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Die Legende des Baalschem

Chapter 4

Section 4

Nicht das ist Demut, wenn einer „sich übersehr erniedrigt und vergisst, dass der Mensch durch sein AVort und seine Geberde über alle ^Velten den über- fliessenden Segen herabzubringen vermag". Dies ^»ord unreine Demut genannt. „Das grösste Böse ist, wenn du vergissest, dass du ein Königssohn bist. In W^ahrheit demütig aber ist, w^er die andern ivie sich fühlt und sich m den andern.
Hochmut heisst: sich gegenüberstellen. Nicht w^er •ich ^velss, nur wer sich mit andern vergleicht, ist der Hochmütige. Kein Mensch kann sich überheben, wenn er auf sich ruht: sind ihm doch alle Himmel
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offen und alle ^Velten ergeben; der überhebt sich, der eich dem andern gegenüber fühlt, sich höher sieht als das allergeringste der Dinge, der mit Elle und Ge- wichten schaltet und Urteil spricht.
Ein Zaddik sprach: „^^enn heute Messias kommt und sagt: ,Du bist besser als die andern', dann sage ich ihm: ,Du bist nicht Messias'."
Ohne Werk und Wesen lebt die Seele des Hoch- mütigen, flattert und müht sich und wird nicht ge- segnet. Die Gedanken, die nicht das Gedachte, sondern sich und ihren Glanz meinen, sind Schatten. Die Tat, die nicht auf das Ziel, sondern auf die Geltung sinnt, hat nicht Körper, nur Fläche, nicht Bestand, nur Er- scheinung. W^er misst und wägt, w^ird leer und un- w^irklich wie Mass und Gew^icht. „^Ver seiner voll ist, in dem hat Gott keinen Raum."
Von einem Jüngling wird erzählt, der die Abge- schiedenheit auf sich nahm und sich von den Dingen der AVeit löste, allein der Lehre und dem Dienste an- zuhangen, und sass in der Einsamkeit, fastend von Sabbat zu Sabbat und lernend und betend. Aber m seinem Sinne hatte er über aller Absicht den Stolz seines Tuns, und es strahlte vor seinen Augen, und seine Finger brannten, es auf seine Stirn zu legen w^ie den Reif des Gesalbten. Und also fiel all sein Werk der „andern Seite" anheim, und das Heilige hatte kein Teil daran. Aber immer stärker trieb sich sein Herz auf und fühlte das Sinken nicht, indes die Dämonen mit seinen Taten spielten, und dünkte sich ganz von Gott besessen. Da kam es einst, dass er sich aus sich hinauslehnte und die Dinge ringsum
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stumm und abgewandt gewahrte, und da ergriff ihn das Erkennen, und er schaute sein Tun, aufgeschichtet zu Füssen eines riesenhaften Götzen, und sich selbst schaute er in schwindelnder Leere, preisgegeben dem Namenlosen. Dies wird erzählt und nicht w^eiter.
Der Demütige aber hat die „ziehende Kraft". Alle Zeit, die der Mensch sich über anderen und vor anderen sieht, hat er eine Grenze, „und Gott kann seine Heilig- keit mcht in ihn lassen, da Gott ohne Grenze ist . Aber w^cnn der Mensch in sich ruht wie im Nichts, ist er durch kein Andres begrenzt und ist grenzen- los und Gott giesst seine Glone in ihn.
Die Demut, die hier gemeint ist, ist kerne gc- w^oUte und geübte Tugend. Sie ist mchts als inner- liches Sein, Fühlen und Aussagen. Nirgends ist ein Zw^anganihr, nirgends ein Sichbeugen, Sichbeherrschen, Sichbestimmen. Sie ist zwaespaltbar wie eines Kindes Blick und schlicht 'wie eines Kindes Rede.
Rabbi Jakob Jizchak von Lublin, der „Seher , hatte einen ^Vldersacher, einen harten und engsüchtigen Gelehrten, der „der eiserne Kopf" genannt w^urde. Derbedrängte ihn unaufhörlich mit Fragen, Emw^änden und Vorwürfen. Einmal sagte er zu ihm : „Ihr -wisst doch selbst, dass Ihr kein Zaddik seid. Warum führt Ihr andere auf Eure V/ege und ziehet sie zu Eurer Gemeinde?" Sprach Rabbi Jakob Jizchak : „AVas kaim ich tun? Laufen mir zu und werden meines ^Vortes froh und begehren es gar." Darauf jener: „So gebet es am Sabbat allen insgesamt zu w^issen, dass Ihr keiner der Erhabenen seid." Dies zu tun, w^ar der Zaddik erbötig, und am nächsten Sabbat sprach er vor
den Ohren aller die Worte, die jener ihm befohlen hatte. Da zog in alle Herzen eine tiefe und wunder- same Demut ein, und hingen ihm fürder noch eifriger an als bislier. Als er dies dem eisernen Kopf bekannt gab, bedachte sich der und sagte sodann: „Es ist dies der W^eg bei euch Chassidim, den Demütigen zu lieben und den Hochmütigen zu meiden. Damm saget ihnen, Ihr seiet der Auserwählten einer, und sie werden sich von Euch kehren." Antw^ortete der Meister: „AVenn ich auch kein Zaddik bin, so bin ich doch kein Lügner, und wie kann ich w^ider die \Vahrheit reden?"
