Chapter 9
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der Heilige in seinen Geist geblickt hatte, ergri£f ihn eine fiebernde Erbitterung, und er rief: ,, Dieses konntest du ohne Wunder und Erschauen ' Mass ich doch den Namen Gottes zu jeder Zeit vor mir tragen, und Avenn du heischest, dass all mein Denken ein Ding umschlinge, "was bleibt mir als dieses Letzte, Eine? Gering, fürwahr, achte ich deine Kunst."
Der Baalschem aber harrte aus in seiner Milde und sprach: ,,Hat Gott nicht viele Namen? Ich aber sage dir den einen, unaussprechlichen an." Da er jedoch sah, wie die Blicke des Rabbis zuckten und •ich -wehrten, trat er vor ihn hin, und aus seinen Augen brach nun entfesselt der Strom der Liebe. Und er redete also: ,, Dieses hast du gedacht, Nach- man: ,Soll ich ewig gefangen bleiben in den vier Buchstaben? Zw^ingt mich ewig das tyrannische Wort? Versunken sind die Zeiten und enttauchen w^ieder, und mich hält in peitschenden Ketten der Geist. Wohin bist du geflogen, letzter der reinen Tage, da ich durch das Land Benjamin zog mit fröhlichen Schultern, Hauptes länger denn alles Volk? Tag der Sonne, Tag der Freiheit, nie, nie bist du gekehrt. Aber dein Bruder blieb, der dir gefolgt w^ar, blieb bei mir mit dem Olglas und dem Namen des Herrn. Er umspannt meinen Hals, w^enn ich mich lege, er schliesst sich um meine Knöchel, -wenn ich vom Lager aufspringe. Er hat mich mit Zorn getränkt und mit Wahnsinn gefüttert. Er führt mein Schwert wider meinen Leib: täglich stürze ich darein und sterbe.' Dieses hast du gedacht, Nachman: ,Soll
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ich ew^ig gefangen bleiben in den vier Bucbstaben? ^Vie, wenn ich mich losmachte und wieder w^ürdc -wie dazumal, ehe ich in die Stadt kam, in der der Mann des Herrn war!' Aber ich sage dir, Nachman. mein Freund, du Freund Gottes: vv^illst du losmachen dein Herz von deiner Brust und dein Hirn von deinem Haupte? Sieh: du hast dich erkannt, — bist du noch länger gefangen? Sieh, du hast dich erkannt, — fühlst du nicht deinen Willen in Gottes Willen brennen? Nimm die Last der Zeiten in die Hände, — ist sie nicht schon geschw^unden? Küsse den Tag, der dich bannte, — bist du nicht schon gelöst? Rege die Seele in Gott wie das Herz sich in deiner Brust regt. Nun kehrt die Zeit der Sonne dir wieder, die Zeit der Freiheit."
Der Rabbi sprach: ,,Du hast die Wahrheit geredet, Israeli" Dann neigte er sich und sprach das W^ort des Friedens und ging zur Stunde hinweg mit ge- stillter Seele.
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DAS GEBETBUCH
N DEN ZWEIHOHENFESTEN, -welche die furchtbaren Tage ge- nannt ^Verden, das sind die Feier des neuen Jahres und der Ver- söhnungstag, pflegte der Rabbi von Dsmow, wenn er vor die Bundes- lade trat, um zu beten, das grosse Gebetbuch des Meisters Lurja zu öffnen und vor sich auf den Ständer hinzulegen. So lag es offen vor ihm alle Zeit seines Betens, aber er blickte nicht hinein und rührte es nicht an, sondern liess es gross und offen daliegen im Angesicht der Lade und vor den Augen der Gemeinde, dass das starke unverblasste Sch-w^arz der Lettern aus dem breiten, gelblichen Grunde -weithin schlug, und er stand hochgestreckt m seiner ^Velhe davor -wie der opfernde Hohepriester vor dem Altar. Also geschah es, und aller Augen musflten immer wieder darauf blicken; aber keiner von den Chassidim w^agte es, davon zu sprechen. Ein- mal jedoch stärkten etliche ihr Herz und fragten den Rabbi: „^Venn unser Herr und Lehrer aus dem Buche des Meisters Lurja betet, w^arum sieht er nicht hinein von Seite zu Seite nach der Ordnung seines Betens, und -wenn er nicht daraus betet, warum öffnet er es und w^arum liegt es vor ihm?" Da sprach der Rabbi zu ihnen: „Ich w^iU euch erzählen, -was sich m den Tagen des heiligen Baalschem, sein Andenken sei zum Segen, ereignet hat.
