer größer. Die Alten fahen mit feltfamer Freude zu, wie bie armen Töchter immer tiefer in ein einfältig verbuhltes Wefen hineingerieten, Liebhaber auf Liebhaber medjjelten und bod) von feinem Beim. geführt wurden, fo daß fie mitten in der übelriedjenben Biblio» thek fißen blieben mit einer Herde Fleiner Kinder, melde mit den zerlefenen Büchern fpielten und diefelben zerriffen. Die Qejemut wuchs nidjt8 deſto minder fortwährend, weil fie nun Sant, Not unb Sorge vergelien ließ, jo daB man in ber Behaufung nichts fab, als Bücher, aufgehängte Windeln und die vielfältigen Erinnerungen an die Galanterie ber uns getreuen Ritter, wie gemalte Blumenkränze mit Sprüchen, Stammbüder voll verliebter Berfe und Freundſchaftstempel, fünftlihe Ditereier, in melden ein feiner Amor verborgen lag u. dgl. Alles in Allem genommen will es mir fcheinen, daß aud) bieje8 Elend [omobI, mie das entgegengejehte Extrem, bie religiöfe Geftiererei und das fanatifche Bibelauslegen armer Leute, wie id e8 im Haufe ber Yrau Margret fand, nur bie Spur berjelben Herzensbedürfniffe und das Gudjen nad) einer beifern Wirklichkeit gemefen fet.
Bei bem Sohne diefes Haufes machte fidj, als er größer wurde, bie vielgeübte Phantaſie auf andere, nicht minder be= denflihe Weife geltend. Er rourbe fehr genupíüdjtig, lag (don ala Handelglehrling in den Wirtshäufern als ein eifriger Spieler und war bei jedem öffentlihen Vergnügen zu fehen. Dazu braudjte er viel Geld, unb um fid) bieje8 zu verſchaffen, verfiel er auf die fonderbarjten Erfindungen, Lügen und Ränke, melde ihm nur eine Art ortfegung der früheren Romantik waren. Jedoch hielt dies nur halb perbüdjtige Treiben nicht
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[ange vor, vielmehr fab er fidj bald darauf vermiejem, augus greifen, mo er fonnte. Denn er gehörte zu jenen Menſchen, die nidjt gefonnen find, fidj in ihren Begierden im minbdeften zu beſchränken, unb in ber Gemeinheit ihrer Gefinnung bem Stüdjjten mit Lift oder Gewalt das entreißen, was er guts willig nicht Iajfen will. Diefe niedere Gefinnung ijt gleich- mäßig ber Urfprung fcheinbar ganz verfchiedener Erfcheinuns gen. Sie befeelt ben ungeliebten Herrfcher, der, in jeinem Dafein jedem Kind im Lande ein Ueberdruß, bod) nidjt von feiner Stelle meidt unb nicht zu Stolz ijt, fid) vom Herzblute bes peradjtelen unb gebaBten Bolfes zu nähren; fie ijt der Kern der Leidenfchaftlichfeit eines Verliebten, meldjer, nadjbem er einmal bie bejtimmte Erflärung ber Nichterwiderung erhalten Bat, fid nicht ſogleich bejdjeibet, fondern mit gemwaltjamer Aufdringlichkeit ein fremdes Leben verbittert; wie in allen biejen Zügen, lebt fie endlih aud) in der Selbſtſucht des Be trüger8 und Diebes jeglicher Art, groß und Klein; überall ijt fie ein unverfhämtes Zugreifen, zu meldjem mein ehemaliger Gefährte nun aud feine Suffudjt nahm. IH Hatte ihn im Berlaufe ber Zeit ganz aus ben Augen verloren, während er fon mehrere Male im Gefängniffe gefeflen Hatte, und badte eines Tages an nichts weniger, al3 an ihn, ba ich einen ver» kommenen Menfchen burdj bie Häfcher bem Zuchthauſe zuführen fa]. Sm demjelben ijt er feither geitorben.
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Dreizehntes dlapttel. Meffeufrübling. Srühes Verſchulden.
