Chapter 8
Section 8
In den Himmeln ist nicht Ort und Dauer, nur Weg und Ewigkeit. Jede Nacht führt die Seele \»^eiter im Wege, tiefer in die Ew^igkeit.
Aber eine Nacht kommt, da steht eine Welten- wand vor der Seele auf und deckt ihr Bahn und Blick. Schrankenlos wie der Flug w^ar, ist die Hemmung. Der Weg stirbt. Ein dunkler Finger hat das Licht aller Sterne und die Verheissung aller Himmel ausgelöscht. Über dem toten Weg reckt «ich eine dunkle W^and randlos in die Nacht.
Und die Wand hat ein Gesicht, ungeheuer und schattenhaft, doch scheint es der Seele näher als ihr eignes Auge. Und die Seele erkennt es: es ist
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das Angesicht des Lebens, das sie am Abend ver- lassen hat und in das sie am Morgen zurückkehren will wie in ein wartendes Bett.
Aber jenseits der Wand erwacht ein Laut, eine grosse Stimme in der Finsternis. Es ist, als stünde drüben der tote Weg auf und redete.
Und die Stimme der Verborgenheit spricht:
„Seele, verlangende Seele, Seele der Kraft und des Traumes! Seele, die sich bew^ahren mag und sich verlieren! Seele, die alles begehrt, beides, Bestand und Unendlichkeit, Wollen und Wissen, Sinne und Geheimnis zugleich!
Hier ist die Grenze. Hier ist der Altar der Welt. Hier geht kein Leben vorbei, es opferte sich denn. Denn der Name dieses Ortes ist: Gottes Wahl.
Bis hierher gilt Diesundjenes. Hier beginnt das Eine.
Seele, die bis hierher gekommen ist, Stille, Mächtige, w^ähle !
Scheide ab von dem Leibe der Erde, und ich öffne mich dir. Oder wende den Flug. Denn wer mich berührt hat, kehrt nicht w^ieder."
Und die Stimme versinkt. Und w^ieder ist nichts vor der Seele als die dunkle, stumme Wand.
Aber die Seele erhebt die Stirn. Einen Augen- blick lang steht sie, als horchte sie dem verklungencn Worte nach, dann spricht sie die Antwort:
Ich scheide ab von —
In diesem Augenblick hat sich auf der Erde eine Frau über ein Bett gebeugt, in dem der Körper eines Mannes liegt. Sie schaut, sie tastet über die
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bleiche Schläfe des Liegenden hin. Dann achreit sie auf: „Israel!"
In geradem Fluge hebt sich der Ruf den Himmeln zu. Er ist schneller als die Geister der Sterne, schneller als die Engel des Raumes. Ehe der Augen- blick sich schliesst, steht er am Ende des Weges, den die Seele in vielen Nächten vollbracht hat, und legt seine leichte Hand auf ihre Schulter.
Da hält die Seele im ^Vort inne und blickt hinter sich. Dann spricht sie nicht weiter. Sie legt den Arm um den Nacken des Boten und wendet den Flug.
Diese w^ar die letzte \Vanderung des Meisters in den Himmeln.
