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Die Legende des Baalschem

Chapter 20

Section 20

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Und -wie er so an den Meister gedrängt, das eine Ohr nahe dem Munde des Heiligen, sass und im Lauschen aufging, fuhr der ^Vagen in einen Wald ein. Der Weg xvar knapp und eng für das statt- liche Gefährt, und dem Prediger streiften die Nadel- zweige das eine Ohr. So wurde er ein kleines aufmerksam auf den Ort und bemerkte, dass allerlei Vögel gar anmutig ihren Frühgesang aufführten. Und bald unterschied er ^vunderlich genug einzelne ^^orte und Partien, und das ganze war eine grosse Unterredung, und alles hatte einen munteren, lieblichen Sinn. Da w^urde es dem Prediger fröhlich und stolz ums Herz, und er hörte emsig w^eiter zu und unter- schied alsbald auch Stimmen anderer Tiere und den Inhalt ihrer Reden mit recht innigem Behagen an seiner wxinderbaren Fähigkeit.
Über dem einen aber Hess er das andere mit nichten, sondern horchte mit dem zweiten Ohre nicht minder eifrig den \Vorten des Meisters, und so mit geteiltem Geiste nahm er beides hin.
Der W^ald ging zu Ende, und ganz nah sah man die Stadt liegen, die das Ziel des Baalschem w^ar. Der Meister hatte seine Unterweisung geendet und blickte den Prediger stillschw^eigend und forschend an. ,,Hast du gut inne, w^as du von mir vernommen hast?" fragte er nach einer Weile. Und Rabbi Arje sah ihn jetzt mit sicheren, frohen Augen strahlend an und sagte; ,,Ja, Meister, alles hab ich ■wohl verstanden!"
Da fuhr ihm der Heilige mit der flachen Hand leicht über die Stirn.
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Siehe, nun hatte der Rahhi alles, alles vergessen, -wa« der Baalschem an Offenharung in seinen Geist gelegt hatte. Er sass da, trostlos leer und wie ausgehrannt, und hörte die Vögel in den Acker- furchen schreien und verstand und empfand dahei 00 wenig als je vor diesem Tage — eines Getieres simpler, sinnloser LautI
Der Baalschem aher lächelte und sprach: ,,0 w^ehe dir, Rahhi Arje, der du eine unstete, gierige, naschhafte Seele hast! Konntest du sie mir nicht ganz üherlassen in dem Augenblick, da ich die Gnade aller Gnaden in sie legen w^oUte? O w^ehe dir, Freund, der du in Vielheit und Hast sie be- reichern w^oUtestl Gottes W^under sind derer, die sich in Einem sammeln und bescheiden können!"
Da sank der Prediger in sich zusammen und schluchzte schw^er und bitterlich.
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DAS RUFEN
RABBI DAVID PIRKES. DEk SCHWEI- gende, der Schüler des Baalschem, wollte k^ den Messias rufen. Er wollte aus seinem Willen einen Sturmw^ind machen, der sollte an der oberen Pforte rütteln, sollte einziehen und rufen und fassen und auf die Erde reissen. Und er versammelte seine Kraft und holte sie aus allen Dingen, denen sie gegeben w^ar, und band sein Leben los von allenAVesen und Mächten. Und als seines Leibes Gegen-wart und schw^erer Sinn seine ^Veihetaten störten, kasteite er sich und brachte sich dahin, w^o man der Speisen und des Schlafes entraten kann, und lebte in Einheit und Gelöstheit der Seele viele Tage und Nächte. Aber bald gewahrte er seine Schranken und sah, dass er allein war. Er sollte für die Zeit sprechen, aber er konnte es nicht. Er sollte ihre Reife künden, aber er fühlte sie nicht. Er w^ar nicht mit ihr vermählt. Fern von ihm breiteten sich die Lager der Menschen.
