Chapter 6
Section 6
Dermassen begab es sich, dass die beiden in eine Einsamkeit sanken, in der die Stimme der Erde zu Tode verstummt war und nichts Lebendes Gestalt gewann. Denn aus den Büchern des Rabbi Adam stieg ein Glanz auf und ein berauschender Atem des Geistes und die Süssigkeit aller Seelenmächte und nahm die Beiden so völlig ein, dass sie alles Leben um sich vergassen und dem Leib nur so viel von Speis und Trank vergönnen mochten, dass er die flüchtige Seele festhalte.
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Eb war der junge Israel, der voll lauterer Fröhlich- keit, einem spielenden Kinde gleich, ganz ohne Hinter- halt und zweckhewussten Willen in die Tiefe der Schriften untertauchte und sein Herz in ihnen hadete und sie nicht anders aufnahm, als einSch'wamm das Wasser aufsaugt oder ein Stein die Sonnenglut. Also ganz warf er sich ihnen hin und gah des Menschen Gier und Vernunft gänzlichen Urlaub. Der Sohn des Rabbi Adam aber hegte seinen scharfen Verstand und bedurfte eines Dinges, ihn alltäglich daran zu wetzen. Desgleichen w^ar sein Willen ein gefrässig Tierchen und heischte sein Brot und w^ollte schlingen. Und so gefiel es ihm keinesw^egs auf die Dauer, ew^iglich in der goldenen Luft der Entzückung zu verharren, da die Worte w^ie springende Strahlen kristallenen Flusses von dem Munde des Knaben kamen. Sondern er be' gehrte die Dinge zu drehen und im Kopfe zu er- 'wägen, die seltsam genug aus den alten Büchern aufstiegen; und endlich die Macht zu schmecken, die in den Zauberformeln lag. Und in der Ent- behrung dieser Dinge, die ihm nottaten und w^ohl- gefielen, zo^ sich seine Seele zusammen und w^ar eng und beklemmt und schaute ihm kümmerlich und zag aus den trüben Augen. Des ward der junge Israel inne und sagte eines Tages: ,, Bruder, mein Bruder I Was heischen deine Blicke? Was kannst du missen in diesen Tagen?" Da seufzte der Rabbi aus dem Grunde und gab ihm zurück: ,, Knabe, wäre meine Seele also vom Zw^eifel und W^ägen unver- sehrt w^ie die deine, also jung und heil w^ie ein
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Vogclei, ich vvürcle micli -wiegen wie du in dieser Zeiten Wonne. Aber siehe, was dir eingeht wie Honig und deinen Sinn zur Paradiesesruhe stillt, mir nagt und frisst es gleich einer beissenden Lauge an den Wunden. In mir sind viele Gedanken, die ewig kreisend mir niemals Rast vergönnen, in mir gehen Zweifel hin und w^ieder, die nimmer stille schw^eigen. Und in den Reichen ist nur einer, der mir Hilfe geben kann, und so du w^illst, der du nun des heischenden W^ortes mächtig bist, so lass ihn uns rufen, den Fürsten der Thora."
Da erschrak der Knabe Israel bis auf den Grvmd seiner Seele, und alles empörte sich aus seinem reinen ^Vesen. ,, Durchbrich die Demut unseres Harrens nicht," rief er aus. ,,Noch blendet mich der Schein der W^affcn, und noch w^inkt die Stunde nicht, sie zu brauchen."