Der Demütige lebt in jedem W^esen und w^eiss jedes Wesens Art und Tugend. ^Veil keiner ihm „der Andere" ist, weiss er aus dem inneren Grunde, dass keiner des verhüllten Wertes ermangelt; w^eiss, dass da „kein Mensch ist, der nicht seine Stunde hätte . Nicht fliessen ihm die Farben der W^elt ineinander, sondern jede Seele steht in der Herrlichkeit ihres Eigendaseins vor ihm. „In jedem Menschen ist Köst- liches, das in keinem andern ist. Daher soll man jeden ehren nach seinem Verborgenen, das nur er hat und keiner der Gefährten."
Rabbi ^Volf von Zbaraz sah an keinem ein Böses und nannte jeden Menschen Zaddik. Als zwei einst miteinander stritten und man ^^olf gegen den S chuldigen aufzureden versuchte, ant-wortete er: „Bei mir sind sie beide gar gleich — und wer kann w^agen, sich z-wischen zw^ei Zaddikim zu stellen?"
„Gott schaut nicht auf den bösen Teil," sagte ein anderer, „wie dürfte ich es tun?"
Wer in den Wesen lebt nach dem Mysterium der
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Demut, kann keines verdammen. „Wer über einen Men- schen das Urteil spricht, hat es über sich gesprochen." Der Baalschem sagte zu einem Rabbi, der über einen Sündigen eine harte Busse verhängt hatte: „Du hast noch nie den Sinn der Sünde gefühlt und noch nie den Sinn des gebrochenen Herzens.
Wer sich vom Sünder sondert, geht in der Schuld von dannen. Der Heilige aber vermag an der Sünde eines Menschen als an seiner eigenen zu leiden. So wird uns von Rabbi Sussje, dem seligen Gottesnarren, be- richtet. ^Venn er ein Vergehen erfuhr, war es ihm, als habe er es getan. So kam er einst m eine Herberge und sah auf dem Angesicht des ^Vlrtes die Sünden vieler Jahre w^ie ein Netzwerk aus versteckten Furchen. Und eine W^eile w^ar er still und unbew^egt. Aber als er allein in der Stube w^ar, die man ihm gew^iesen hatte, fiel der Schauer des Mitlebens auf ihn, und er w^arf sich zu Boden und sehne auf: „Sussje, Sussje, du Arger, w^as hast du getan? Ist doch keine Lüge, die dich nicht verlockt hätte, und kein Frevel, den du mcht ausgeschlürft hättest! Sussje, Törichter, Verwirrter, w^ohin nun mit dir?" Und nannte die Sünden des ^Virte8 mit Ort und Zeit als seine eigenen und schluchzte. Der AVirt w^ar dem seltsamen Manne nachgeschlichen und stand vor der Tür und hörte seine Rede. Und erst fasste ihn eine dumpfe Be- stürzung, dann aber leuchteten Reue und Gnade m ihm auf, und er erw^achte zu Gott.
Mitleben allein ist Gerechtigkeit. Em Rabbi hiess un weiten Land der Gerechte, denn er sprach jedem das Urteil nach seinem Tun, mcht mehr und nicht
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geringer. Vor den kam einmal ein Weib, in irgend einer Sache seinen Rat zu erfragen. Er aber fuhr sie an: „Eine Buhlerin bist du!" und achüttete sein Wissen um die Heimlichkeiten ihres Lebens in schweren und drohenden Worten über sie aus und hiess sie sich hinwegheben. Da antwortete die Frau und sprach aus der Bedrängnis ihres Herzens : „Der Schöpfer der Welt ist den Bösen langmütig und fordert ihre Schuld nicht in Eile ein und offenbart ihr Geheimnis keiner Kreatur, auf dasssie sich nicht schämen, zu ihm zurück- zukehren, und verbirgt ihnen sein Angesicht nicht. Und der Rabbi von Apta sitzt auf seinem Stuhl und kann sich keinen Augenblick lang enthalten, zu offen- baren, w^as der Schöpfer der \Velt bedeckt hat. Seither pflegte der Rabbi zu sagen : „Von je hat mich keiner bez'vtoingen, nur einmal ein ^Veib.
