NOL
Die Legende des Baalschem

Chapter 3

Section 3

Wer dergestalt in der Vollendung dient, der hat die urgegebene Zweiheit besiegt und hat Hitlahabut in das Herz der Aboda eingetan. Er w^ohnt in den Reichen des Lebens, und doch sind alle Mauern ge- fallen, alle Grenzsteine ausgerissen, alle Scheidung ist vernichtet. Er ist der Bruder der Geschöpfe und fühlt ihren Blick, als w^äre es sein eigener, ihren Schritt, als gingen ihn seine Füsse, ihr Blut, als flösse es in seinem Leibe. Er ist der Sohn Gottes und
20
legt bange und sicher seine Seele in die grosse Hand zu all den Himmeln und Erden und ungewussten Welten, und steht auf den Fluten des Meeres, in das alle seine Gedanken und aller Wesen Wander- schaften münden. ,,£r macht seinen Körper zum Throne des Lebens und das Leben zum Throne des Geistes und den Geist zum Throne der Seele und die Seele zum Throne des Lichtes der Gottesglorie, und das Licht umströmt ihn ringsum, und er sitzt inmitten des Lichtes, und zittert, und frohlockt."
21
KAWWANA: VON DER INTENTION
KAWWANA IST DAS MYSTERIUM DER auf ein Ziel gerichteten Seele. Kawwana ist nicht der Wille. Sie sinnt dicht darauf, ein Bild in die Welt der wirklichen Dinge zu versetzen; nicht, einen Traum zum Gegen- stande festzumachen, dass er hei der Hand sei, hehehig oft empfunden zu werden m satter W^iederholung. Auch darauf nicht, den Stein der Tat m die Wellen des Geschehens zu w^erfen, dass sie eineW^eile unruhig w^erden und sich verwundem, um sodann zurück- zukehren zu den tiefen Befehlen ihres Lehens; einen Funken zu legen an die Zündschnur, die durch die Reihe der Geschlechter geht, dass eine Flamme hüpfe aus Zeit zu Zeit, his sie m einer ohne Abschied und Zeichen erlischt. Nicht dies ist Kaw^vanas Meinen, dass die Pferde an dem grossen ^Vagen einen Antrieb mehr verspüren, oder dass ein Bau mehr aufgerichtet werde vor dem übervollen Blick der Sterne. Kaw"wana meint nicht den Zw^eck, sondern das Ziel.
Es gibt aber keine Ziele, sondern das Ziel. Nur ein Ziel ist, das nicht lügt, das sich in keinen neuen W^eg verfängt, in das alle Wege münden, vor dem kein Abweg ewig flüchten kann: die Erlösung.
Kaw^'wana ist ein Strahl der Gottesglone, der in jedem Menschen w^ohnt und die Erlösvmg meint.
Dies aber ist die Erlösung, dass die Schechma aus der Verbannung heimkehre. „Dass alle Schalen von der Gottesglone w^eichen und sie sich reinige und sich eine ihrem Eigner in vollkommener Einung." Des
22
zum Zeichen eracheint der Messias und macht alle Wesen frei.
Manchem ist sein Lehen lang, als müsse es hier und heute geschehen. Denn er hört die Stimmen des ^Verdcns in den Schluchten hrausen und fühlt das Keimen der Ewigkeit auf dem Acker der Zeit, wie wenn es in seinem Blute geschähe, und so kann er es nimmer anders denken, als dies und dies sei der er- wählte Augenblick. Und immer noch heisser zwingt ihn sein ^^ähnen, w^eil immer noch gebietenscher die Stimmen reden und noch heischender das Keimen schwillt.
Von einem Zaddik wird erzählt, dass er also sehr der Erlösung harrte: w^enn er auf der Gasse ein Ge- tümmel hörte, sogleich wurde er erregt zu fragen, was dies anrolle und ob nicht der Bote gekommen sei : und jedesmal, w^enn er zum Schlafen ging, befahl er seinem Diener, w^enn der Bote käme, solle er ihn im gleichen Augenblick w^ecken. „Denn also sehr w^ar in seinem Herzen das Kommen des Erlösers eingefasst, w^ie w^enn ein Vater den einzigen Sohn aus dem fremden Lande erwartet und steht auf der Turmwarte mit Sehnsucht der Augen und lugt durch alle Fenster aus, und w^enn man die Tür öffnet, eilt er hinaus, um zu sehen, ob sein Sohn nicht gekommen ist."