Da fand Rabbi David, w^as ihm zu tun gebührte. In jedem Jahre am Versöhnungstag wurde er berufen, das grosse Gebet vor der Gemeinde zu sprechen. Jetzt verstand er den Sinn davon. Er w^usste, er w^ürde auf den Flügeln seines Wortes das Beten aller tragen, das Gebet der Gemeinde und das Gebet ganz Israels, — denn ist nicht das Bethaus des Baalschem der Mittel- punkt der geistigenErde ? Und er beschloss, sein Wort zu schleudern *auf das Volk wie ein gew^altiges Netz, dass alle Inbrunst von ihren engen Eigenzielen w^eg' gezogen und dem Messias zugeführt w^erde. Binden
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'w^ollte er die Seelen Israels zu einer ringenden Schar, zu einem fordernden Fluge. Ja, er Nvollte für die Zeit sprechen. Alle Worte sollten in sein \Vort fliessen vmd in ihm emporströmen. Ja, er ^vollte die Reife der Zeit künden. Das Vielfache sollte zur Einheit zu- sammenwachsen, die keinen Mangel mehr kennt. Ver- mahlen wollte er sichmitderZeitundseinBlutmischen mit ihrem Blute, seine Seele mischen mit ihrer Seele, und das Vermählte in die Nacht werfen um des Morgens willen.
DerVersöhnungstag Tvar da, und die Gemeinde ver- sammelte sich zum Frühgehete. Wie Tote standen sie in den Kleidern der Toten und bereiteten sich, in das Auge der Ewigkeit zu schauen. Nur der Meister fehlte. DerBaalschem 'war sonst der erste im Bethause, wie ein Torhüter Gottes. Heute säumte er, und die Schar der Seinen harrte sein voller Bangigkeit, denn sie wussten, ^vie alles, was er tat, seinen Sinn nahm aus dem heimlichen Geschehen der\Velt. Als derMorgen sich schon in den breiten Tag ergossen hatte, trat der Baalschem endlich leise und fast zögernd ein und ging den Versammelten vorbei und sah keinen an und ging an seinen Ort und setzte sich und legte den Kopf auf das Betpult. Und jene standen und schauten zu ihm und w^agten nicht, mit dem Beten zu beginnen. Er aber hob den Kopf nach einer \Veile, und seine Augen blinzelten ^e eines, der sich müht, in die Sonne zu blicken, und dann senkte er ihn und hob ihn wieder, und dies w^ährte eine Zeit. Danach regte er sich w^ie ein Erw^achender, der einen umklammernden Traum von den Gliedern abtun -will, und w^inkte, man solle
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sich zum Frühgebete stellen. Aber als dieses gesprochen w^ar und die Gemeinde sich geweihten Herzens zu dem grossen Gebete rüstete, welches das Mussaf genannt 'wird, sah der Meister sich im Kreise um und sah sie stehen, eine grosse Schar, stumm, im Gewände des Todes, hingegeben zum Sterben und zum Leben. Und leise, Wort von Wort gezogen, w^ie aus der Tiefe des Sterbens, sprach er zu denen, die um ihn standen : ,,W^er w^ird Mussaf vorbeten?" Und so kaum hörbar die Rede w^ar, im gleichen Augenblick w^ar ein Staunen entzündet in der Gemeinde und w^ogte still durch den stillen Raum. Denn alle wxissten, dies w^ar Rabbi Davids Amt, und er w^ar eingesetzt vom Meister seit Jahr und Jahr und war Gottes Diener im lauten und tragenden Sprechen des hohen Mussaf am Tage der Versöhnung, aus all den zitternden Herzen und von all den flüsternden Lippen emporzutragen die^Vünsche und die Bitten, von der Scheu der Herzen und Lippen gelöst. Aber keiner wagte, demHeiligenzuantw^orten, und schw^eigend w^ogte das Staunen. Er jedoch fragte 'wieder und 'wieder, bis einer leise und mit Zagen sprach : ,, Rabbi David ist doch der Beter I" Da richtete sich der Baalschem auf und 'wendete sich zur Lade, vor der Rabbi David unirdisch bleich und "wie abgestorben stand, und redete zu ihm in ge-waltigem Hohn, ^^ort von Wort gezogen, w^ie aus der Tiefe der Hölle: ,,Du, David, w^illstMussaf vorbeten ? ^Vei8st nichts und 'willst Mussaf vorbeten am Jomhakippurim?" Da standen sie alle bestürzt und verstanden nicht, w^as sich er- eignete, und jeder fragte seine Seele, 'wie es möglich sei, dass derMeister dergestalt einenMenschen schmähe,