Mitleben als Erkennen ist Gerechtigkeit. Mitleben als Sein ist Liebe. Denn jenes Gefühl der Nähe und jenes W^oUen der Nähe zu W^enigen, das unter den Menschen Liebe heisst, ist nichts als Erinnerung aus einem Himmelsleben: ,,Die im Paradies bei- einander Sassen und Nachbarn und Verwandte w^aren, die sind einander nahe auch in dieser Welt." In Wahrheit aber ist Liebe ein Urweites und Tragendes und ohne alle ^^ahl und Scheidung hingebreitet zu den Lebendigen. Ein Zaddik sprach : ,, Wie könnt ihr von mir sagen, ich sei ein Führer des Zeitalters, da ich noch in mir die Liebe zu den Nahen und zu meinem Samen stärker fühle als zu allen Menschen- söhnen?" Dass sich dieses Meinen auch auf die Tiere erstreckt, sagen die Erzählungen von Rabbi
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Wolf, der nie ein Pferd anzuschreien vermochte, von Rabbi Moschc Leib, der die vernachlässigten Kälber auf den Märkten tränkte, von Rabbi Sussje. der keinen Käfig sehen konnte ,,und die Unseligkeit der Vögel und ihr Bangen nach dem Fluge in der Luft der Welt, gemäss ihrer Natur, freie Wanderer 2u sein", ohne ihn zu öffnen, und die Schläge des Besitzers mit lächelnder Freude wie einen kost- baren Lohn empfing. Aber nicht nur die W^esen, denen der kurze Blick der Menge den Namen der Lebendigen zuspricht, gehörender Liebe des Liebenden zu: „Dir ist kein Ding in der Welt, in dem nicht Leben wäre, und von seinem Leben hat jedes die Gestalt, in der es vor deinen Augen steht. Und siehe, dieses Leben ist das Leben Gottes."
So ist es gemeint: die Liebe zu den Lebendigen ist die Liebe zu Gott, und sie ist höher als irgend ein Dienst. Ein Meister fragte einen Schüler: ,,Du w^eisst, dass nicht zwei Kräfte zur gleichen Zeit im Menschensinne Fassung haben. Wenn du dich nun am Morgen von deinem Lager hebst und zw^ei W^ege sind vor dir: Liebe zu Gott und Liebe zu denMenschen, w^elcher ist der erste?" Jener antw^ortete: ,,Ich w^eiss es nicht." Da sprach der Meister: ,,Sieh, es steht geschrieben in dem Gebetbuche, das in den Händen des Volkes ist: ,Ehe du betest, sage das Wort: Und du sollst lieben den Andern wie dich selbst*. Meinst du, das hätten die Ehrwürdigen ohne Absicht befohlen ? Wenn einer dir sagt, er trage Liebe zu Gott und trage nicht Liebe zu den Lebendigen. Falsches redet er und Unmögliches gibt er vor zu besitzen."
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Darum ist, >vo einer sich von Gott entfernt, die Liebe eines Menschen das einzige Heil. Als ein Vater dem Baalschem klagte: „Mein Sohn ist von Gott gew^ichcn — w^as soll ich tun?", erw^iderte er: ,,Ihn mehr lieben".
Eines der chassidischen Grundworte ist dieses: mehr lieben. Seine W^urzeln graben sich tief ein und strecken sich weit hin. Der mag die Kate- gorie: Judentum neu verstehen lernen, der es ver- standen hat. Es ist eine grosse Be'wegung darin, die sich in unterirdischer Historie verwirklicht und inniger noch in zeitloser ^Veisheit und am innigsten "wohl in einem Traum, den zu träumen und zu tragen allerorten und allezeit junge Menschen er- stehen und sterben.
Eine grosse Bew^egung, und doch w^ieder nur ein verlorener Klang. Es ist ein verlorener Klang, w^enn irgendw^o — in jener dunkeln, fensterlosen Stube - und irgend'wann — in jenen Tagen ohne Kraft der Botschaft — die Lippen eines namenlosen, dauer- losen Menschen, des Zaddiks Rabbi Rafael, diese ^Vorte bilden: ,,Wenn ein Mensch sieht, dass sein Gefährte ihn hasst, soll er ihn mehr lieben. Denn die Gemeinschaft der Lebendigen ist der Wagen der Gottesglorie, und •wo ein Riss im ^^agen ist, muss man ihn füllen, und w^o der Liebe ^venig ist, dass die Fügung sich löst, muss man Liebe mehren an seiner Seite, den Mangel zu zwingen."