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JERUSALEM
■^S GESCHAH ZU ZEITEN, DASS DEN ^ Baalschem des Nachts Stimmen aus der ^ Tiefe aufriefen und sein Ohr ^noirde hell und w^ach, obgleich der Schlaf auf seinen Sinnen lag. Er unterschied alsdann mit grosser Klarheit, vinit von undenklicher Feme der Laut aus dem Munde vieler uralter Dinge auf der ^Vander8chaft zu ihm war und ein einiges Getön von ungeheurem Weh sein Lager umgab. Er fühlte, dass ein W^ille hier hundert getrennte Stimmen zu einer verflochten hatte. Die Stimmen langten an sein Herz und weckten es auf. Aber sie w^aren von allzuw^eit, und das Herz verstand den Sinn ihres W^ortes nicht. Es konnte nur die grosse, ferne Not ahnen, die es anrührte, und w^ar von dieser Zeit zu allen Tagen und Nächten im Gleichmass seiner Schläge erschüttert. Aber in einer Nacht w^aren die Stimmen ganz nah an des Meisters Ohr, zitternd von der Müdigkeit der langen W^anderung. Er erkannte sie und w^oher sie ihm kamen, und er erkannte Eines, das ihm fremd ge- wesen war bis zu dieser Stunde. Denn es >var das alte Land, das zu ihm sprach aus der nie erlösten Schande des Verfalles. Es w^ar der alte Weinberg, nun zur fahlen Steppe gew^orden, die die Herden fremder Wandervölker mit verhassten Hufen traten Jahr für Jahr, die begrabenen Mauern unter der Erde, das verschüttete Erz, das mitdröhnte unter der Last des unermesslichen Schuttes, der versteinerte Hang, der einmal den leuchtenden W^ald getragen
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hatte, und der verdorrte Wasserquell. Sie schrieen aus der letzten Not, die fühlt, dass der Schlaf un- versehens in den Tod sich hinüberschleichen ^11, jetzt und jetzt, von Atemzug zu Atemzug, w^enn die Hand nicht kommt, die aus dem Dunkel aufreisst und die Seele befreit, die müde geschlagene Seele des alten Landes.
Und die Stimmen redeten zum Baalschem: ,,Komm, komm und säume nicht. Du bist der Erw^artete, dessen Atem das Gestein von unseren Gräbern heben wird Tvie der Frühlingswind den Flaum, der aus dem Vogelneste fällt. Dein ^Vort w^ird die Kräfte entfesseln. Der Bach uord rinnen, der Wald auf- erstehen. dcr^Veinstock Früchte tragen, der Fels wird sich kleiden. Komm und lege deine Hand auf unsl"
Von der Nacht w^ar die Seele des Baalschem in sich gew^iss, dass er sich auftun müsse und hingehen zum Lande. Und er reckte sich empor und schrie zu Gott: ,,Gib mir Urlaub, Herr, und Frist. Löse, womit du mich hier gebunden hältst, damit ich hin- gehe in dein Land, das mich ruft." Aber Gott sprach nächtens zu ihm und antwortete: ,, Israel, es ist mein Spruch über dir, dass du w^eilest an deinem Orte und dich nicht auftuest nach meinem Lande."
Da lag der Baalschem viele Nächte in der Qual. Die Stimmen w^aren vor seinem Ohr und das ^Vort des Herrn auf seinem Herzen. Und der Jammer der Stimmen fuhr als Sturmw^ind in den Lüften, und es w^ar eine Bewegung w^ie von grossem Sterben, wie an dem Tage, da Jerusalem, die Herrliche, f ieL Da siegte die Sehnsucht nach der sterbenden Erde
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über das Wort des Himmels, und da tat sich der Meister auf und wanderte gegen Jerusalem.
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ts war die erste Nacht, da sie auf ihrer Fahrt unter fremdem Dache sich zur Ruhe legten, der Baalschem und Rabbi Zewi der Schreiber, sein Schüler, der mit ihm w^ar. In jener Nacht kehrten die Stimmen der Heimsuchung w^ieder an den Ort, von dem sie ausgegangen w^aren. Und da sie heim- kehrten, flog ihnen ein grosses Raunen entgegen, und die alte Erde bebte unter ihrem Gruss, und jegliches begrabene, erstarrte und versagende Ding erhob sich und lauschte.