In einem Dorf lebte ein Pächter mit seiner Frau
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und seinem kleinen Sohn. Der Gutsherr war dem stillen Manne zugetan und gewährte ihm manche Ver- günstigung. Dennoch kamen schlimme Jahre über ihn. Einer schlechten Ernte folgte im nächsten Sommer immer w^ieder eine schlechtere, und so stieg undschw^oU die Not, bis die grauen Wogen über seinem Haupt zusammenschlugen. Er hatte jeder Mühe und jeder Entbehrung standgehalten ; dem Elend konnte er nicht ins Auge schauen. Er fühlte sein Leben schw^ach und schw^ächer w^erden, und als sein Herz zuletzt stille stand, w^ar es wie das Ersterben eines Pendel- schlags, dessen stetes Leiserwerden man nicht w^ahr- genommen hat und dessen Aufhören über einen nun •wie etw^as Plötzliches gerät. Und w^ie seine Frau mit ihm durch das holde und das arge Schicksal gegangen w^ar, so ging sie auch mit ihm hinaus. Als sein Grab bereitet w^ar, konnte sie sich nicht länger zw^ingen, SIC sah ihren kleinen Sohn an und konnte sich doch nicht zw^ingen, und so legte sie sich hin und redete sich vor, sie gehe nicht zum Tode, bis sie zu ihm kam. Der kleine Nachum w^ar drei Jahre alt, als die Eltern starben. Sie w^aren aus der Ferne gekommen, und man wusste von keinen Verw^andten. So nahm ihn der Gutsherr zu sich, dem der Knabe mit dem schmalen, aus den goldroten Locken blütenweiss her- vorschimmernden Gesicht gar gut gefiel. Bald gew^ann er des Kindes zarte, fast traumhafte Art mehr und mehr lieb, und er zog es wie ein eigenes auf. So '«vuchs der Knabe heran m Licht und Freude und w^urde in allem Wissen und m allen Künsten unter- >viesen. Von seiner Eltern Art und Glauben wusste
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er nichts. Wohl vcrsch-wieg ihm der Gutsherr mit nichten, dasa sein Vater und seine Mutter Juden ge- >vesen >varen; doch als er ihm davon sprach, fügte er hinzu : „Ich aher hahe dich mir genommen, und nun hist du mein Sohn, und all das Meine ist dein". Dies verstand Nachum Avohl: das aber, Tvas ihm von seinen Eltern gesagt worden war, das schien ihm jenen Ge- schichten zugehörig, die ihm die Mädchen von Wald- teufeln, Nixen und buntem Elfenvolk erzählten: wunderbar war es ihm nur und unbegreiflich, dass er selbst mit solch einer Geschichte zu schaffen hatte, und er fühlte sich einem fernen Dunkel verbunden, das ein Grauen und eine Sehnsucht zu ihm entsandte, von dem er dergestalt zuzeiten w^ic von einer leichten, schwermütigen Welle seine Seele umfangen spürte und das ihm doch ew^ig fremd und ewig rätselvoll blieb.
Eines Tages kam er unversehens in eine abgelegene Kammer des Hauses, in der allerlei Gerumpel über- einandergeschichtet lag, das seine Eltern einst hinter- lassen hatten. Da w^aren seltsame Dinge, die er nicht kannte. Da w^ar ein sonderbar gestaltloser w^eisser Mantel mit langen schwarzen Streifen. Da war ein gesticktes Stirntuch von prächtiger und doch stiller Art. Da w^ar ein mächtiger, vielarmiger Leuchter ver- blassten Glanzes. Da w^ar ein reich verästelter, in einer Krone zusammenw^achsender GcAvürzbehälter, um den noch ein letzter, dünner Duftnebel zu flattern schien. Und da w^ar endlich ein grosses schw^eres Buch, in dunkelbraunen verschlissenen Sammet gebunden, die Ecken silberbeschlagen, mit silbernen Klammem. Das
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waren die Dinge, die seine Eltern nicht hatten auf- geben können, auch vor den Augen des letzten Elends nicht. Und nun stand er und sah darauf, und die Boten des Dunkels waren ihm näher als je. Dann nahm er das Buch und trug es scheu und vorsichtig, beide Arme fest darum gelegt, in sein Zimmer. Da löste er die Klammem und öffnete es ganz leise, und die breiten schwarzen Lettern starrten ihn an, fremd und doch nicht fremd, sahen ihn an wie eine Schar kleiner Kameraden, blickten zu ihm empor ixae ein Reigen lieber feiner Gesellen, wirbelten vor ihm dahin, flogen durcheinander, zerflimmerten, — und siehe, da -waren keine Lettern mehr, und das Buch -w^ar wie ein dunkler See, daraus schauten ihm zwei Augen ent- gegen, tränenlos, aber eines e-wigen Schmerzes voll. Und Nachum wxisste, dass dies das Buch war, aus dem seme Mutter gebetet hatte. Seither hielt er es tagüber verborgen, aber an jedem Abend holte er es aus dem Versteck, und beim Licht der Lampe, und lieber noch beim lebendigen Licht des Mondes sah er auf die fremden Lettern, bis sie sich zum Reigen einten und zum See zusammenflössen, daraus die Augen der Mutter hervortauchten.