Andere aber sind des Schreitens kundig in semem Masse und sehen Ort und Stunde der Bahn und ^^issen die Feme des Kommenden. In allem stellt sich ihnen das Unvollendete dar, die Gebrechen der Wesen reden zu ihnen, und der Atem der AVinde trägt ihnen Bitterkeit zu. AVie eine unreife Frucht ist die ^Velt
23
vor ihren Augen. In sich sind sie der Glone teil- haftig — da schauen aic hinaus : Alles liegt im Kampfe.
Als der grosse Zaddik Rahbi Menachem in Je- rusalem w^ar, ereignete es sich, dass ein törichter Mann den ölberg bestieg und in die Schofarposaune stiess. Und keiner hatte ihn gesehen. Und es -war ein Ge- rücht im Volke, dies sei das Schofarblasen, das die Erlösung verkündigt. Als dies an die Ohren des Rabbis kam, öffnete er ein Fenster und sah in die Luft der Welt hinaus. Und sogleich sprach er : „Da ist keine Erneuerung."
Dies aber ist der Weg der Erlösung: dass alle Seelen und Seelenfunken, die der Urseele entsprossen und in der Urtrübung der W^elt oder durch die Schuld der Zeiten gesunken und hinausgestreut sind in alle Kreaturen, die Wandcrschaftbeschliessenund geläutert heimkehren. Die Chassidim reden davon im Gleichnis des Fürsten, der das Mahl erst anheben lässt, wenn der letzte der Gäste eingezogen ist.
Alle Menschen sind die Stätten wandernder Seelen. In vielen W^esen wohnen sie und streben von Gestalt zu Gestalt nach der Vollendung. Die sich aber nicht zu läutern vermögen, werden von der „^Vclt des Wirrgals" befangen und hausen in \Vasserlachen, in Steinen, in Gew^ächsen, in Tieren, der erlösenden Stunde entgegenharrend.
Doch nicht bloss Seelen sind überall verschlossen: auch Seelenfunken. Dieser ist kein Ding leer. Sie leben in allem, w^as ist. Jede Form ist ihr Kerker.
Und dies ist der Sinn und die Bestimmung der Kaw-w^ana: dass es dem Menschen gegeben ist, die
24
Gefallenen zu heben und die Gefangenen zu befreien.
Nicht bloM warten, nicht bloss ausschauen : wirken kann der Mensch an der Erlösung der \Velt.
Dies eben ist Kaw^w^ana: das Mysterium der Seele, die darauf gerichtet ist, die Welt zu erlösen.
Eb wird von Heiligen berichtet, die es im Sturm und in der Gew^alt zu vollbringen vermeinten. In dieser Welt: w^enn sie von der Gnade der Inbrunst so durchglüht w^aren, dass ihnen nichts mehr un- erreichbar schien, die sie doch Gott umfangen hatten. Oder in der kommenden Welt ; ein Zaddik sprach im Sterben: „Die Freunde sind hingegangen und wollten den Messias bringen, und haben es in der AVonne ver- gessen. Aber ich -werde nicht vergessen.
In W^ahrheitjedoch kann jeder nur in scincmBereiche w^irken. Jeder hat eine w^eit in Raum und Zeit aus- gespannte Sphäre des Seins, die ihm zugeteilt ist, durch ihn erlöst zu w^erden. Orte, die von Ungehobenem beschwert und in ihrer Seele gefesselt sind, w^arten auf den Menschen, der zu ihnen kommen wird mit dem W^orte der Freiheit. W^enn ein Chassid an einem Orte nicht beten kann und an einen anderen geht, dann fordert der erste Ort von ihm : „Warum wolltest du nicht auf mir die heiligen "Worte sprechen? Und w^enn Böses an mir ist, so ist es an dir, mich zu er- lösen.' Aber auch alle Reisen haben heimliche Be- stimmung, die der Reisende nicht ahnt.
Von einigen Zaddikim w^ird gesagt, sie hätten die helfende Macht über die wandernden Seelen gehabt. In allen Zeiten, sonderlich aber, -wenn sie im Gebete standen, seien die Irrfahrer der Ewigkeit bittend vor
25
ihnen erschienen und hätten das Heil aus ihren Händen empfangen. Doch auch aus eigenem Trieb hätten sie die Stummen unter den Gebannten xm Exil emee müden Leibes oder im Dunkel des Elements zu finden und sie emporzuretten gewusst.
