Chapter 5
Section 5
So lebt der Demütige, der der Gerechte und der Liebende und der Helfer ist: vermischt mit allen und allen unberührbar, der Vielheit ergeben und gesammelt in seiner Einzigkeit, vollziehend auf den Felskuppen der Einsamkeit den Bund mit dem Unend- lichen und im Tale des quellenden Lebens den Bund mit den Irdischen, blühend aus tiefem Gelübde und allem Willen der ^Vollenden entzogen. Er weiss,
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da.B8 alles in Gott ist, und grÜ00t die Boten w^ie vertraute Freunde. Ihn schreckt nicht das Vorher und Nachher, nicht das Oben und Unten, nicht das Diesseits und Jenseits. Er ist zu Hause und kann nie Verstössen werden. Die Erde kann nicht umhin, seine ^/^iege, und der Himmel kann nicht umhin, sein Spiegel und sein Echo zu sein.
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dererste kreis:
DERWERWÖLF/DER
ÄJRSTDES FEUERS
OIEOFFENBARUNG/
OIEHEILIGERUh©
lERACHE/DIEHM
MEDA^WDERUN
lUSALEM/SAULl
DAVID
DER WER WOLF
|LS RABBI ELIESER, DEN VA- ter de« Kindes Israel, das Sterben überkam, kannte er nicht ^Vchr noch Staunen, sondern liess dem Tod willig die Seele hin, die in vielen Erdenjahren der Wande- rung und des Drangsais müde ge- worden war und nach dem Feuerquell der Erneuerung verlangte. Aber seine alten Augen, die mit Begier des vollendeten Bildes gewärtig waren, suchten doch noch wieder und wieder das blonde schmale Köpfchen des Knaben: und als ihm die lösende Stunde 'wie ein Ruf aller Tiefen erschien, hob er ihn noch einmal auf seine Arme und hielt ihn mit inniger Kraft: das selige Licht seiner letzten AVege, das ihm und seinem alternden ^Velbe so spät noch aufgegangen war. Er sah ihn eindringlich an, als w^oUe er hinter der hellen Stirn einen Geist aufrufen, der jetzt noch schlief, und sprach: „Mein Kind, er -wird dir entgegentreten, der Dunkle, am Anfang, an der Vollbringung, an jeder Wende; im Gesichte des Schattens und im Gesichte des Lebendigen. Er ist die Schale, die du zerbrechen sollst. Er ist der Abgrund, den du überfliegen sollst. Er ist der Rest von dir. Er schliesst deinen Kreis, und du schliessest seinen Kreis. Es w^erden Zeiten sein, da du w^ie ein Blitz in seine letzte Verborgenheit niederfahren wirst, und er wird aufgehen vor deinen Gew^alten wie eine dünne W^olke; und es werden Zeiten sein, da er dich umringen w^ird mit Fluten
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w^eichen Düsters, und du -wirst einsam auf deinem Riffe stehen mitten im Meere seiner Nacht. Aber jene Zeiten werden zerreissen, und diese Zeiten -werden zerreissen, und du w^irst ein Sieger sem in deiner Seele. Und dieses ^vlsse, dass deine Seele ein Erz ist, das keiner zersplittern und nur Gott verschmelzen kann. Darum furchte den Dunkeln nicht, furchte nichts und niemals !"
Das Kind las von dem w^elken Munde die Worte, und es w^ar, als ob ein Unmündiger den grossen, strahlenden Becher leerte, der dem Manne bestimmt ist. Die Worte senkten sich ein und blieben.
Als Rabbi ELeser verschieden w^ar, nahmen die frommen Leute der Gemeinde die Sorge um den Knaben auf sich, um der Liebe w^illen, mit der sie den Vater geliebt hatten. Und da es an der Zeit war, taten sie ihn in die Schule. Allem es begab sich, dass er der lauten Enge sehr abhold w^ar; immer -wieder entw^ich er und lief in den \Vald, w^o er sich zwischen Bäumen und Tieren vergnügte und in dem grossen grünen Gehege ohne Scheu vor Nacht und Wetter sich so sicher vertraut bew^egte, als wäre es das Haus seiner Geburt. Wenn sie ihn alsdann unter eifrigem Ermahnen zurückbrachten, hielt er -wohl einige Tage unter dem einförmigen Sprechgesang des Lehrers still, dann aber lief er ^wieder davon, entglitt leise wie ein Kätzchen und warf sich in den Wald. Nach einiger >Veile erfanden die Männer, die um ihn sorgten, sie hätten des Betreuens genug getan, und ihre Mühen um den Wilden wären ganz und gar vergeblich. So liessen sie ab, und er blieb ungeschaut und unge-
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fragt und lebte mit dem stummen ^Verden der Kre- aturen.