Und die Stimmen riefen: ,, Stehet auf, ihr Schlafen- den, und ihr Verstümmelten, bereitet euch, denn euer Erlöser ist auf dem Wegel"
Da hob sich der ungeheure Leib der Erde in einem schw^eren Atemzug, und in dem einen Auf- atmen schüttelte sie den uralten Schlaf ab. Und ein jegliches Ding rief mit herzgeborenem Ton den Lebensruf aus, und w^ar ein gew^altiges Rauschen der Freude in der Nacht, und ein Leuchten w^ar und ein geheimes grosses Erheben von Schlucht zu Gipfel, und das versunkene Gut blühte, Schw^ert und Opferschale, und die erstorbenen Gew^ässer rauschten, und es kreiste der Saft des Kornes und der Rebe. Und die Sterne über dem alten Lande w^uchsen in dieser blauen Nacht der Erwartung.
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Der Baalschem schritt unverdrossen vorwärts, aber seine Helle und Freudigkeit w^ar nicht bei ihm. Er
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blieb still und sann in sieb, und wenn Rabbi Zewi von dem wrinderbaren Ziel ibrer Reise spracb, ant- w^ortete der Meister kaum anders, als mit einem verlorenen Seufzer. Denn er trug ein Ding auf seinem Herzen, das lastete sebr und wurde scb-werer mit dem ^/ege. Das war die Gottesstimme, die vor der Sebnsucbt batte verstummen müssen und nun gar stille scbw^ieg, aber immerdar w^eilte und nicbt von dem Herzen w^icb. Und zuw^eilen w^ar dem Meister, als sei eines zarten Kindes beimlicb ver- haltenes \Veinen in seiner Brust, und nacbts w^ar da mancbesmal ganz inw^endig ein Klagegetön obne Wort, so tief und leidensvoll, dass er erwacbend in sieb boreben und boreben musste. Allein mit jedem Morgen trug er die w^aebsende Last w^eiter auf die ^Vanderscbaft. So Hess er Stadt und Land binter sieb. Vertrautes und Fremdes. Der Mond hatte scbon zu mehreren Malen über ihm gew^eebselt, als er naeb eines Tages Irregeben des Abends an die Küste des Meeres kam, das ihn vom Ziele sehied. Doch da ^var nicht Haus noch Stätte, so w^eit das Auge sab, kein Segel am Wasser, nur Strand, schimmernd und w^eit, der W^asserseblag am Sand und eine laue Nacht mit mildem Himmelsliebt. Da ^^arfen sie sich beide nieder zur Erde, die noch des vergangenen Tages Glut ausatmete, zu ruhen und den Morgenzuerwarten,dersiezu Schiffern^veisen würde. In der Mitte der Nacht fand der Meister sich mit dem W^eggesellen auf hohem Meer in einem kleinen Schiff ohne Ruder, nur ein Segel über sieb, flammend rot und gelb. Das Sebifflein aber w^urde
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von einem ungeheuren Sturm hui und her gew^orfen, und ringsum 'war nicht Himmel noch Land zu sehen, nur Wasser in aller Weite, entfesselt und heulend. Der Baalschem suchte um sich, aber da war nichts als des W^assers tötliche Einsamkeit. Er suchte in sich, aber siehe, da w^ar alles von ihm gewichen, alle Weisheit und alle Herrschaft. Da fühlte er eine Verlassenheit, die grösser w^ar als die Meeresnot. Er fand sich leer und bar in seiner Seele -wie die hin- geworfene Schale einer Frucht ohne Saft und Süsse. Ein grosses W^einen kam über ihn, und sein Beben war stärker als das Rütteln des Sturmes. Dann •warf er sich neben den Gefährten hin und w^artete auf das Vergehen. Aber indem er lag, ein elend taubes Ding, tat sich ganz sacht eine Stimme auf und hub zu reden an, erst leise und heimlich, doch allgemach seh w^oU sie an und w^ard grossmächtig und schlangdasTobendes Meeres w^ie ein nichtiges Geräusch in ihren Schall. Und der Meister trank den Laut der Gottesstimme.