Diese Hilfe ist als ein ungeheures Wagen inmitten von andringenden Gefahren dargestellt, zu dem nur der Heilige sich spannen kann, ohne niedergeworfen zu werden. »Wer eine Seele hat, der mag sich m den Abgrund hinablassen, festgebunden durch seinen Gedanken wie durch em starkes Seil am oberen Rande, und wird zurückkehren. Aber w^er nur Leben hat, oder nur Leben und Geist, der hat die Artung des Gedankens noch nicht, und das Band wird nicht stand- halten, und er wird in die Tiefe fallen.
Kann also nur der Begnadete geruhigen Mutes in die Finsternis tauchen, um einer Seele beizustehen, die den ^(^irbeln der Wanderschaft überliefert ist, so ist auch dem Geringsten nicht versagt, die verlorenen Funken aus ihrem Gew^ahrsam zu heben und heim- zusenden.
Ueberall sind die Funken eingetan. Sie hängen in den Dingen wie in versiegelten Brunnen, sie ducken sich in den ^Wesen wie in zugemauerten Höhlen, sie atmen Bangigkeit aus und Dunkel em, sie warten; und die im Räume w^ohnen, schwirren wie lichttoUe Falter um die Bew^egungen der Welt umher, schauend, in w^elche sie einkehren könnten, durch sie gelöst zu "werden. Alle harren sie der Freiheit.
„Der Funke in einem Gestein oder Gew^ächs oder einer andern Kreatur ist wie eine völlige Gestalt,
26
die in der Mitte des Dinges -^nae in einem Block sit^t^ dass Hände und Füsse sich nicht strecken können und der Kopf auf den Knien liegt. Und wer den heiligen Funken zu heben vermag, der führt ihn an die Freiheit, und keine Lösung Gefangener ist grösser als diese. Wie wer einen Königssohn aus der Gefangenschaft errettet und 2U seinem Vater bringt."
Aber nicht durch Beschwörungsformeln und nicht durch irgend ein vorgeschriebenes sonderbares Tun geschieht die Befreiung. All dies wächst auf dem Grunde der Anderheit^ der nicht der Grund der Kawwana ist. Es bedarf keines Sprunges aus dem Gew^ohnten ms ^^under. „Mit jeder Tat kann der Mensch an der Gestalt der Gottesglone arbeiten, dass sie aus dem Verborgenen trete." Nicht die Materie der Handlung, nur ihre Weihung entscheidet. Eben dies, w^as du im Gleichmass der Wiederkehr oder in der Fügung der Ereignisse tust, eben diese aus Übung erworbene oder aus Eingebung gew^onnene Antw^ort des Handelnden auf das vielfältige Begehren der Stunden, eben diese Stetigkeit des lebendigen Stromes wird, in der \Veihe vollzogen, zum Erlösen. ^Ver in Heiligkeit betet und smgt, in Heiligkeit isst und redet, in Heiligkeit des gebotenen Tauchbades und in Heiligkeit der Geschäfte bedacht ist, durch den w^erden die ge- fallenen Funken erhoben und die gefallenen AVeiten erlöst und erneuert.
Um jeden Menschen ist — m die w^eite Sphäre seines AVirkens eingebaut — ein natürlicher Bezirk von Dingen gelegt, die vor allem zu befreien er be- stimmt ist. Es sind die Wesen und Gegenstände, die
27
der Besit2 des Einzelnen genannt w^crdcn: seine Tiere und seine Wände, sein Garten und sein Anger, sein Gerät und seine Speise. Indem er sie in Heiligkeit hegt und geniesst, macht er ihre Seelen los. „Daher soll der Mensch sich immerdar seiner Geräte vmd alles seines Besitzes erbarmen.
Aber auch in der Seele selbst erscheinen die der Lösung Bedürftigen. Die meisten sind die Funken, die durch die Schuld dieser Seele in einem ihrer früheren Leben in die Niederung geraten smd. Sic sind die fremden, störenden Gedanken, die oft den Betenden befallen. „Wenn der Mensch im Gebete steht und begehrt, sich an das £>vige zu schliessen, und die fremden Gedanken kommen und fallen: heilige Funken sind es, die gesunken sind und von ihm erhoben und erlöst werden wollen; und die Funken sind ihm zugehörig, der Wurzel seiner Seele versch wistert : seme Kräfte sind es, die er erlösen soll." Er erlöst sie, w^enn er jeden trüben Gedanken seiner reinen Quelle wieder- gibt, jeden auf Sonderheit sinnenden Trieb in den göttlichen Alltrieb ergiesst, alles Fremde in der Eigenheit untergehen lässt.