Da versank der Rabbi schw^eigend und enttäuscht in sich. Sein Aussehn w^urde scheel und gelb, also dass Israel sich heftig erbarmte um der edlen Nöte \v^illen, von denen er w^ähnte, dass sie den Genossen Versehrten. So besiegte er die eigene Scheu und hiess den Rabbi sich rüsten, dass sie gemeinsam sich zu dem gefahrenreichen ^/agnis bereiteten. Um die Kaw"wana der Seele zu erlangen aber, deren es bedurfte, den ^/achter der Thora niederzuzwingen, ^var es geboten, von Sabbat Abend zu Sabbat Abend nicht Speise noch Trank zu gemessen noch irgend einem Gedanken oder einer irdischen Botschaft Zutritt zu verstatten, vielmehr in völliger Abge- schiedenheit und Reinheit zu verharren, die Seele
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gänzlich gelöst von jeglichen Banden. So rüsteten sie denn das Haus und versperrten Tür und Fenster, dass kein Menschenblick oder \Vort sie hemme, ja kein Vogellaut und Sonnenschimmer eindringe. Alsdann tauchten sie in das heilige Bad, alles Unreine von sich abzutun, hernach von Sabbat Abend zu Sabbat Abend lebten sie in Nichtachtung des Verlangens ihrer Leiber nach der Labung durch Speise, und endlich am Eingang der be- schliessenden Nacht spannten sie ihre Seelen zur letzten Inbrunst, und Israel rief erhobenen Armes und zuckenden Mundes in der Angst des Vergehens die zwingende Formel in das starre Dunkel hinauf. Als er aber geendet hatte, stürzte er -wie geschlagen zur Erde und schrie: ,,Wehe, wehe, mein Bruder I Du hast ein Irren in unsere Kaw~wana fliessen lassen. So ist ob der fehlbelasteten aus dem Munde des Zürnens ein Verhängnis ausgegangen, und schon fühl ich es die Luft in unserer Kammer zum Ersticken anfüllen. Ich sehe ihn, des W^ächters Bruder und Nachbarn, den Fürsten des Feuers, w^ie er sich erhebt und die dunkelglühenden Schwingen zum Niedersteigen spannt, damit er sehrenden Brand und vernichtende Flamme über uns ergiesse. Wisse, ^r sind in Todes Hand gegeben. ^Venn unser Lid sich senkt, verfallen w^ir der feurigen Tiefe, Und es gibt nur eine Rettung : dass ^r w^achen und streiten ohne Unterlass bis zum Morgen." Sie w^arfen sich nieder und sammelten starke W^orte in ihrer Seele und riefen den Geist zum Sturme auf, also dass das Herz in der Brust ihnen flatterte vor Ungestüm, und
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sie beschw^oren mutige Bilder vor ihr Auge, auf Glut umlagerte ihr Haus wie Sommermittags Atmen, und aus ihr stiegen süsse Lockungen der Ruhe auf und wiirden stärker und sanft bezwingend w^ie Sommermittags Müdigkeit. Endlich konnte der Rabbi nimmer standhalten und lehnte das Haupt gegen die Mauer. Da umzuckte ihn ein tanzender Blitz, und ein unseliges Fieber riss ihn auf und w^arf ein Stammeln dunkler Lästerung aus seinem Munde. Und schon streckte er die Arme wider den Knaben, als wollte er ihn verderben, da kam der andere Blitz und fuhr ihm ins Herz, fein und leise, w^ie w^enn's ein Sonnenstrahl w^äre, und der Rabbi schlug starr zu Boden.
KAWWANA = Intention: die magitcbe Spannung der auf ein Ziel gerichteten Seele.
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DIE OFFENBARUNG
AM LETZTEN OSTHANG DER KAR-
/ \ pathen stand eine dunkle gebeugte Bauem- J. \ 0chänke. Ihr schmaler Vorgarten mit den roten Beeten atmete der Macht der Berge zu, aber auf der Rückseite blinzelten die schiefen Dachluken zur weiten gelben Ebene hinüber, die im Licht wie in einem nährenden Segen lag.