ImMorgenzwielicht erhoben sich der Baalschem und Rabbi Zewi aus dem nassen Sand. Haar, Antlitz und Ge'wand waren ihnen durchnässt, wie denen, die das Meer ans Ufer spült. Sie sprachen nicht und mieden einer des andern Auge und ^^andten sich, und ohne W^ort und Zeichen schritten sie einig den A^eg zurück, den sie am Abend gekommen -waren.
Als sie mehrere Stunden ge^wandert waren — die
Sonne stand hoch und trocknete ihnen die feuchten
Kleider — , sah der Rabbi von ungefähr den Meister
an und gew^ahrte das alte heilige Leuchten auf seinem
geliebten Angesicht.
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In der Nacht, da der Baalschem mit der Verlassen- heit auf den W^assem und mit der Verlassenheit in seiner Seele kämpfte, lag das Land, das ihn gerufen hatte, in der Erwartung. Die Stimmen der Lebendig- begrahenen redeten aus der Erde hervor und fragten die Stimmen in der Luft: ,,^^as höret ihr?" Da sprachen die Schwestern in der Luft: ,,Ein Sturm braust, und aufden empörten Wassern streitet, deruns erlösen soll".
Und eine Zeit verging, dann fragten wieder die Stimmen der Erde: „Naht er dem Lande?" Und die Ant-wort kam: „Das Wort ist über ihm".
Und wieder schwand eine Zeit, und noch einmal stieg die Frage empor: „\Vas höret ihr?" Und wae das Rauschen todmatter Flügel klang es zurück: „Wir hören den Schritt des Davonziehenden in der Feme". Da tat die alte Erde den Mund auf und sprach; „So will ich mich hinlegen zu sterben". Und sie verhüllte ihr Angesicht und schloss die Augen. Und jegliches Ding kehrte an den Ort seiner Ruhe zurück und bereitete sich zum Tode. Und die Stille dehnte sich über das Land hin, und in der Stille war der Gram, und in dem Gram w^ar das Sterben.
Aber über der Stille w^ard ein Ruf lebendig, der durchbrach und zerstreute sie. Und der Ruf umfmg das Land und redete zu ihm : „Du wirst nicht sterben, meine Freundin. Erde des Herrn, du wirst erw^achen und leben. Und du hadre nicht mit dem, den du ge- rufen hast. Denn er ist geboren als einer, der w^ieder- kehren soll, und die Hand des Herrn ist über seinen Wurzeln, ihn w^iederzubringen zu seiner Zeit; ihn ^ederzubringen zu deiner Zeit, o meine Freundin."
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SAUL UND DAVID
DIES WAR, ALS DER BAALSCHEM zurückgekehrt war von der vergeblichen Reise und die Männer sich um ihn zu sammeln begannen, das Heil zu nehmen von seiner segnenden Hand und von seinem ratenden Munde. Und diese Ersten wurden geheissen: die Gemein- schaft. Denn sie sassen miteinander an seinem Tische und war ihnen gemein die Luft der Seelen, und doch erschien Jeglichem das allgemeine MVort des Meisters wie eine Heimlichkeit, die seinem Ohre bestimmt >var und keinem.
In jener Zeit geschah es zuw^eilen, dass der Baal- schem inmitten des Gespräches in der Rede stockte, erbleichte und dann für eine lange Zeit verstummte und ohne Anteil, das Auge blicklos ins Ungew^isse gew^endet, unter den Freunden verw^eilte. Dann pflegten allgemach auch die Getreuen zu erschw^eigen und m einem bänglichen Warten auszuharren, bis der Sinn des Meisters ihnen heimkehrte. Wenn sich dieses nach einiger Frist erfüllte, erschien der Heilige sehr ermattet, als ob irgend eine verhehlte Kraft am Quell seiner Seele sich genährt und ihn schier zum Versiegen gezwungen hätte. Er fand dann w^ohl noch ein mildes Zeichen für jeden seiner Gäste, aber als- bald pflegte er sich zu erheben und m sein Gemach zu gehen, das er sodann für viele Stunden verschloss.
