Chapter 21
Section 21
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meiner Flamme, beAvegt wie sie aber dunkel. Und dies ist mein ^^unscb, den du entlauscbt hast meinem Schritte, und wohl ein mächtiger: zu finden die Seele, die in einsamem Feuer atmet wie die Seraphim. Denn ich w^ill ihr Feuer w^erfen auf den Boten der Nacht, dass es ihn aufschlürfe und zu nichte mache." Da sprach Achija: ,,Des ist mir wehe, mein Sohn, dass ich dir die Kunde nicht schenken kann. Denn mein Amt ist, die envählten Seelen das Geheimnis des Eifers zu lehren. Aber die solcher Lehre bedürftig und ihr geöffnet ist, und sei es die höchste Seele, es ist nicht die, die du suchst. Denn nicht dringt das Geheimnis zu denen, die selbst das Geheimnis sind. Doch lass uns Elija fragen, den Boten des Bundes. Auf seinen Fahrten über die Erden mag er w^ohl erschaut haben, die du suchst." Und sie traten zu Elija hin, der eben mit flüchtiger Sohle durch die Halle des Propheten- himmels ging, die Glieder noch gespannt vom Fluge, im Herzen schon neuen Weges gew^ärtig. Als •ie an ihn traten, neigte er sich zu ihnen, und ea "w^ar, als ob ein ^Vandelstern in seiner Bahn inne- hielte, um einen Menschen anzuschauen. Und ehe noch die Frage sich von ihnen gelöst hatte, redete der Seher zum Baalschem: ,,Den du suchst, ist Mosche der Hirt. Und wisse, er w^eidet die Schafe in den Bergen, die genannt w^erden die Poloninen." Und kaum hatte das Wort ihn verlassen, neigte sich Elija wieder seinen Erden zu und bereitete sich zur neuen Fahrt.
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Die milden Matten neigten flieh wie ^Vellen, von dem Atem des tiefen und stillen Sommers regiert. Die Luft war voll eines Wissens, das nicht reden mag. Der Baalschem ging, und nichts rührte an seine Seele, denn sein Wille war üher ihr und hielt sie jeglichem Ding verschlossen, die in einem langen Leben sich an ein jegliches Ding dahingegehen hatte in strömendem Mitdasein. Er achtete der Tiere nicht, die aus dem W^alde traten mit trau- lichem Geäuge, da sie seinen Schritt vernahmen, und antw^ortete dem Z'weige nicht, der seinen Arm liehkoste. Ganz in sich gezogen ging er durch den Stolz der Gelände hin. Seine Füsse verspürten den Weg nicht und trugen ihn wie in einem steten An- beginn. So kam er an die grosse Bergwiese, die hinter einem breiten Graben anhebend in jähem Schw^ung sich bis zum Gipfel des Berges aufreckte. Auf der mächtigen Fläche w^aren Mosches Schafe ■wie ein leichtes weisses Wölkchenvolk verstreut. Als der Baalschem die Weide erblickte, fuhr er sich schwer über die Augen, w^ie wer -wider die Heimsuchung eines Bildes streitet, und trat alsdann hinter ein Gebüsch, um unbemerkt nach dem Hirten auszuschauen, denn er fühlte noch kein ^Vort in sich.
Da sah er einen Jüngling, der stand am Rande des Grabens, die Schultern von den lichten Haaren gedeckt und das Auge wie eines Kindes Auge in seiner Bläue gross geöffnet, starker Gestalt, in grobem Gewände. Und der Jüngling tat den Mund auf und redete, und wiew^ohl keiner vor ihm w^ar und in aller W^eite keiner, hielt er Zw^iesprach mit
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einem ^Vesen und gab viele inbrünstige ^Vorte aus. Und also redete er: „Lieber Herr, so unterweise mich, w^as ich für dich tun magl Hättest du doch Schafe, die ich hüten könnte, ich wollte ihrer warten zu Tage und zur Nacht, ohne Lohnes zu begehren. Sage, w^as ich tun soll!" Nun schw^ieg er, und da geriet der \Vassergraben in seinen Blick. Da machte er sich auf und hub an, mit eingestemmten Armen, die Füsse dicht aneinander, über den Graben zu springen. Der war breit, Schlammes und allerlei Gezüchtes voll, und das Springen kostete dem Knaben den lichten Schw^eiss. Doch liess er nicht ab und hielt sich keines Augenblickes Dauer an einem Ufer, sondern sprang hinüber und herüber, sprechend: ,,Dir zur Liebe, süsser Herr, und dir zum Gefallen!" Zuweilen nur unterbrach er sein Tun, um nach den Schafen auszusehen, die sich indessen allzusehr ver- stiegen hatten, und gab dem Vieh liebreiche W^örtlein und viel freundlicher Sorge. Dann aber lief er wieder zum Graben.