Dieser Rabbi Rafael rief einst vor einer Fahrt einem Schüler zu, er solle sich zu ihm in den^^^agen setzen. Darauf jener: „Ich fürchte, ich könnte es Euch
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eng machen." Und er mit erhobener Stimme: „So w^oUen urir einander mehr liehen: dann wird uns w^eit sein."
Sie sollen hier stehen als Zeugen, das Sinnbild und die ^Virklichkeit, verschieden und eines, un- trennbar, der W^agen der Schechina und der W^agen der Freunde.
Es ist die Liebe ein W^esen, das in einem Reiche lebt, grösser als das Reich des Einzelnen, und aus einem Wissen redet, tiefer als das Wissen des Ein- zelnen. Sie ist LnW^ahrheit zw^ischen den Kreaturen, das heisst: sie ist in Gott. Leben durch Leben gedeckt und gebürgt, Leben sich giessend in Leben, ao schaut ihr die Seele der W^elt. W^essen das eine ermangelt, des "w^ird das andere ihm entgegen- sch^^ellen. ^«^enn eines zu wenig liebt, wird das andere mehr lieben.
Die Dinge helfen einander. Helfen aber ist: selbst in einem gesammelten ^Villen das Seine aus sich selbst tun. W^ie der, der mehr liebt, dem Andern nicht Liebe predigt, sondern seihst liebt und sich also gewissermassen nicht um ihn kümmert, so kümmert sich der Helfende gew^issermassen nicht um den Andern, sondern tut das Seine aus sich selbst im Gedanken der Hilfe. Das bedeutet: das Eigentliche, 'was zw^ischen den Wesen geschieht, geschieht nicht durch ihren Verkehr, sondern durch eines jeden scheinbar ein- sames, scheinbar unbekümmertes, scheinbar brücken- loses Tun aus sich selbst. Dies w^ird im Gleichnis gesagt: ,,Wenn ein Mensch singt und kann die Stimme nicht erheben, und einer kommt ihm zu helfen und
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hebt an zu singen, dann kann auch jener wieder die Stimme erheben. Und das ist das Geheimnis der Verbindung."
Es gibt aber noch eine andere Hilfe, eine -weite und -wissende, vom Leid der ^iVelten geboren, von ihrem Blut genährt. Wer der ringenden Ew^igkeit hilft, hat jedem Leben geholfen. Auch davon redet ein stilles Gleichnis. Drei Männer sassen einst im Kerker, an einem Orte schw^erer Finsternis. Von diesen Männern -w^aren z-wei w^eise, der dritte w^ar ein Tor. Es -wurden ihnen aber täglich andere Speisen und anderes Gerät zum Essen gebracht, und das Dunkel und die Not hatten den Narren also ver- wirrt, dass er nicht mehr ^vusste, -wie er die ver- schiedenen Geräte gebrauchen solle, die Speisen zum Munde zu bringen, und stumpf und ratlos dasass, ohne zu essen und zu trinken, bis es der eine der beiden Weisen merkte und ihn unterwies. Am nächsten Tage aber wnsste er das neue Gerät wieder nicht zu führen, vind -wieder musste der Gefährte ihm beistehen. Und so ging es seither Tag für Tag. Der andere W^eise aber sass und sch-wieg und achtete keines anderen Dinges als seiner Gedanken. Einmal fragte ihn jener: ,,\Varum sitzest du für dich und sch-weigst und hilfst mir nicht, den Toren zu be- lehren?" Antwortete er: ,,Du mühst dich stetig aufs neue und kommst zu keiner Grenze, denn morgen w^andelt sich das Gerät, und du musst -wieder beginnen. Ich aber sitze und sinne, ^e ich in die W^and eine Öffnung bohren mag, dass das Licht der Sonne hineinstrahle und er alles sehe."