Die Schüler redeten oftmals untereinander von diesem Ereignis, doch fanden sie nimmer, wie sie auch forschten, dem fremden Geschehen die Deutung.
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Da fügte es sich einmal, dass Rabbi Wolf, der Fröhliche, der keiner Angst je Einlass gab und immer- dar getrost war ob der Liebe des Meisters, um dieses Dinges willen ihn anging und Widerrede und Auf- schluss empfing. So hat es sich begeben, dass wir wissen, wie es sich zugetragen hat. Was aber später geschah, das haben die Lippen des Mannes selber kundgegeben, der an den ^\^urzeln des Geheimnisses wohnte.
Denn in den Jahren des Baalschem lebte m der Stadt Kossow^ ein Rabbi, der in seinem dunkeln ge- w^altsamen Geiste den Erhabenen bekriegte. Dieser Hader aber w^ar uralten Grundes und hatte seinen Keim in den grossen Tagen der Könige. Es w^ird be- richtet und dargetan, dass Jsrael, der Sohn des Elieser, den w^ir den Baalschem nennen, als ein Erbe und Unterpfand der Zeiten in seinem Blute die Seele trug, die einst David, den König, verlassen hatte, als seine Jugend zerbrach und die Sucht ihn befiel. Dem Rabbi von Kossow^ aber, dessen Name w^ie der Name jenes künftigen Schmerzgekrönten, des Urenkels des Baalschem, Nachman w^ar, hatte Sauls, des Traum- fürsten, Seele sich einverleibt. Darum geschah es von einer ^^eile zur andern, dass der Rabbi von einem Ingnmm befallen wAirde, der unerbittlich und aller Martern kundig war und nicht in ihm geboren, und den er tagelang in sich hegte und mit dem Leben seiner Adern nährte, bis das Ding m ihm mächtig 'w^ar und ihn übermannte. Dann riss er sich mit den letzten Kräften auf und entsandte seine rasende Seele, dass sie der Seele des Heiligen sich nahte w^ie ein ge-
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8penstischer Vogel und ihr in düsteren Lauten ein Raunen zuwarf, sich mit ihm zu messen, und da jene das Tuch übers Haupt schlang und schwieg, sich er- höhte wie ein Drache der Finsternis und in ^i^orten einer ungestümen Schw^ermut und eines dröhnenden Hohnes die Verborgene herausschrie. So ereignete es sich, dass der Baalschem zuzeiten plötzlich von seiner Seele verlassen wxirde, da sie zum Kampfe auszog. MalumMal aber, w^enn die Blicke wie Schilder aneinanderklirrtenund die Welten sich aus dem Schlafe reckten und erwachten, das glühende Ringen zu schauen, vermochte es keine der beiden Seelen, sich 'Wider die andere zu heben, denn der einen klare Flamme schlug m aufrechtem Erbarmen zu den Himmeln auf, die-weil der anderen schw^arzes Feuer zw^eifelsüchtig und w^ie von Schrecknissen gescheucht zerflackerte. Es Avar aber die Macht und das Zehren dieser Stille also gew^altig, dass die Seelen, sobald der Ruf der Leiber oder eine mahnende Stimme aus der ungeschiedenen Tiefe sie traf, zum Letzten erschöpft sich erfanden und wie nach schw^erer Fehde heim- kehrten.