Dies ist die Kaw^w^ana des Empfangens: dass man die Funken in den umgebenden Dingen und die Funken, die aus dem Unsichtbaren nahen, erlöse. Aber es gibt noch eme andere Kaw^w^ana, das ist die Kaww^ana des Gebens. Sie trägt keine verirrten Seelen- strahlen in hilfreichen Händen : sie bindet Welten an- einander und herrscht in den Geheimnissen, sie schüttet sich in die durstige Ferne, sie schenkt sich der Un- endlichkeit. Auch sie bedarf des Wunderbaren nicht.
28
Ihre Bahn ist das Schaffen, und das Wort vor aller anderen Gestalt des Schaffens.
Die Sprache war für die jüdische Mystik von je ein seltsamer und schauererweckender Gegenstand. Eine eigentümliche Theorie der Buchstaben als der Weltelemente liegt vor, die von ihren Vermischungen als von dem Innern der "Wirklichkeit handelt. Das Wort ist ein Abgrund, durch den der Redende schreitet. „Man soll die ^Vorte sprechen, als seien die Himmel geöffnet in ihnen. Und als w^äre es nicht so, dass du das ^Vort in deinen Mund nimmst, sondern als gingest du in das ^^ort ein." Wer des heimlichen Liedes kundig ist, das das Innen ins Aussen trägt, der tiefen, dunklen Weise, die wunderbar die Laute reiht, des heiligen Reigens, der einsame spröde W^orte zum Ge- sang der Femen verschmilzt, der wird der Gottesmacht voll, „und es ist, als schüfe er Himmel und Erde und alle AVeiten von neuem". Er findet sein Reich nicht vor wie der Seelenbefreier, er spannt es aua vom Firmament zu den schweigenden Tiefen. Aber auch er wirkt an der Erlösung. „Denn in jedem Zeichen sind Welten und Seelen und Göttliches, und sie steigen auf und bmden sich und vereinigen sich mit ein- ander, und danach vereinigen sich die Zeichen, und es -wvrd das ^^ort, und die "Worte einen sich in Gott in ^vahrhafter Einung, da ein Mensch seine Seele in sie gew^orfen hat, und alle Welten einen sich und steigen auf, und die grosse Wonne w^ird geboren." So bereitet der Wirkende die letzte All-Einung vor.
Und wie uns Aboda in Hitlahabut, das Urprinzip des chassidischen Lebens, mündete, so mündet hier
29
Kawwana in Hitlahabut. Denn Schaffen ist Ge- Bchaffcnwcrdcn : das Göttliche bewegt und bewältigt uns. Und Geschaffen werden ist Ekstase: nur wer sich in das Nichts des Absoluten einsenkt, emprängt die formende Hand des Geistes. Dies ^vird im Gleichnis dargestellt. Es ist keinem Ding der Welt gegeben, in sich umgeschaffen zu w^erden und m neue Gestalt 2u kommen, es komme denn vordem zum Nichts, das ist zur „Gestalt des Dazwischen". Kein Wesen kann auf ihr bestehen, sie ist die Kraft vor der Schöpfung und heisst das Chaos. So ist das Vergehen des Eies zum Küchlein und so der Same, der mcht keimt, ehe er in der Erde aufgegangen und verw^est ist. „Und dies wird Weisheit genannt, das heisst: ein Gedanke, der keine Offenbarung hat. Und also ist es, wenn der Mensch will, dass eine neue Schöpfung aus ihm komme, dann muss er mit aller seiner Möglichkeit zur Eigen- schaft des Nichts kommen, und dann schafft Gott in ihm eine neue Schöpfung, und er ist w^ie ein Quell, der nicht versiegt, und wie ein Strom, der nicht aufhört."
So ist zwiefach der Wille der chassidischen Lehre von der Kaw^w^ana: dass der Genuss, die Vennnerung des Aussen, in Heiligkeit geschehe: dass das Schaffen, die Veräusserung des Innen, in Heiligkeit geschehe. Durch heiliges Schaffen und heiligen Genuss voll- zieht sich die Erlösung der Welt.