Das kleine Wirtshaus war recht einsam. An den Markttagen kam -wohl einiges Volk des Weges, Land- leute und jüdische Händler aus den Bergdörfern, die ein Stündlein vemveilten und einander zu glück- lichem Kauf oder Verkauf zutranken-, sonst aber kehrte nur selten ein Jäger oder ein verirrterW^an- derer ein. Wenn ein Gast kam, wnrde er von einer schlanken Frau mit braunen und heimlichen Augen in einer stillen W^eise begrüsst und zum Sitzen ein- geladen. Dann trat die Frau vors Haus, hob die Finger über den Mund und rief mit einer Stimme, die so hell w^ar w^ie die hellen jungen Stauden vor dem Garten, einen Namen zu den Felsen hinüber: „Israeli"
Im vordersten Felsen, einen Steinwurf weit vom Hause, w^ar ein Raum ausgehauen. Er w^ar w^ie eine Stube mit vieler Sonne in der Tür und einem schweren Düster im Grunde, und wölbte sich ^vild und zackig auf, als hätten Träume und die Gewalten einer Seele w^ieder und w^ieder zu seiner Decke emporgeschlagen; nach den Seiten aber zogen sich gesenkte Gänge in die Finsternis, in eines Menschen
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Höhe und Breite, als träte hier einer in Stunden der Nacht an das Reich der inneren Erde, Zw^iesprach zu halten mit namenlosen Dingen. Die Stuhe war stumm und wehrte den Geräuschen; kam aher der helle Ruf der Frau herüber, dann trug ihn die Luft wie eine treue Dienerin zu dem, dem er galt. Und w^o immer er war und oh er dem Dunkel des Grundes nahe lag oder dem Sonnenhimmel, auf den Ruf machte er sich auf, schritt zum Hofe und stand als- bald vor dem Gast, ihn zu bedienen. Dem Gast aber, dem er nahte, griff ein Schauer, Tview^ohl nicht unhold, ans Herz; und noch die Bauern und Händler, die den Mann von manchem Jahre kannten, erfuhren jedesmal von neuem eine Furcht und ein Ehren ob seines Anblicks. Denn so sanft sein Gruss vmd seine dienende Geberde 'war, er erschien ihnen in der Hülle eines strengen Glanzes und w^ar den Bauern Mne der Herr der Berge, den Juden aber >vie eine ferne, grosse Erinnerung.
Er w^ar dreissig oder mehr: die Jahre flogen zu ihm herbei w^ie Vögel mit starken Schwingen, und kamen zu ihm und brachten ihm in den Schnäbeln Kömer des Geheimnisses, und flogen vorüber. Er sah ihnen nicht nach, er sah den konunenden nicht entgegen. Um ihn war das Warten: die Gipfel sahen auf ihn nieder und w^arteten, die Quellen blickten w^artcnd zu ihm hinauf; er aber wartete nicht. Von diesen Jahren ist nichts erzählt, als dass er mit seinem Weibe, mit dem er lange im Elend gewandert w^ar, am Osthang des Gebirges Avohnte und den W^anderem diente. Aber die Höhle im
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Berge ist nocli unzerstört: da kannst du die wilde Wölbung und die gesenkten Gänge lesen.
Doch ein Morgen erschien, da wurde ihm das Auge der Gipfel, das Auge der Quellen offenbar. Er erkannte, dass er in einem Warten stand und durch ein W^arten ging. Die Erde seiner Höhle brannte, vom Eingang w^ar die Stille, von den W^änden das Flüstern genommen : die Stimmen riefen ihn. Aus der Wölbung donnerte ein Befehl, in den Gängen hallte sein Echo, die Stimmen w^aren irgendw^o in einer Stimme gebunden inae die Strahlen in der Sonne.
Diesem Morgen folgte der Tag, und ihm viele Tage: der Befehl w^uchs über dem Haupte des Mannes. Er fühlte die Stunde kommen, er hörte ihren Schritt in der Feme. Er sah hinter sich w^ie in ein zer- trümmertes Throngemach, er ging in die Tat seines Lebens wie in eine Dämmerung ohne Ziel.