So kamen die Tage des Gerichtes heran, die Tage der Gnade, die furchtbaren Tage. Aus allen Dörfern zogen die Juden zur Stadt, um im Rauschen der Volks- gemeinde vor Gott zu stehen, um ihre Schuld mit der Schuld der Tausende ihm darzubringen und in seinem Feuer aufgehen zu lassen. Nachum stand vor der Tür des Hauses und sah die AVagen vorübereilen, unzählig viele, sah Männer und Frauen dann in Festgewändem,
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und über allem \var die Macht der Bereitschaft. Und ihm ^var, als seien all die Menschen Boten zu ihm, Boten des Dunkels nicht mehr, Boten der Sonne und des lichten Seelengrundes, und als enteilten sie ihm nur deshalb, w^eil er sie nicht anriefe. Und er ns£ einen an und fragte ihn : „Wohin fahret ihr, und "was ist dies euch für eine Zeit?" Und jener sprach: „^Vlr fahren dem Tag der Erneuerung entgegen, dem Tag des Anfangs, da im Buch des Himmels geschrieben wird unsere Tat und unsere Lösung. Und wir fahren, um 2U Gott zu reden in grosser Schar und unsere Stimmen zu binden zu einem Gebete. Der Knabe hörte das Wort: aber weit ausgespannt darüber flog ihm ein anderes W^ort zu, ein grosses Rufen, das kam aus der Unendlichkeit zu ihm. Und von dieser Stunde an war das Rufen über ihm, brausend im Schweigen wie ein mächtiger Sturmw^ind, still im Lärm wie die Schwingen eines stillen Vogels. Und das Rufen er- hellte das Dunkel, das ihm so lange die W^elt um- kleidet hatte, und das Grauen ging m der Sehnsucht auf, und die Sehnsucht w^ar w^ie ein junges grünes Blatt in der Sonne. So w^andelten die zehn Tage der Busse hm, und der Vortag des Versöhnungsfestes w^ar da. Und wieder sah der Knabe die Juden aus den Dörfern die Strasse zur Stadt fahren ; stumm und regungslos sassen sie da, und ihre Gesichter waren bleicher als vordem. Und w^ieder fragte Nachum einen von ihnen: „W^aa flihrt euch und w^ohin?" Und jener sprach: ..Dies ist der Tag, auf den w^ir hofften und harrten, der Tag der Versöhnung, da unsere Schuld sich löst im Lichte des Herrn und er seine Kinder aufnimmt
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in die Heimat »einer Gnade." Da lief der Knabe in seine Stube und nahm das Buch mit den silber- bescblagenen Ecken in die Arme und lief aus dem Haus auf die Strasse und lief, bis er in die Stadt kam. Und in der Stadt lenkte er seinen Schritt zum Bethaus, und er trat ein. Und als er eintrat, w^ar es die Stunde, da das Kolnidre gesprochen ^vard, das Gebet der Lösung und der heiligen Freiheit. Und er sah die Scharen stehen, in den langen weissen Sterbege^vändem, stehen und sich neigen und sich erheben vor Gott. Und er hörte sie aufschreien zu Gott, aufschreien aus allen verdeckten Tiefen zum Licht, aus allen Geheimnissen ihrer Seele zur Wahrheit. Und die Hand des Geistes >var auf der Schulter des Knaben, und er stand und neigte sich und erhob sich vor Gott, und er schrie auf zu Gott. Und da er merkte, wie rings um ihn Worte schallten in einer fremden Sprache, und es über ihn kam, dass er nicht beten konnte w^ie die andern, nahm er das Buch der Mutter und legte es auf den Ständer und rief: .,Herr der Weltl Ich 'weiss nicht 'was zu beten, ich 'weiss nicht 'was zu sagen — da hast du, Herr der Welt, das ganze Gebetbuch." Und er legte den Kopf auf das offene Buch und w^etnte und unterredete sich mit Gott.