Sd) mar nun zwölf Sahre alt, fo baB meine Mutter auf meine weitere Schulbildung benfen mußte. Der Plan des Vaters, daß id) der Reihe nad) bie von gemeinnügigen Bereinen begründeten Privatanftalten befuchen follte, war nun zerfchnitten, indem biejelben inzwiſchen durch mohleingerichtete öffentliche Schulen überflüffig geworden; denn bie abermalige Regenera- tion der Schweiz hatte zuerſt auf diefen Punkt ihr Augenmerk gerichtet. Der alte Gelehrten» und Lehrerftand der Städte murbe burdj einberufene deutſche Schulmänner reichlich erweitert und in ben meijten Kantonen an eine große Zwillingsſchule verteilt, welde aus einem Gymnafium und einer Stealjdjule beitand. Bei der legteren Dradjte mid) bie Mutter nach mehreren Beratungen und feierliden Gängen unter, und die Leiftungen meiner bejdjeibenen Armenfchule, aus welcher id) halb wehmütig und halb fröhlich, jdjieb, ermiejen fid) bei ber Aufnahmeprüfung fo genügend, daß ich neben den Zöglingen ber guten alten Stadtſchulen volllommen beftand. Denn diefe wohlhabenden Bürgerkinder waren nun ebenfalls auf bie neuen Einrichtungen angewiefen. So fand ih mid) plöglih im eine ganz andere
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Umgebung verfept. Statt wie früher ber beftgefleidbete und vornehmite meiner Mitſchüler zu fein, war id) in meinen grünen Süddjen, weldhe ich aufs äußerfte ausnugen mußte, nun einer der unanfehnlichiten und befcheidenjten, und das nicht nur in Beirat ber Kleidung, fondern aud) des Benehmens. Die Mehrzahl der Knaben gehörte dem altherkömmlichen Bürger- ftande an; einige waren vornehme feine Qerrenfinber und einige hinwieder jtammten von reihen Dorfmagnaten; alle aber Hatten ein ficheres Auftreten und Gebahren, ent(djiebene Manieren und einen fien Sargon im Gpreden und Spielen, vor welchem ich blöde und unficher baftanb. Wenn fie fid) ftritten, jo ſchlugen fie fij gleich mit raſchen Bewegungen ins Gefidjt, daß es Hatjchte, unb mehr Mühe, als ba8 neue Lernen, madjte mir das Zurechtfinden in bieje neue Umgangsweife, wenn idj nicht zu viel Unbilden erleiden wollte. Ich erkannte nun erjt, wie mild und gutmütig bie Gefellihaft der armen Kinder gewejen mar, und ſchlüpfte nod) oft zu ihnen, bie mid) mit wehmütigem Neide von meinen jebigen Berhältnilfen et» zählen hörten.
Sn der That brachte jeder Tag neue Veränderungen in meine bisherige Lebensweife. Seit alter Zeit war die Jugend der Städte in den Waffen geübt worden, vom zehnten Jahre an bis beinahe zum mirflidjen Militärdienjte de8 Süngling3- alter3; nur war e8 mehr eine Gadje der Qujt und des freien Billens gemejen, und mer feine Kinder nicht wollte teilnehmen lofien, mar nicht gezwungen. Nun aber wurden bie Waffen- übungen für die fümtlide jdjulpffidjtige Jugend gefeplid) ge» boten, fo daß jede Kantonsſchule zugleid ein foldatifches Corps bildete. Mit den friegerijdjen llebungen war ba8 Zurnen vers - manbt, zu welchem rir ebenfalls angehalten wurden, jo baB ein Abend ererziert und den andern gejprungen, geflettert und
geſchwommen wurde Ich mar bisher aufgemad)en mie ein Keller L 9
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Gras, mich biegenb unb fchmiegend, wie jedes Lüftdhen ber Lebensregungen und ber Laune e$ wollte; niemand hatte mir gejagt, mich gerad zu halten, fein Mann mid an See unb Fluß geführt und ba Dineingemorfen, nur in der Aufregung batte ih ein unb andern Sprung gethan, ben id) mit Borlat nicht zu wiederholen vermochte. Mein Temperament aber hatte mid) nicht dazu getrieben, wie etwa die Söhne anderer Witwen, ba id) feinen Wert darauf legte unb viel zu bejdjaulid) mar. Meine jetzigen Schulgenoifen Hingegen bis auf den Tleinjten herab ſchwammen alle wie die Fiſche im See herum, [prangen und Metterten, und Hauptfähli wohl nur ihr Spott nótigte mid, mir einige Haltung und Gemwandtheit zu erwerben, ba fonft mein Eifer bald erfaltet wäre.