Lange schaute der Baalschem darauf, und war ihm, als sei dieser Dienst grösser als aller, den er je aus geweihter und gesammelter Seele Gott zu- gebracht hatte. Endlich kam er aus seinem Ver- steck, trat zu Mosche und sprach: ,,Ich habe ein Wort zu dir." Antwortete der Hirt: ,,E8 ist mir nicht verstattet, denn mein Tag ist derer, die ihn gedungen haben." Der Meister sagte: ,,Sehe ich dich doch springen ohne Mass der Zeit." Der Hirt gab zurück: ,,Tu's um Gottes willen, und für ihn darf ich die Weile versäumen." Aber der Baal-
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schein legte ihm die gute Hand auf den Arm: ,, Freund, auch ich bin dir um Gottes willen ge- kommen." Da war jener erfasst, und sie sassen Seite an Seite unter einem Baum, und der Heilige redete von göttlichem Ding in klarem und mächtigem Bekennen, dass der neben ihm aus einer bebenden Seele den Worten lauschte und sie in das Beben seiner Seele aufnahm und darin trug. Und der Baalschem sprach von den Trümmern des Gottes- tempels zu Jerusalem und von dem Herzen, das unter den Trümmern schlägt und w^artet. Und von den Getrennten sprach er: von dem ein- samen Gott, dem die Lichtglorie entsunken ist, vom Dunkel gekrönt schaut er in den wirbelnden Ab- grund der Dinge und -wartet; durch den Abgrund aber wandelt die Schechina, wie eine zarte ver- stossene Jungfrau im Sonnenge wände, und bangt, und leuchtet, und alle Wesen trinken ihr Licht und ihre Bangigkeit. Und die W^esen hellen sich und glühen auf von der Gottesspende vmd brennen empor w^ie eine Flamme, die sich dem Himmel opfert. Und schneller w^ird das Schlagen des be- grabenen Herzens, und sehnsüchtiger der Schritt der Herrlichkeit, und tiefer der Blick des Ein- samen. Und schon ist es, als w^ollten alle Seelen heimkehren und Gottes Verbannung lösen und das Geheimnis der Ew^igkeit erfüllen. Aber die Nacht ist w^achsam : aus ihrer Höhle spähen tausend Augen m das AVerden hinaus, und tausend Arme schlängeln sich in das Werden hinein. Und da es an der Zeit ist, sendet die Nacht ihren Boten. Li w^eicher,
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lockender Finatemis zieht er über die Erde. W^en sein ^i^ort berührt hat, von dem Tällt die Lichthülle ab, und w^er seinen Blick empfangen hat, in dem erlischt die opfernde Flamme.
Als der Baalschem von dem Boten redete, sprang der Hirt auf beide Füsse und schrie: ,,Herr, wo ist dieser Mann, von dem du sagst? Denn es soll nicht sein, dass er länger lebe, als bis zum Augen- blick, da ich ihn finden werde!" Doch der Meister hiess ihn stille sein und begann ihn im Kampfe zu unterw^eisen.