Als er zw^öir Jakre hatte, verdingte er sich dem Lehrer als Behelfer, die Knaben aus dem Hause zur Schule und wieder heimwärts zu führen. Da sahen die Leute m dem stumpfen Städtchen etw^as Wundeiv sames geschehen. Ihre Knaben mit den schatten- blassen ^^angen und den zagen, altklugen Augen, mit dem müden Schritt, verwandelten sich. Israel führte Tag für Tag einen singenden und jubelnden Zug durch die Strassen zur Schule und führte ihn auf einem w^eiten Umw^eg über Wiese und ^Vald wieder nach Hause. Die Kinder senkten nicht mehr die klemen, schw^eren Köpfe. Blumen und grüne Zweige trugen sie in Händen und regierten die Welt.
Da entbrannte in ihnen die Andacht. Und so gross ^var die steigende Flamme, dass sie den trüben Qualm des Elends und der Verw^irrung, der w^ie ein enger Panzer sich um die Erde presst, durchbrach und in die Himmel loderte. Und siehe, oben er- glänzte ein ew^iger, blühender W^iderschein. Und die verlassene Gottesherrlichkeit hielt in der Irr- fahrt inne und hob ihr schmerzensreiches Angesicht dem Licht entgegen, das w^ar wie die rosenglühende Dämmerung eines kommenden Reiches.
Der dunkle Geist aber schwoll auf in Hass und Bangen und stieg, nächtig und schw^er, stieg bis in die Himmel, und ein rauchfarbnerFlor umdüsterte die schimmernde Ahnung. Er redete mit harter Be- w^egung von dem, w^as da unten sich zu ereignen begann, und w^ie er um sein ^/erk betrogen w^ürde.
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Er schrie in w^ütiger Begier, kämpfen w^oUc er wider den allzufrühen Boten. Sein Schrei drang wie ein doppelt geschärfter Dolch ina Herz der Gottes- herrlichkeit, das duldende Haupt sank w^ieder auf die Brust, und sie hob die leidvolle Hand zur ge- ^^ährenden Geberde.
Da ging der Trübe von hinnen vmd stieg in sich selber hinab. Hier fand er die Bilder aller Wesen in bleicher und gespenstischer Leere : sie lebten nicht, aber sie schoben sich und drängten sich zusammen und gaben sich her und woben die tolle Erscheinung. So griff er nach ihnen, zog eins nach dem andern hervor und prüfte es, die einen mit gleichgültigem, die andern mit gelangw^eiltem, etliche mit einem zärtlichen und w^ohlgefälligen Blick. Die band er dann aneinander und mischte und knetete sie und erschuf aus ihnen ein hohles Ungeheuer, umstachelt von allem Entsetzen, mit der Fratze des Lebendigen. Und als ihn das Gebilde angrinste, nahm er sein eigenes Herz, Kern aus dem Kerne der Finsternis, und tat es in die Höhle des Tieres.
Als Israel die singenden Kinder wieder über die Wiesen führte, brach der Werwolf aus dem W^alde und fiel in fahler Ungestalt und mit schaumtriefendem Munde unter die Schar. Einige der Knaben flohen in brennender Angst, andere sanken besinnungslos zusammen oder klammerten sich zitternd und stumm an Israel. Zw^ar entw^ich das Tier alsbald, aber viele der Kleinen lagen tagelang fiebemd und in wirren Träumen, und allen war das lichte Reich erloschen. Die Eltern bangten und waren bestürzt und ohne
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Rat und hielten die Kinder in den Stuben ver- sperrt.
In Israel aber erwachten die ^Vorte seines Vaters, wie ein Schläfer auf dem Felde erwacht, wenn die Schauer des Abends über ihn gleiten, und er schüttelte das Grauen ab. Und stark im gewonnenen Sinne ging er in die Häuser und sprach den Eltern zu, sie sollten ihm die Knaben "wieder lassen, ohne Furcht und Sorge: er w^olle sie vor dem Unhold bew^ahren. Und sein^Vort -war so hell im Laute undsoschw^ingend im Mute, dass die Leute ihm nicht w^iderstreben konnten und keinen ^Villen mehr fühlten als den seinen.