Es w^ar aber an jenem Tage, dass die Gebete der Gemeinde wie flügellahme Vögel am Boden flatterten und sich nicht emporschw^ingen konnten. Und das Haus w^ar ihrer voll, schwer die Luft, trüb und verzagend der Sinn der Beter. Da kam das Wort
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des Knaben, das nahm die Gebete aller auf seine Fittiche und trug sie in Gottes Schoss.
Der Baalschem aber sah und erkannte alle diese Dinge, und er sprach das Gebet in hoher Freude. Und als das Fest vorüber ^var, nahm er den Knaben zu sich und zog ihn heran und lehrte ihn den Sinn des Lebens und alle lautere und gesegnete ^Veisheit."
Also erzählte der Rabbi von Dyno"w seinen Frommen. Und er sprach: ,,Auch ich weiss nicht. was ich tun soll, und ich ^veiss nicht, ^e viel, und ^vie ich die Absicht der heiligen Männer, der ersten Beter, aus deren Mund die Gebete sind, erfüllen kann. Darum nehme ich das Buch des Meisters Lurja, des Ehrwürdigen, und mische es auf, dass es vor mir liege zur Stunde des Gebetes, und gebe es Gott mit allem Willen der darin ist und aller Inbrunst und allem Sinne."
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DAS GERICHT
EINMAL BEGAB ES SICH — ES WAR an dem vierten Tag der Woche, sagen sie, / und um jene erste Stunde des Abende, da die Sonne uns eben entschwoinden ist — , dass der Baal- schem sein Haus verliess, eine Reise zu tun. Und keiner Seele, so Schüler nicht als Freund, heisst es, hatte er dazumal von seinem ^Veg gesprochen, so dass Ziel und Sinn jener Fahrt für alle die Seinen im Dunkel lagen, selbst für jene, die ihn begleiteten. Und auch dazumal fuhr er in einer knappen Stundenzahl eine grosse Strecke des \Veges, wie es ja allen bekannt ist, dass dem ^Vlllen des Meisters Ort und Zeit nicht Fessel und Hindernis bedeuteten -wie einem unter uns. Um Mittemacht — die Fahrt -w^ar dermassen eilig gegangen, dass die, so mit ihm waren, nicht Haus noch Baum am ^Wege unterschieden, — hielt der Baal- schem in einem fremdem Dorf vor dem Haus eines Zollpächters und Herbergvaters an, die Stunden der Nacht, die ihm verblieben waren, dort zu ruhen. Es wies sich, dass der Wirt w^eder den Baalschem noch einen unter den Seinen kannte, wohl aber be- gierig -war, 'Wie es unter Leuten dieses Gewerbes kein Seltenes ist, zu wissen, wes Standes sein Gast wohl sei und zu welchem Ende er diese Reise unternehme. Indem er dem Meister und den andern einen späten Imbiss bot und ihnen zum Lager auf breitete, gab sich Rede und Antwort, also dass der Baalschem dem \Virt auf dessen Anfrage zu wissen tat, er sei em Prediger und habe vernommen, dass am Vorabend
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des kommenden Sabbats ein reicher und grosser Mann in Berlin Hochzeit halte, und zu der Zeit wolle er dort sein, um bei dem Fest seines Amtes zu tun. Als der Gastgeber das gehört hatte, hielt er ein AVeüchen still und betreten an sich, ehe er sagte: „Herr, Ihr verhöhnet \vohl meine Wissbegier! Kenne ich doch die Stadt Berlin reichlich hundert gute Meilen weit von hier! Wie wollt Ihr die Strecke in der Frist abtun, die Euch bleibt! Ja, w^enn Ihr Pferd und Mann nicht schontet und Euch des Nachts nicht Rast gönntet, Ihr würdet etwa vermögen, zum andern Sabbat dort zu sein, nimmermehr aber an diesem." Da lächelte der Baalschem ein kleines und bot ihm Antwort: „Sei um desw^illen unbekümmert, Freund, meiner Pferde bin ich sicher. Sie haben schon manch gutes Stücklein für mich getan."