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und gare inen Zaddik, und gar am Tage derVersöKnung. Allein die Furcht w^ar gross, und niemand sprach ein Wort. Rahhi David aber stand noch starr und auf- gereckt vor der Lade, und ihm war, als trüge ihn ein Wirbelsturm durch die Nacht; und Fäuste hoben sich aus dem W^irbel und schlugen ihn, und dünne, spitzige Finger zerrten das Gew^and von ihm, und stählerne Knöchel klopften ihm an Aug und Ohr und Brust und Arm und Knie und lähmten ihm Sinne und Glieder, und eisige Krallen rissen seine Seele hervor und "warfen sie in die Nacht. So stand er wie in leerem Räume und wurde keiner Zeit gew^ahr und w^ar verloren. Ur- plötzlich aber w^ich der W^irbel von ihm, und er sah flieh vor der Lade stehen und hörte ein W^ort des Baalschem zu sich herübertönen. Und der Baalschem redete mit leichter Stimme: ,,Ist keiner da, vorzubeten, nun, so geh schon du, Rabbi David I" Da stürzten Rabbi David die Tränen hervor, und er >veinte und "w^einte und begann aus dem ^^einen zu beten und betete in grossem Weinen, und sein brechendes Herz sandte ihm Tränen und immer neue Tränen. Und die Tränen nahmen in ihrem Strome seine Bereitschaft mit und seinen grossen ^Villen und trugen mit sich davon die Kaww^ana seiner Seele, die Frucht der Tage und der Nächte, die Spannung des Unendlichen. Und nichts fühlte und wxisste er mehr als das Leid seines Herzens, und aus seinem Herzeleid redete er zu Gott und betete und weinte. Und an seinem Leid entbrannte das Leid der Gemeinde und schlug empor wie Berges- feuer. Wer eine Decke gebreitet hatte über die\Vinkel seines Lebens, der zog sie nun w^eg und w^iesGott seine
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^^undcn wie einem Arzte. Wer eine Mauer errichtet hatte zwischen sich und den Menschen, der riss sie nieder und litt den Schmerz der anderen in seinem Schmerze mit. Und wem die Brust schw^er w^ar, w^eil er in seinen engen Kreisen das ^Vort nicht finden konnte, das hindringt zum Kern der Geschicke, der fand es nun und atmete in Freiheit.
Aber als das Fest sich geneigt hatte und die letzten Feiertöne der Nek'la in den Abend verbraust w^aren, trat Rabbi David vor den Baalschem hin. Und als er vor ihm stand, ohne ihn anblicken zu können, und das gütige, ruhevolle Angesicht unfern des seinen nicht sah, nur fühlte, vermochte er sich nicht länger zu halten, sondern sank vor die Füsse des Herrn und lag eine AVeile stumm und ringend da. Endlich hob er den Blick und sprach in schw^erer Mühe : ,, Rabbi, w^elche Schuld hast du an mir erschaut?" Und hinter ihm hatte sich die Gemeinde geschart, und alle harrten der Worte des Meisters; mit Augen, die das Gebet ge- läutert vind befriedet hatte, sahen sie auf seinen Mund, und von all den Herzen, die aus dem Quell der Gottes- glut gestillt w^aren, schlug ihm die eine Frage entgegen. Und der Baalschem sprach: ,, Keine Schuld finde ich an dir, Rabbi." Und legte ihm die Hände auf die Schultern, und neigte sich zu ihm w^ie ein Vater, der seinen Sohn im Schw^eigen segnet, und sprach zum andern Mal: „Keine Schuld finde ich an dir." Und als des andern trauervoller, w^artender Blick zu ihm aufflog, sprach er w^eiter: ,,0 Rabbi David, du hast dich bereitet und geheiligt und hast im Feuer der Kasteiung gebadet deinen Leib und hast deine Seele