Als er nun -wieder mit der jungen Schar hinaus- zog, sprach er ihr zu, -wie er den Grossen zu* gesprochen hatte, und noch anders, aus der um* fangenden Wärme des brüderlichen Lebens, bis die Seelen sich w^eiteten und erstarkten. Als sie auf die ^Viese kamen, hiess er sie stehen bleiben und ging allein w^eiter. Und w^ieder brach der AVer- w^olf aus dem ^/ald, furchtbarer als zuvor, und blutiger Geifer troff ihm aus dem aufgerissenen Rachen. Aber der Knabe Israel ging ihm entgegen. Riesenhaft hob sich das Tier vor seinem Blick, es w^ar ihm, als wüchse es in die Wolken und streckte seine Tatzen über die Fläche der Erde. Aber er ging w^eiter. Und nun stand er vor dem Leibe des ^Vesens, nun sah er nichts mehr, alles Bild ging unter, nun -war kein Raum mehr zw^ischen beiden. Aber das Wort war Avach in ihm wie der Stoss einer Flamme, und er ging weiter: ging in das Wesen
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hinein. Zuerst fühlte er rings um sich einen feuchten, totkalten Nebel, dann fühlte er nichts mehr, und dann fielen graue, sch\Ä'ere Flocken rings um ihn nieder, und zuletzt zerflossen auch sie und er stand in stiller Luft und ein Herz lag auf seiner Hand, das war dunkel und zitterte. Da griff er danach und umpresste es mit seinen Fingern. Aber als er dies tat, schrie eine dunkle Stimme auf und Tropfen eines dunklen Blutes fielen schwer zur Erde. Da löste er die Finger und sah das Herz an, und er sah es zittern. Und er verstand, dass es nicht aus der Be- drängnis zitterte, sondern es w^ar ein Krampf des Willens und des Verhängnisses von je und für immer. Da kam über Israel das grosse Leid, und er erbarmte sich des dunklen, zitternden Herzens, und es kam ihm, dass er es freigeben musste, gut oder böse, Herz des Satans oder Gottes Herz, um des Leidens w^illen. So legte er es auf den Boden, und die Erde achlang es ein oder es entschw^and.
Für die Knaben aber kam nie mehr die lichte Zeit zurück. Mochten sie auch singen und jubeln, im innem Leben waren sie gebeugt, seit sie das dunkle Herz gesehen hatten.
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DER FÜRST DES FEUERS
A LS RABBI ADAM, DER ZAUBERKUN- / \ ^i^^> ^ hohen Jahren stand, fiel auf ihn ^ \ die letzte Sorge, wem er seine Schriften nach seinem nahen Tode anheim gehe. Denn in ihnen "war der W^eg zu jenen unaussprechlichen Gewalten verzeichnet, mit denen er zuweilen in das Triebw^erk der Geschicke gegriffen und den Gang der Räder nach seinem Sinne befohlen hatte. AVohl w^ar dem Meister ein Sohn geboren, allein der war nur seines Leibes Erbe und Blüte. Das ^^ar dem Rabbi in langen Jahren schmerzliche Er- kenntnis ge^vorden, und zw^iespältig und bitter dünkte ihm an vielen Tagen seines Willens hohe Kunst, da dieses zu w^enden ihr in Ew^igkeit verwehrt blieb. Zu der Zeit, da sein Leben im hohen Sommer der schw^ellen- den Seelenkraft stand, reckte er allnachts die Fäuste gegen denliimmel und haderte darob mit dem Unnenn- baren, der auf all sein verw^egenes Weltenspiel mit einem Lächeln niedersah ^e ein Mann auf eines Knaben kleines, keckes Unterfangen. Dann kamen die Jahre der Müdigkeit, da der Körper schw^er und ^derspenstig wurde und die Seele einsam zu ihren steilen ^Vanderungen aufstieg, w^ährend der Leib bleiern und lastend der tiefen Schlucht des Schlafes verfiel. Und damals wurde sein Sinn milde, und er blickte um Versöhnung in die ew^igen Augen, die über den Welten leuchten. Da hob er sich Nacht um Nacht im Traume und tat die aus Herzblut geborene Frage : „Wem, o Herr, lasse ich die
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Quellen meiner Gew^issheit und meiner Mächte?" Und oftmals fragte er vergebens, und das Dunkel seines Traumes blieb wortlos. Aber in einer Nacht kam die Antw^ort und war über ihm: »Du sollst sie senden und zuteilen dem Rabbi Israel, dem Sohne des Elieser, der in der Stadt Ukop w^eilt."