Und w^ieder erschien ein Morgen, da hellte es sich ringsum, und das W^issen kam leise zu ihm, w^ie ein Kind sich von rückw^ärts zum Vater schleicht, die Arme um seine Schläfen und die Finger vor seine Augen zu pressen. Da schwieg der Befehl, das Schw^eigen erglühte, und der Baalschem löste die Stirn aus den umschlingenden Händen und schaute in die Welt.
An diesem Morgen fuhr Rabbi Naftali der Ebene zu. Er hatte südlich des Gebirges einen Freund be- sucht, und ob die Rückfahrt auch schon Tage währte, er w^ar noch voll des Gespräches. In seinem Gedanken
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wiederholten sich Rede und Widerrede, aher reiner und mächtiger, als sie gesprochen worden waren, und fügten sich zueinander und zeugten neues und neues Wort und woichsen in Geschlechtem der Rede. Und Rahbi Naf tali wnsste nichts anderes als das Gespräch in ihm. Es schlug in Zeichen durch die \Volken, in der Stimme des W^indes w^aren seine Laute verstreut.
So kam der W^agen zu der kleinen Bauemschänke am letzten Hange. Da zerriss das W^ort in Rabbi Naftali. Er erschrak und blickte auf. Da sah er das Haus mit dem hellen Vorgarten, und es kam ihn plötzlich an, er sei müde, ja er müsse 'wohl müde sein, da das Wort in ihm zerrissen sei. Er fltieg vom W^agen und trat in das Haus. Die Frau begrüsste ihn, hiess ihn sich setzen, stand hoch, die Finger überm Mund, und rief zu den Felsen hin- über: ,, Israeli" Und nach einem Augenblick sah Rabbi Naftali den Wirt in langen, festen Schritten herankommen und sich ihm mit einem gütigen Lächeln verneigen. Es w^ar an Stirn und Augen zu sehen, dass der Mann ein Jude w^ar; aber er trug Bauem- tracht, den kurzen Schafspelz mit dem dicken bunten Gurt und die erdfarbnen Schaftstiefel, und sein langes lichtbraunes Haar presste kein Käppchen ein. Das verdross den Rabbi, und nicht gar freundlich sagte er ihm seinen Wunsch. Aber der Mann w^ahrte das Lächeln und die Demut der Haltung und diente dem Rabbi so fein und leise, dass es fast seltsam schien, wie zart sich der grosse und offenbar starke Mensch bewegte.
Ala Rabbi Naftali eine Weile gerubt batte, rief er: , .Israel, bereite mir den W^agen, denn icb will ■weiter fabren". Der ^Virt trat binaus, um den Bc- febl zu vollzieben, aber im Geben -wendete er sieb balb und sagte läcbelnden Angesicbts: ..Secbs Tage fubren vom Anfang zum Sabbat — ^^arum solltet Ibr bier nicbt nocb secbs Tage bleiben und bei mir Sabbat balten?" Da fubr ibn der Rabbi an und biess ibn scbweigen, denn leicbtfertiges Sagen war ibm w^iderlicb. Und der Mann scbwieg und bereitete den Wagen.