Der Baalschem legte sich mit den Seinen zur Ruhe nieder, derW^irt aber blieb die ganze Nacht auf seinem Bette wach, denn der fremde Mann und seine Sache dünkten ihm allzu Avunderlich. Dazu verstand er, dass etw^as an dem Manne w^ar, was ihn nicht glauben lassen mochte, er sei ein Spass vogel oder gar ein Narr. Das Ver- langen kam über ihn, das Ende dieses Dinges zu sehen Und als er so um einen schicklichen und ehrbaren Vor- "wand sann, dem fremden Prediger sein Geleit zu bieten, fiel ihm manches Geschäft ein, das er in Berlin mit einigem Vorteil hätte abtun können. Da beschloss er, des Morgens mit dem Gaste darüber zu reden. Als der Meister mit seinen Leuten zu guter Zeit sich vom Lager erhoben hatte, trat der Wirt zu ihm und trug ihm seinen W^unsch vor, und der Baalschem w^ar
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Cfl gern zufrieden. Hingegen zeigte er nicht sonder- liche Eile wegzukommen, sah sich auf mancherlei Weise geruhig im Hause um, sprach mit den Seinen eine gute Weile ein Gehet und hiess endlich den ^(^irt noch eine kräftige Mahlzeit hereiten. Die nahmen sie zu sich und verhlieben dann noch in mannigfaltigem Gespräch, während der Wirt von innerer Unrast und Neuhegier getrieben ah und zu ging und sich nicht Rast noch Deutung üher dieses absonderliche \Vesen wxisste.
Als der Tag wiederum niederging, befahl der Meister, den Wagen zu bereiten und die Pferde an- zuspannen. Sie zogen von hinnen, und bald kam die Nacht über sie. Der Baalschem mit den Seinen sass schweigend. Dem Wirt w^ar es bald seltsam und fremd in seinem Sinne, und es dünkte ihn, dieses sei eine Fahrt, derengleichen er niemals noch eine getan. Nichts als das Dunkel w^ar da. Zuw^eilen w^ar es ihm, als rollten sie tief unter den ^Wegen der Menschen durch geheimnisreiche Gänge der Erde hin, und dann wieder schien ihm der ^^eg, den sie nahmen, so entfesselt von Schw^ere, so leicht und durchsichtig, als schw^ebten sie über allen Dünsten in den Lüften dahin. Sie begegneten keinem Laut, keinem Menschen, kemem Tier, keinem Ort. Der ^Virt vermochte keinem Gedanken Halt zu gebieten, alles m ihm und um ihn schien sich in Flüchtigkeit aufgelöst zu haben.
Plötzlich w^ar es ihm, als würde die Luft um ihn dichter, die erste Helle brach an, er fühlte die Erschütterungen des Wagens auf dem Erdboden w^ieder unter sich, fernhin bellte ein Hund, ein Hahn
krähte, eine Hütte lag seitab im Dämmer. Eine Weile fuhren sie so, der Morgen war klar, und als die letzten Dünste in der Sonne aufgingen, sah der Wirt vor sich eine grosse Stadt liegen. Nicht der vierte Teil einer Stunde ging um, da langten sie in Berlin an.
Der Meister wählte eine bescheidene Herberge, die am Ende der Stadt stand, in jener Gegend, w^o noch niedere Häuser fast ländlich in ihren Gärtchen lagen. Da liess er sich in einer Laube vor dem Haus mit seinen Schülern zum Morgenimbiss nieder. Als sie diesen eingenommen hatten, blieben sie im Gebet und in Gesprächen gelassen beisammen. Der fremde Wirt, der die Fahrt mit ihnen getan hatte, dachte der W^orte des Predigers, dass er zur Hochzeit eines grossen Mannes nach Berlin reise und dass heute der Tag des Festes sei, und er konnte nicht verstehen, w^ie der Baalschem so ruhig sich hier verweile, statt sich den Gästen im Hause des Bräutigams zugesellen. Noch tief befangen in dem Ge- schehnis der Nacht und doch schon gestachelt von der neuen Frage, lief er ab und zu, aber w^enn er sich dem Meister näherte und sich anschickte, den Mund aufzutun, hob der Baalschem das helle Angesicht, und der W^irt schaute darin den heiteren Spott, mit dem jener über seine unruhige Seele in grosser Güte lächelte. Da verging ihm der Mut zur Frage, und er nahm Urlaub, sich ein w^enig in der fremden Stadt umzutun.