Aber nod) viel tiefer follten bie Veränderungen in mein Leben einfchneiden. Sch trieb mih in einer Genoflenfchaft herum, melde fämtlih mit einem mehr oder minder genug. famen Zajdjengelbe verfehen mar, teil aus häuslider Wohl⸗ babenbeit, teils aud nur infolge Berfommliden Brauches und forglojer Prahlerei der Eltern. An Gelegenheit, Ausgaben zu madjen, fehlte es nod) weniger, da nidjt nur bei ben ge mwöhnlihen llebungen und Spielen auf den entlegenen Plätzen Dbit und Backwerk zu Taufen üblidj mar, fondern aud bei größeren TZurnfahrten und militärifchen Ausflügen mit flingenbem Spiel es für männlid galt, fid) in den entfernten Dörfern hinter Brot und Wein zu feßen. Dazu famen nod) bie Aus- gaben für allerhand Spielereien, melde in der Schule ab. wechfelnd Mode wurden unter dem Borwande nüßlicher Beſchäftigung, ferner ber Iehrreiche Beſuch aller fremden Sehens- . würdigfeiten, von meld) allem fid) regelmäßig entfernt Halten zu müjjen, einen unertrüglidjen Anſtrich von Dürftigkeit und Berlaffenheit verlieh. Meine Mutter beitritt mit gemiflenbaften Sinne alle die ungewohnten Ausgaben für Lehrmittel, Sy
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jtrumente und Material und gab mir hierin fogar für eine ge wille Berfhmwendung Raum. Mit den feinen Zirkeln des Vaters burdjjtad) id) bas ſchönſte Papier in ber Klaffe; jede Gelegenheit nahm ich wahr, ein neues Heft zu errichten, unb meine Bücher waren immer dauerhaft gebunden. Allein in allen andern, das nur entfernt unnötig fehien, beharrte fte eigenfinnig auf dem Grunb[age, daß fein Pfennig unnüß dürfe ausgegeben werden und daß ich dies frühzeitig lernen müffe. Sur für bie Hauptausflüge und Unternehmungen, von denen mwegzubleiben ein zu großer Schmerz für mid) gemefen wäre, gab fie mir eim Färgliches Geld, welches jedesmal fchon in ber Mitte des froben Tages aufgezehrt war. Dabei hielt fie mich in weibliher Unkenntnis der Welt nit etwa in ber Abge— Ihiedenheit zurüd, wie e8 fid zu ihrer ftrengen Sparfamfeit geſchickt hätte, fondern ließ midj meine ganze Zeit in der Ge meinjdjaft ber anderen zubringen, mid) nur unter lauter wohl- gezogenen Knaben und unter ber Auflicht des großen, ange febenen Lehrerperfonales wähnend, während gerade baburd) das Mimahen und Vergleichen umvermeiblid wurde und id) in taujenb Berlegenheiten und fchiefe Stellungen geriet. In der Einfachheit und Unfchuld ihres Gemütes und ihres Lebens- laufes Hatte fie feine Ahnung von bem unheilvollen Giftfraute, welches faljde Scham genannt wird unb in ben frühelten Tagen des Lebens um fo mehr zu wuchern beginnt, als e$ von ber Dummheit der alten SRen[djem eher gehätidhelt unb gepflegt, ala ausgereutet wird. Unter taufend Sugendfreunden und Mitgliedern von Beitalogzi-Stiftungen giebt e8 vielleicht lene zwölf, welche aus ihren eigenen Erinnerungen fid) nod) auf das ABE bes Findlichen Gemütes befinnen und willen, wie fif daraus bie verhängnisvollen Worte bilden, und man barf fie eigentlich nicht einmal darauf aufmerffam machen, fonít werfen fie fi) fogleich auf dieſes Gebiet und errichten darüber ein Statut. ge