30
SCHIFLUT: VON DER DEMUT
GOTT TUT NICHT ZWEIMAL DAS gleiche Ding, sagt Rabbi Nachman von Bratzlaw. Einzig und einmalig ist das Seiende. Neu und un- gewesen taucht es aus der Flut der Wiederkünfte auf, geschehen und unwiederholbar taucht es in sie zu- rück. Jegliches erscheint zum andern Male, aber jegliches gewandelt. Und die Würfe und Stürze, die über den grossen V/eltgebilden walten, und die Feuer und Wasser, die die Gestalt der Erde bauen, und die Mischungen und Entmischungen, die das Leben der Lebendigen kochen, und der Geist des Menschen mit all seinem Versuchen und Vergreifen an der w^eichen Fülle des Möglichen, sie alle können nicht ein Gleiches schaffen und nicht w^iederbnngen eines der Dinge, das da besiegelt ist, gew^esen zu sein.
Die Einmaligkeit ist eine Ew^igkeit des Einzelnen. Denn mit seiner Einzigkeit ist er unverlöschbar m das Herz der Allheit eingegraben und liegt im Schosse des Zeitlosen immerdar als der also und nicht anders Beschaffene.
So ist die Einzigkeit das wesentliche Gut des Menschen, das ihm gegeben ist, es zu entfalten. Und dies eben ist der Sinn der Wiederkehr, dass sich die Einzigkeit in ihr immer mehr reimge und vollkommen werde: und dass in jedem neuen Leben der Wieder- kehrende m ungetrübterer und ungestörterer Un- vergleichbarkeit stehe. Denn reine Einzigkeit und reine Vollkommenheit sind eines, und w^er so ganz
und gar einzig geworden ist, dass keine Anderheit mehr Macht üher ihn und Ort in ihm hat, der hat die Reise vollbracht und ist erlöst und kehrt in Gott ein.
„Jedermann soll wissen und bedenken, dass er in der Welt einzig ist in seiner Beschaffenheit, und kein ihm Gleicher war je im Leben, denn wäre je ein ihm Gleicher gew^esen, dann brauchte er nicht zu sein. Aber in ^Vahrheit ist jeglicher ein neues Ding in der ^/elt, und er soll seine Eigenschaft vollkommen machen, denn weil sie nicht vollkommen ist, zögert das Kommen des Messias."
Nur aus seiner eigenen Art, aus keiner fremden kann sich der Strebende vollenden. „^Ver die Stufe des Gefährten erfasst und seine Stufe fahren lässt, diese und jene w^ird durch ihn tucht verwirklicht w^erden. Viele taten w^ie Rabbi Simeon ben Jochai und es geriet nicht in ihrer Hand, weil sie nicht in dieser Beschaffenheit waren, sondern nur wie er taten, da sie ihn in dieser Beschaffenheit sahen."
Aber wie der Mensch m einsamer Inbrunst Gott sucht und es doch einen hohen Dienst gibt, den nur die Gemeinde vollziehen kann, und wie der Mensch mit dem Tun seines Alltags Ungeheures wirkt, aber nicht allem, sondern der AVeit und der Dinge bedarf er zu solchem Tun, so bew^ährt sich die Einzigkeit des Menschen in seinem Leben mit den andern. Denn je einziger einer in AVahrheit ist, desto mehr kann er den andern geben, und desto mehr w^iU er ihnen geben. Und dies eine ist seine Not, dass sein Geben ein' geschränkt ist durch den Nehmenden. Denn „der Schenkende ist von Seiten der Gnade und der Emp-
32
fangende ist von Seiten des Gerichts. Und so ist es mit jedem Ding. ^Vie wenn man aus einem grossen Gefass in einen Becher giesst: das Gefäss schüttet sich in Fülle aus, aher der Becher setzt seiner Gabe die Grenze."
Der Einzige schaut Gott und umschlingt ihn. Der Einzige erlöst die gefallenen Welten. Und doch ist der Einzige kein Ganzes, sondern ein Teil. Und je reiner und vollkommener er ist, desto inniger weiss er es, dass er cm Teil ist, und desto •wacher regt sich in ihm die Gemeinschaft der ^Vesen. Das ist das Mysterium der Demut.
»JDer Mensch hat ein Licht über sich, und w^enn zwei Menschen einander mit den Seelen begegnen, gesellen sich ihre Lichter zu einander, und aus ihnen geht ein Licht hervor. Und dies w^ird Zeugung ge- nannt." Allzeugung fühlen w^ie ein Meer und sich dann wie eine Welle, das ist das Mysterium der Demut.