Als aber Rabbi Naftali weiter fubr, w^ar es ibm unmöglicb, das Gespräcb in seinem Geiste ^eder anzubeben, sondern es erscbien ibm w^ie ein zerrissenes Gespinst, das niemand ganz macben kann. Und er ver- wxinderte und betrübte sieb. Und da er sieb dennocb mübte und nicbt ablassen w^ollte, gescbab es, dass sieb seinem Auge alle Dinge verwirrten, und ein grosser W^irbel umfing ibn, also dass er im Wirbel dabinfubr, inmitten verwirrter und durcbeinander kreisender Dinge. Es batte aber Rabbi Naftali bis- lang niemals die Dinge betracbtet, sondern es w^ar ibm genug, ibre Gegenw^art zu kennen und zu er- tragen. Und nun zw^ang ibn der W^irbel, aufzu- scbauen, und er sab die Dinge der W^elt, aber ver- scbeucbt von ibren Orten und verloren im Wirrsal. Es w^ar ihm, als brecbe von unten eine w^ilde Tiefe berein, Erde und Himmel einzuscblürfen. Und über den Rabbi fiel der Scbrecken nieder w^ie ein Würger, im Herzen des eigenen Sinnes spürte er den W^irbel scbw^ellen, und er erfubr die Finsternis. In dem
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gleichen Augenblick aber sab er einen riesenhaften Mann im Schafspelz und erdfarbenen Schaftstiefeln auf den Wagen zuschreiten. Der Mann ging leichten Fusses durch die Verwirrung und schob die jagenden Kreise der Zerstörung sacht zur Seite, "wxe ein Sch-winuner friedsame ^Vellen. Dann nahm er die Zügel und w^andte mit einem starken Ruck die Pferde, die sogleich den W^eg, den sie gekommen waren, mit verdreifachter Schnelligkeit zurückzulaufen begannen, so dass sie nach kurzer Zeit 'wieder an der Bauern* schänke standen. Dem Rabbi Naftali waren Angst und Qual mitsamt der Verwirrung im Nu ver- schwunden, als sei all dies nie gew^esen. Er ver- stand nicht, was ihm widerfuhr, aber keine Frage w^ar in seinem Sinne. Als er vom Wagen stieg und ^vieder in den Vorgarten trat, in dessen Mitte jetzt der zum Mahle gerüstete Tisch stand, begrüsste ihn w^ieder die schlanke Frau mit freundlichem und unbew^egtem Angesicht, wieder rief sie zu den Felsen hinüber, und w^ieder stand der bäurische Mann vor ihm und verneigte sich, nicht anders, als ^^enn er ihn zum erstenmal sähe.
Eine lange Zeit w^ar die W^eihe des Unbegreif- lichen über der Seele des Rabbis. Als er aber Stunde für Stunde um sich die Dinge in der ge^vohnten Art und im geordneten Treiben aller Tage sah, und den Wirt damit beschäftigt, die Wanderer zu be- dienen und ihre Pferde zu tränken, edleren Gebarens ^nrohl, aber sonst ganz so w^ie irgend ein kleiner Schankpächter des Landes, begann er den Gescheh- nissen nachzusinnen. Und w^ie stets vor diesem Tage,
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so waren ihm nun auch wieder seine Gedanken zu ^Villen, so dass er hald in sich die Einsicht geformt und gefestigt hatte, hier hahe nichts als ein Trug seiner in der scharfen Luft der Berge ermatteten Augen oder seines vom Hin und Her des neugeschaffe- nen Gesprächs üherwältigten Sinnes ge^valtet. So heschloss er, üher Nacht in der Herberge zu bleiben und alle Müdigkeit auszuschlafen, am Morgen aber weiter zu ziehen.