Der Dämon des W^idersachers aber schw^ang in den Lüften und wxirde des Bundes der Seelen ge- 'w^ahr, wie die reife, erleuchtete die sturmstarke, -wehende umfasste und lenkte. Und da er mit der Macht des Fluches in das Innere der geschehenden ^^elt zu schauen vermochte, verstand er, was das Zwiegespräch des Alten mit dem Jungen auf dieser \Viese am Walde ihm und der Ew^igkeit meinte. Er streckte sich über die W^elt und sog sich mächtig an all dem Bösen, das in jenen Tagen gedieh. Darauf erstritt er sich den Weg in das obere Reich und begehrte in gellendem Wort sein Recht auf die Zeiten. Da kam aus der namenlosen Mitte der Einsamkeit eine Stimme, die w^ar so voll der Trauer und übervoll, wie eine Schale, über die sich die Flut des Meeres hingiesst; und die Trauer trieb und wogte um die Stimme w^ie die Flut des Meeres. Und der Dämon fiel nieder und erschrak, denn das Wissen war über ihn gekommen. Die Stimme aber sprach: „Fülle pocht wider Fülle, und
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der Kreis schlingt sich in den andern. In welchen Zeiten willst du walten? Der Augenblick ist dein, und immer der Augenblick, bis dich einst die Seele gew^altigt und du dich in mein Licht stürzest, weil du es nicht länger erträgst, der Herr des Augen- blicks zu sein. Und siehe, du w^eisst es." Und die Stimme schw^and, aber die Flut der Trauer trieb und wogte, und der Dämon lag vor ihr in den Fesseln des Wissens. Alsbald jedoch schüttelte er sie ab und fuhr nieder, und zitternd griff er in die Wolken und ballte sie mit wütigen Fäusten. Er riss den Sturm empor und entliess die Blitze und zw^ang den Donner wieder und wieder zum ^Verke. Er entsandte die klamme Angst aus seinem Gefolge, und sie ergriff die Herzen mit ^Vürgerhänden. Feuer fiel in die Stadt, und die Glocken stöhnten auf.
Da fuhr Mosche, der Hirt, als er Schall und Getöse vernahm, über den heiligen Worten auf und gedachte seiner Tiere, die in der Unbill des Himmels schutzlos über den Berg verstreut geblieben 'w^aren. Er sprang empor und eilte mit langen, eiligen Schritten hinan, die Verirrten mit kindlichen Schmeichelw^orten zu locken, und hörte nimmer auf den Heiligen und sein Warnen.
Der Baalschem wurde still, und die Trauer kam auf seine Stirn, und er beugte sich vor der Ver- nichtung. Und langsam, Haupt und Blick zur Erde gezogen, stieg er nieder. Aber als er im Tale stand, fühlte er einen Arm um seinen Nacken. Und da er sich w^andte, sah er den Engel des Kampfes mit strahlender Stirn und liebreichen Brauen. Und
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der Engel legte auch den andern Arm um seinen Nacken und küsste ihn. Und Israel hen Elieser erkannte, dass dieser der Engel des Todes ist, der da heisst der \Viederbringer. Und sein Erkennen tröstete ihn.
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INHALT
EINFÜHRUNG IX
DAS LEBEN DER CHASSIDIM
Hitlahabut: von der Inbrunst 2
Aboda: von dem Dienste 10
Kawwana; von der Intention 22
Scbiflut: von der Demut 31
DER ERSTE KREIS
Der Werwolf 48
Der Fürst des Feuer» 54
Die Offenbarung 64
Die Heiligen und die Rache 78
Die Himmelwanderung 85
Jerusalem 88
Saul und David 94
DER ZWEITE KREIS
Das Gebetbuch 102
Das Gericht 109
Die vergessene Geschichte 119
Die niedergestiegene Seele 139
Der Psalmensager 153
Der zerstörte Sabbat 162
Der Widersacher 175
DER DRITTE KREIS
Die Predigt des neuen Jahres 190
Die Wiederkehr 198
Von Heer zu Heer 211
Das dreimalige Lachen ~ 220
Die Vogelsprache 227
Das Rufen 240
Der Hirt 247
In demselben Verlag erschien früher:
DIE GESCHICHTEN DES RABBI
NACHMAN
IHM NACHERZÄHLT VON
MARTIN BUBER
Druckanordnung, Buchschmuck und Einband von
E. R. Weiss.
Preis geheftet M. 3. — , in Leinenband M. 4.50.
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PT Buber, Martin
2603 Die Legende des Baalschem
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