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gespannt wie eine Bogensehne der Ka\v~wana, um den Messias zu rufen." Und er hielt inne, und jener beugte die Stirn, und er sprach weiter: „O Rabbi David, du •wolltest dein ^^ort w^ie ein Netz schleudern auf das Volk Israel und aller Willen dir dienstbar machen, um den Messias zu rufen." Und tiefer beugte jener die Stirn, und der Baalschem sprach w^eiter: ,,0 Rabbi David, vermeinst du, deine Gew^alt könnte fassen das Unfassbare? Und dränge sie auch vor bis zum innersten Himmel und umfinge mit z'wingenden Armen den Thron des Messias, vermeinst du, du hieltest ihn, ^e meine Hand deine Schulter greift? Über die Sonnen, über die Erden ^vandelt Messias in tausend und tausend Ge- stalten, und die Sonnen und die Erden reifen ihm ent- gegen. In seiner obem Form gesanunelt, zerstreut in unsägliche ^Veite, hütet er allerorten das \Vachsen der Seele, hebt er aus allen Tiefen die gefallenen Funken. Täglich stirbt er die stillen Tode, täglich keimt er in stillen Geburten, täglich steigt er empor und nieder. Wenn einst die Seele schlank und vollendet mitreinen Sohlen den reinen Boden tritt, dann 'wird seine Stunde in seinem Herzen aufpochen, dann wird er sich aus allen Gestalten ziehen und w^ird sitzen aufdemThrone, Herr der Himmelsflammen, die gesprossen sind aus den erlösten Funken, und w^ird niedersteigen und kommen und leben und w^ird der Seele sein Reich schenken." Und weiter sprach der Baalschem: ,,Du aber, Rabbi David, was hast du getan? Du wolltest deine Seele mit der Seele Israels in die Nacht w^erfen um des Morgens willen. Aber kennst du den Herrn der Nacht, den Herrn des anderen Reiches ? Wisse, immer ist Einer, der
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die Zeit befragt, und Einer, der für die Zeit antwortet. Einer, der geben will, und Einer, der nicht annehmen kann. Dieser ist er, der Herr der Nacht, der dazu eingesetzt ist, das Fehle der Zeit zu künden und zu vollziehen. Und als er sah, dass du dich bereitetest und heiligtest, da glomm eine grosse Freude in ihm auf, und er gedachte in deinem Gebete das Gebetisraels einzufangen und sich ein Spiel und ein Kleinod daraus zu machen. Und auch er spannte seine Seele wie eine Bogensehne der KawAvana, und stellte sich au£dem ^Vege auf, w^o dein Gebet aufsteigen sollte, und mühte sich, es zu fangen. Und ich stritt mit ihm an diesem Morgen und w^oUte ihn verjagen, aber ich konnte es nicht. Da schlug ich deine Seele mit einem ^\^irbel der Schande, dass sie ihren Willen verliess und in Tränen aufging. Und dein Gebet stieg auf mitten in den Gebeten Israels vind stieg frei empor zu Gott." Da beugte sich noch tiefer und völlig zu Boden die Stirn des Rabbi David. Aber der Baalschem hob ihn empor und zog ihn zu sich heran und sprach : ,, Als das Weinen über deine Seele kam, da ist an deinem Leide das Leid Israels entbrannt. Und jeder stand im Läuterfeuer seines Herzeleids vor Gott, und jeder wurde rein im Strome seiner Tränen. Wie viele gefallene Funken hast du da emporgehoben I Fürwahr, Rabbi, als du weintest, da w^ar der Messias in dir."
JOMHAKIPPURIM = Versöhnungatag, NEILA = ScUuMtfebet ie» Versöknungstages.
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DER HIRT
IMMER, WENN DAS LICHT SEINEN BOTEN sendet, sendet auch die Nacht ihren Boten. Das Licht hat nur sein Auge, aber die Nacht hat tausend Arme. Der Bote des Lichts hat nur seine Tat, aber der Bote der Nacht hat tausend Ge- berden.
Damals hiess er Jakob Frank. Aller Kunst des Truges kundig, fälschte er das Heiligste, durchzog mit zwölf Erwählten die Städte Polens und liess sich als den Messias und Gottessohn verehren. Der farbige Bann der Lüge ging von ihm aus, sein w^eicher glänzender Blick berauschte das Land, und jedes schwankende Herz fiel ihm zu.
An einem Morgen fühlte der Baalschem eine Hand auf seiner Schulter, und als er sich "wandte, sah er den Engel des Kampfes mit bleicher Stirn und zürnenden Brauen. ,,Was begehrst du, o Herr?" fragte er mit unsicherem Munde. Aber jener sah ihn von Grund zu Grund an, wie der Himmel einen Brunnen ansieht, und sprach nur: ,,Du w^eisst es" und ging. Und der Baalschem fühlte, dass die Hand von seiner Schulter gesehen war, aber an ihrer Statt w^ar die Last eines langen Lebens gekommen und w^ollte nicht w^eichen.