Als der Rabbi am nächsten Tage w^ieder auf der Fahrt w^ar, musste er über die gestrige Torheit hell auflachen. Schön und stark geflochten lag der Kranz der Kreaturen um ihn her, jede an ihrem Orte w^achsend und gesichert. Er fühlte, er sehe sie nun zum erstenmal in ihrer Wahrheit, und w^ar dessen froh und hatte einen jungen Mut in seinem Schauen und verwunderte sich über sich selber. Wie glückselig w^ar diese Freiheit und Zuversicht der Wiesen im Räume I Aber während er dergestalt staunte und sich freute, geschah es, dass er den Blick zum Himmel hob, und er entsetzte sich, und ein Grauen erschlug seine Freude. Denn statt des leichten, vieltönig blauen oder von mannigfaltigem Grau durch- zogenen Gewölbes, das ihm von gleichgültiger Ge- w^ohnheit des Sehens vertraut w^ar, spannte sich eine erzene Feste hart, schw^er, aller Fugen und Lücken bar, über der Erde. Und als er erbebend nieder- blickte, merkte er, dass keines der Dinge in Freiheit und Zuversicht stand, sondern gefangen und siech wxichsen sie an ihren Plätzen, und die sich regten, schlichen w^ie in einem w^eiten, aber dumpfen Käfig
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umher. Und es erschien Rabhi Naftali. auch er selber sei gefangen, in einen ewig unentrinnbaren Kerker gebannt, und er verfiel einer Trauer, aus der ihn nicht sein Gedanke und nicht seine Ge-wissheit Gottes emporzutrösten vermochte. Aber da er im tiefsten Schachte der Trauer lag, wurde sein Blick w^ach, und da er aufsah, da w^ar am Firmament das \Vandeln eines Mannes. In erdfarbnen Schaftstiefeln ging er am Himmclsrund hin und rührte hier und hier leise an die eherne Decke. Und v/o sein Finger sie traf, da lockerte und löste sie sich, und es w^ar wie ein Schmelzen und wie ein Aufgehen. Der Finger schlug Bresche auf Bresche in die Feste, und das leichte Blau strömte herein. Zuletzt zerflos« die ganze starre Wölbung, und das w^eiche Lichtgew^ebe breitete sich w^ieder über dem Gesichtskreis, w^ie es sich den Menschenaugen an allen Tagen zeigt. Und darunter atmeten alle Kreaturen tief auf, und noch das verschlafene Gew^ürm schüttelte sich, als würfe es Fesseln ab. Und mit den andern allen atmete Rabbi Naftali auf und atmete die Freiheit ein wie die Luft des Lebens. Er sah zum Himmel empor und suchte den ^^undermann, aber der ^var ver- schwxinden. Da fasste den Rabbi w^ieder das Ge- heimnis an, er w^andte den W^agen und trieb die Pferde, bis er wieder an der Bauernschänke stand. An der Schw^elle trat ihm der, den er suchte, mit dem alten Gruss entgegen, ohne Frage in Wort und Geberde; aber der Gruss dünkte dem Rabbi lieb- reicher als am Tage zuvor. Darum zw^ang er alles Bedenken und sprach: ,, Israel, w^as ist dies für ein
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Ding mit dir, dass ich dir in seltsamer Weise auf meinen \Vegen begegne?" Da hob der andere den Blick und lächelte. Und das Lächeln war nicht nach Menschenart, sondern x^rie eines Sees, der z'wischen Felsen ruht, schmerzliches und nachsichtiges Lächeln aus seinem Grunde herauf, wenn die Abend- sonne ihn streichelt und spricht: ,,Nun gebe ich dich dir zurück" — aber der See lächelt und antwortet: ,,Mir?*' So lächelte der Mann und antwortete: „Mir?" Und der Rabbi w^oUte nicht w^eichen, sondern w^eiter fragen; aber da fühlte er, dass sein Mund verschlossen 'war, denn das Lächeln des andern hatte ihn ge- troffen. So blieb er schw^eigsam und der Fragen voll. Von dannen konnte er nicht mehr, und das Bleiben brachte ihm Stunde um Stunde neue Un- gew^issheit und neuen Seelenstreit. Die Nacht kam und w^ar w^ie der Tag, nur langsamer, und so, dass jede Unbegreiflichkeit sich in ihr noch vertiefte. Am Morgen erst löste ihm der Schlaf die Seele, und sie empfing einen Traum. Und der Traum, den der Rabbi träumte, war der Anbeginn der Schöpfung. Das Licht schied sich von der Finsternis, und die Feste w^ard zw^ischen den ^/assem. Und Rabbi Naftali erschien es, als sei das Wirrsal, aus dem geschaffen w^urde, seine Seele, und als sei sie die gesichtlose Tiefe, aus der Himmel und Erde hervorsprangen. Und er spürte die knetende Hand des Geistes.