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Es ist aber all dies nicht etwa so zu verstehen, als gälte das einfache Einanderhelfen nicht im Lichte der Lehre. Vielmehr ist dieses einfache Einander- helfen keine Aufgabe, sondern das Selbstverständ- liche und die Wirklichkeit, auf die das Zusammen- leben der Chassidim gegründet ist und über der sich die höheren Gestalten der Hilfe aufbauen. Die Hilfe ist keine Tugend, sondern eine Ader des Daseins. Das ist der neue Sinn des alten jüdischen Wortes, das Wohltun rette vom Tode. Nur eines wird geboten und gefordert: daas der Helfende sich nicht auf die Andern besinne, die mithelfen können, auf Gott und die Menschen, und nicht vermeine, eine Teilkraft zu sein, die nur beizutragen habe, sondern dass jeder als Ganzheit antworte und ein- stehe. So pflegte Rabbi Mosche Leib zu sagen: ,,Es gibt keine Eigenschaft, die nicht eine Erhebung hätte. Und auch die Gottesleugnung hat eine Er- hebung. Denn ^trenn einer zu dir kommt und von dir Hilfe fordert, sollst du nicht etw^as tun und dann ein Frommer sein und zu ihm sagen; ,Habe Vertrauen und w^irf deine Not auf Gott', sondern da sollst du handeln, als sei kein anderer, der ihm helfen könnte, nur du allein."
Und noch eines w^ird geboten und gefordert, und dieses eine ist wieder nichts als ein Ausdruck des Mysteriums der Schiflut: helfen nicht aus Mitleid, das heisst aus einem scharfen, raschen Schmerz, den man bannen w^ill, sondern aus Liebe, das heisst aus Mitleben. Der Mitleidige lebt nicht das Leid des Leidenden mit, er trägt es nicht im Herzen, w^ie man das
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Leben eines Baumes trägt mit allem Saugen undTreiben und mit dem Traum der ^Vurzeln und dem Begehren des Stammes und den tausend Fahrten der Zw^eige, oder "wie man das Leben eines Tieres trägt, mit allem Gleiten und Strecken und Greifen und allem Glück der Sehnen und Gelenke und der dumpfen Spannung des Gehirnes; er trägt dieses sonderliche W^esen, das Leid des Andern, nicht im Herzen, sondern er empfängt von dieses Leides äusserlichster Geberde einen scharfen, raschen Schmerz, dem Urschmerz des Leidenden abgrundweit unähnlich, und so wird er bew^egt. Es soll aber der Helfende mitleben, und nur Hilfe aus Mitleben besteht vor den Augen der Seele. So w^ird von einem Zaddik erzählt, der, w^enn ein Armer sein Mitleid erregte, erst ihn mit aller Notdurft versorgte, dann aber, da er in sich ver- spürte, dass die Wunde des Mitleids geheilt war, sich mit grosser, ruhevoll hingegebener Liebe in das Leben und Bedürfen des Andern versenkte, es in sich als sein eigenes Leben und Bedürfen faaste und in Wahrheit zu helfen begann.
Lieben heisst: das Bedürfen des Andern als sein eigenes fühlen und dennoch auch der eigenen Fülle gew^ahr w^erden, sie helfend auszuteilen. Rabbi Mosche Leib erzählte: ,,Ich habe die Liebe von einem Dorfmann gelernt. Der sass mit andern Bauern beisammen, und als sein Herz lebhaft w^ar vom Weine, sprach er zu einem: ,Liebst du mich oder nicht?' Und er antw^ortete ihm: ,Ich liebe dich gar sehr.' Sprach jener: ,Du sagst, ich liebe dich, weisst du denn, w^as mir fehlt? Liebtest du mich
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in Wahrheit, du würdest e« wissen.' Da schwieg der andere und vermochte kein Wort zu sagen. Ich aber verstand: das ist die Liehe zu den Men- schen, zu fühlen ihr Bedürfen und zu tragen ihr Leid."
W^er solcherweise miterlebt, der verwirklicht mit seinem Tun die \Vahrheit, dass alle Seelen eine sind, denn jede ist ein Funken aus der Seele des Ur- menschen, und sie ist ganz in ihnen allen. Und weil er die Einheit der Seelen mit seinem Tun verw^irk- licht, kann von keiner ihm ein Übel nahen. Denn \^^enn einer ihm Böses tut, sieht er es, als habe eme närrische Hand die Genossin geschlagen und habe nicht bedacht, dass sie eins sind und dieser Schwerz ihr Schmerz vmd dass das Herz, das ihn erfährt, eben das ist, das ihr eignes Leben trägt. ^A^ie sollte er darob trauern oder gar zürnen oder gar auf Ver- geltung sinnen? ,,Wenn ein Mensch sich einmal im Irren einen Schlag versetzt, wird er nun einen Stock nehmen und die Hand schlagen, die ihn ge- schlagen hat? Es geschah ja aus mangelndem \Vissen, und w^ie sollte er seinen Schmerz noch mehren w^oUen?"