Nun aber tat der Rabbi von Kossow^ w^ohl nie- mals einem Menschen Erwähnung von diesen Dingen und sprach nie im Lauten Feindseliges wider den Meister; er konnte jedoch die Schatten nicht verjagen, die sein Angesicht überkamen, wenn von allen Zungen das lebendige Zeugnis für jenen erstand. Dies ge- w^ahrten die Schüler, die ihm anhmgen und ihn liebten, und es w^ar ihnen w^eh, seine Seele alsdann sich in der Pein ergehend zu schauen, auch erregte sich
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■wohl der Eifer in ihnen, dass ein anderer sich über ihren Lehrer erheben sollte. So bedrängten sie den Rabbi viele Male mit stacheligen Reden, sein Heimliches zur hellen Glut zu schüren und ihn zum offenen Widerstreit zu bewegen. „Saget uns, o Herr , sprachen sie, „w^ie geht dieses zu, dass alle Leute zu diesem Manne ziehen und so •wundersam, mit Ver- klärung im Ton und wie von einer Gnade Berührte sein Lob ausrufen? Ist es etw^a derwegen, dass nie- mals noch einer kam, gross und geschmeidig genug im Geiste, seine Ränke und Künste zu zerbrechen? Soll «r die Ursache werden, dass Euer Ruhm zu allen Zeiten sterbe vor dem semen? Ew^ig die Schlinge, die Euren Aufflug hemmt? Ziehet hin, auf dass er sich an Euch messe, sodann w^erden w^ir und alle mit der Augen Innerstem die Wahrheit schauen. '
Lange verschloss sich der Rabbi, der stolz und ehrlich vor sich selbst und seines Femdes tief be-wusst yi/zr, diesen Worten. Da aber die Schüler nicht ab- lieMcn in ihn zu dringen, gew^annen sie allgemach Wirkung und Macht in seiner Seele. Eines Tages rüstete er sich mit den Seinen zur Fahrt, bezw^ang die Scham und zog nach Miedzyborz zum Baalschem. Als sie in sein Haus traten, kam der Heilige ihnen entgegen, schlank erhoben, doch voller Ehrfurcht, und mit hohen ^/orten gab er dem Rabbi seinen Gruss. Jener neigte sich und gab den Gruss zu- rück, und es w^ar, als ob zw^ei grosse Helden der alten Zeit einander den ^^illkomm spendeten. Sie schienen den Genossen urfem und entrückt und ivurden selber keines andern Dinges gew^ahr und
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achtsam denn einander. Die Schüler verhliehen scheu im Vorhof, die Beiden aber traten selbander in ein Gemach, und als die Tür hinter ihnen ins Schloss fiel, war es der harrenden Schar, als sei sie durch einen Wall der Zeiten von den Meistern ge- schieden.
Die standen Aug in Auge, und die alte Liehe stand auf und das alte Leid und der alte Hass. \Vie ein Feld lebendiger Halme rauschte die Fülle der ver- schollenen Jahre. Aber bald war nur noch der Grimm imRabbi, und er erfand sich vielverschlungene, maschenreiche Reden und führte sie mit schlauem Bedacht gegen den Baalschem, dass der sich in ihnen verfange vmd ihm erliege; doch sie fielen ohne Kraft und Griff zur Erde. Nachdem das Gespräch eine TVeile zwischen den beiden hin und her ge- glitten w^ar — der Heilige aber ruhte w^ie ein lächelndes Kind in der friedseligen Gew^issheit seines Wesens — , fragte der Rabbi: „Ist dem so, wie sie sagen, Israel, dass du jeglichen Gedanken der Menschensöhne w^eisst?" Und der Meister antw^ortete: ,,Dem ist so." Darauf fragte jener zum Neuen: ,,So ist es dir bew^usst, w^as meinen Gedanken füllt zu dieser Zeit?" ,,Du w^eisst," sagte der Baalschem, ,,dass die Gedanken der Menschen gemeiniglich nicht zu ruhen pflegen, sondern hin und 'wieder kreisen 'w^ie die Möven über dem W^asser. Binde deinen Gedanken nunmehr an ein Ding, und ich w^ill es dir nennen." Also tat der Rabbi, und der Baalschem sprach: ,,Der vierfach urgeheime Name Gottes ist es, daran dein Gedanke hängt." Da der Rabbi erkannte, dass