In den Tagen, die alsbald kamen, fühlte er, "wie die Schleier des leiblichen Vergehens ihn sacht umspannen. Er berief den Sohn in die Abgeschiedenheit seiner Kammer und öffnete die Lade, die die geheimnis- reichen Blätter barg, darauf jedes Zeichen dem Vor- bestimmten ein Schlüssel zu der Burg der Gew^alten w^erden konnte. Indem der Alte zu sprechen begann, erhob sich der ferne Schmerz vergangener Tage noch einmal und drückte ihm die Kehle zu, so dass die ^^orte nur schw^er sich ihr entrissen. Aber wie ein Ding, das dem Scheidenden nimmermehr ziemen w^ill, tat er das Leid ab und gab dem Sohne die AVeisung und sprach: ,, Bringe sie dem Israel, ihm gehören sie zu, denn die Wurzel seiner Seele ist ihnen ein- geboren. Achte es für eine hohe Gnade, >venn er bereit sich w^eist, mit dir zu lernen, und halte dich zu aller Zeit in Demut, die'w^eil du nur der arme Bote bist, erwählt, dem Helden das Sch\vert zuzutragen, das schw^eigsame Geister unter der Erde in vielen Gezeiten ihm geschmiedet und geschliffen haben".
Damach, als eine kleine Frist dahin w^ar, hess der Alte die Fesseln und Spangen, die Dauer und Ort hiemieden um ihn gelegt hatten, sacht von den dürftigen Gliedern gleiten und entschw^and der \Velt. Der Sohn, nachdem er des Vaters abgestorbenen Teil
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mit heiligen Ehren der Erde -wiederum anheimge- geben hatte, trug in Treuen das letzte Geheiss, be- stellte sein irdisches Gut und trat mit den Schriften des Toten die Reise nach Ukop an. Er -war allezeit ein \iallig und fugsam ^^erkzeug in des Vaters macht- reichen Händen gewesen, hatte des eigenenWillens fast ermangelt und seine Seele zum Zug nach oben der väter- lichen überlassen, wie man ^vohl Nachen an Nachen kettet zur Fahrt den Strom entlang. Nun fristete sein Geist sich führerlos in Bangigkeit dahin, und unter man- chem Zagen ^vandte er es unterwegs im Bedenken, wie er es wohl bestelle, m Ukop jenen Israel zu finden, der seines Vaters Erbe und sein eigner Hort zu w^erden bestimmt w^ar. Als er sodann die Stadt erreichte, begegneten ihm die Leute, da er sie w^issen liess, dass er des W^undertätigen Sohn sei, in vielen Ehren, und er fand es leicht, unter ihnen offenen Auges zu leben, um den Erwählten der Macht zu suchen. Aber w^ie er sich auch umtat, bot sich keiner seinem forschenden Sinn dar, als der Knabe Israel, der vierzehn Jahre w^ar und im Bethaus kleinen Dienst tat. Denn wiew^ohl dieser sich in harmloser und einfältiger Art anliess, ^fo er sich unter den Augen aller w^usste, ahnte der Suchende in der Seele des Knaben eine heimliche Gnade, die von diesem Unmündigen in Einfalt gehütet und geborgen wurde. Daher beschloss er im Rate seines Herzens, dem Kinde nahe zu kommen. Dieses Sinnes begab er sich zum Vorsteher der Gemeinde und erbat sich von ihm einen stillen Raum im Bet- haus, dann er, dem lauten Tag enthoben, der heiligen ^Veisheit in Frieden pflegen möchte. Desgleichen
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heischte er, dafls man ihm den Knaben Israel zum Diener gewähre, damit er ihm zur Hand sei m all seinem Bedürfen. Der Gemeindevorsteher und die andern waren es wohl zufrieden und ersahen es für den jungen Israel als eine gar reiche Ehre, dem Sohn des Gewaltigen gesellt zu sem.
Der aber gab sich nunmehr das Gebaren, als sei er zutiefst in das Wesen der hohen Bücher versunken und achte alles Ereignis um ihn her mcht mehr und minder als einer Mücke Sonnentanz. Dessen w^ar der Knabe sehr froh und liess mcht von semer alten Ge- w^ohnheit, die also war, dass er allnachts sich zu er- heben pflegte, um der Weisheit anzugehören und an die Feuerquellen des Geistes zu dringen, diew^eil er des Tages mit kindischem Gehabe jegliches Wähnen täuschte, das sich etwa ob seines schimmernden Antlitzes erheben mochte. Der junge Rabbi aber hatte gleichwohl alsbald sein heimliches Wesen erlauscht und w^ar der Gewissheit gew^ärtig. Eines Nachts, als der Jüngling erschöpft von der sehn- süchtigen Spannung semes Geistes sich auf sein Lager w^arf und seinem Alter gemäss einem tiefen Schlaf verfiel, erhob der andre sich, nahm ein Blatt aus den zauberreichen Schriften und legte es auf des Schläfers Brust. Darauf eilte er aufsein eigenes Ruhebett zurück und hielt sich lauschend stille. Nach einer Stunde des schw^eigsamen Harrens sah er, -wie der Knabe erst unruhvoll sich w^endete, dann noch schlummerbefangen nach dem Blatte griff, endlich wie von geheimmsmächtigen Händen erfasst, sich aus dem Bann des Schlafes aufnss und beim Schein eines kleinen
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Olhchtfi, das des Nachts in der Kammer glomm, sich in die Schrift versenkte. Und dem Beschauer ^var, ala "würde der Raum heller und grösser, indem der Knahe las, und das Kind seihst ^vurde ihm fremder und heiliger, indem es strahlenden Angesichts seine Seele dem Zauhersinn des Blattes vermählte. Endlich gewahrte der Rabbi, wie ein Seufzer des Knaben Brust erhob und schier zu sprengen schien.
Israel barg das Blatt in seinem Gew^ande, und wie beladen von einer urgeheimen Last, taumelte er dem Lager aufs neue zu, der unduldsam heischenden Natur zu einem kurzen Schlafe gehorchend. Der Rabbi aber erlahmte seither niemals, seiner zu achten zu allen Stunden, und als in einer zweiten Nacht sich das Geschehen der ersten wiederholt hatte, w^ar er der Wahrheit inne. Nun zögerte er nimmer, rief den Knaben zu sich und eröffnete ihm die Sendung des toten Meisters. ,,Ich gebe dir ein Ding, das w^enigeMale im Gange unseres Sternes in vergäng- lichen Händen lag", sprach er. ,, Siehe, nur wenige, die durch seinen Besitz mit ihrem Geist die obem \Velten umspannten — und ihre Namen sind unver- gessen — , hatten es vor dir zu eigen. Jahrhunderte versank es gleich einem verschw^undenen Königs- schatz, dann stieg es w^iederum auf, mit dem Urstrom der Schauung und der Kraft einen menschlichen Geist zu tränken. W^isse, mein Vater war der letzte jener kurzen Reihe. Jetzt, nach einer Bestimmung, deren Ursprung mir verborgen ist, gehört es dir an, und w^illst du mir gnädig sein, um dessen willen, dass ich betraut w^ar, dir das Kleinod zu bieten,
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so laas, -wenn du über den Schriften verweilst, meine arme Seele die Luft sein, die dein Wort aufsaugt, das sonst ins ^^^esenlose entflöge." Und Israel antwortete: „Es soll so sein, wie du es sagst. Doch hüte das Schiveigen, dass keiner um das Ding w^isse, denn du und ich, und lass die äussere Gestalt unseres Lebens nicht anderen Schein ge-winnen als bislang." Der Rabbi stimmte ihm bei. Damit aber ihrer Heimlichkeit mehr sichere Hut werde, beschlossen sie, das Bethaus zu lassen, und zogen in ein still entlegenes Häuschen vor der Stadt. Die Juden von Ukop achteten es als eine völlig unvermutete Huld, dass der Sohn des Rabbi Adam den Israel in den Schutz seines Geistes ge- nommen hatte und ihn der Lehre teilhaftig werden liess, und da sie den Knaben nicht anders als des Heiles unbedacht 'wussten, meinten sie, dieses Glück könne nur so gedeutet w^erden, dass es um der Verdienste seines Vaters Elieser w^illen sich also fugen mochte, dass der gelehrte Mann an ihm Wohl- gefallen gefunden habe.