Dennoch rüstete er sich. Und da er sah, dass der Kraft, die in ihm wohnte, nicht genug ^^ar zum ^Verke, beschloss er, alle Strahlen heimzurufen, die er je an irdische Wesen gespendet hatte. Und er besch^'or "weithin die Strahlen und w^arf einen
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Ruf über die Erde und sprach: „Kehret heim, meine Kinder, denn ich bedarf euer zum Kampfe." Und flogen alsbald herbei die Strahlenkinder und um- lagerten ihn in umveitem Kreise und schwiegen. Und Israel der Sohn des Elieser, der Baalschem, blickte ^veit hinaus, wo Sphäre der Seinen sich leuchtend um Sphäre schloss, w^ie die sinkende Sonne am Tagesrande ihr Bild anschaut, ausgegossen im Abendrot über alle Femen. Sodann sprach er mit leisen und langsamen Lippen: ,, Meine Kinder, meiner Kraft Gestirne und wandernde Flammen. Ich habe euch einst entsendet und hingeschenkt, Trost zu bringen oder Tat oder Freude oder Lösung. Aber nun rufe ich euch heim, dass ihr wieder mein seiet und mir helfet in dem grossen Streite w^ider den Boten der Nacht. Und seht, ich hätte euch nicht gezogen von den Stätten der lebendigen Welt, darin ihr w^achset und Leben "wecket, w^enn es nicht um das Heil ginge und um die Geburt der Zukunft. Nun aber berufe ich euch." Da "war wieder das Schw^eigen und lag über dem Lande, als sei jeder Laut aufgesogen von dem schw^eigenden Licht der Strahlenkinder. Endlich sprach eines: ,, Vater und unser Meister. Vergib du, und auch ihr alle vergebet, dass ich leichtes Ding vor euch rede. Aber es ist dies, dass ich dich bitten w^ill, lieber Herr, du mögest mich w^ieder an meine Stätte lassen. Denn als du mich aus dir gabst, hast du mich in das Herz eines Jünglings entsandt, der sehr traurig w^ar. Er sah von seinem Fenster auf einen w^ildbew^achsenen
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Hügel, der vv^ar einmal grün und einmal gelb und rot und einmal weiss, nach dem ^^e^e des Jahres. Und der Jüngling stand da und sah darauf hin, wie man so auf die Dinge hinsieht. Aber seit ich in sein Herz gekommen bin, sieht er von seinem Fenster auf den Hügel des Lebens, und Grün und Rot und ^\^eiss sind die Lichter eines zauberhaften süssen Spieles. Willst du es ihm nehmen?" Da schw^ieg der Baalschem und w^inkte dem Fünklein Gew^ährung zu. Aber alsogleich hoben andere Stimmen an und erzählten von den Menschen, die sie aus Zweifel und Leere, aus Taumel und Bitter- keit, aus Blindheit und tiefer Not befreit hatten und die, wenn sie von ihnen gingen, wieder hin- sinken müssten in die harte verschlingende Finster- nis. Und bald tönte es von tausend Mündern durch die Luft: ,, Willst du sie alle verderben, die du gelöst hast? Und w^elches Heil könnte es je sühnen, wenn alle diese jetzt heillos würden?" So tönte tausendfältig die Frage hin.
Lange sass der Baalschem und lauschte der er- schütterten Luft, die auch nach dem letzten Ton nicht wieder ruhig w^erden wollte, sondern zitterte und sang. Dann lächelte er seltsamen Angesichtes und sprach: ,,^Vohl denn, meine Kinder, und ich segne euch zum andern Male. Und nun — kehret heimi" Und er erhob sich und breitete seine Hände über die leuchtenden Scharen, und es war wie ein Gruss der letzten Stunde.
Und als er allein w^ar und w^eit am Himmelsrand das letzte Strahlengold zurück in die Welt ver-
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fliessen sah, sprach er zu seiner Seele: ,,So suche dir nun eine Gefährtin, liehe Seele, die in ihre Tat gehüllt und geschlossen ist ^^e der ruhende Vogel in seine Sch^vingen und die also in der Glorie ihrer Gnaden steht, dass alle Strahlen ihrer Kraft nur den Glanz ihres Kleides dichter und dichter ^vehen. Suche dir die Schwester, liehe Seele, und lege auf ihre Schultern die Botschaft und das Geheiss, und deinen Arm lege um ihren Nacken, und lenke sie wider den Mann, der tausend Geherden, dass sie ihn vertilge." Und er schw^ang sich empor in die ohere ^Velt und trat in den Prophetenhimmel. Da fand er Achija von Schilo, den Alten, der einst als der Gesandte des göttlichen Zornes w^ider die Könige Judas üher die heilige Erde geschritten "war. Der grüsste den Baalschem und sprach: ,, Gesegnet sei, der da kommt: Israel, mein Sohn. Ich höre eines MVunsches Rauschen um deine Schritte, eines mächtigen Wunsches Ge- hrause. Wie in der Zeit, da ich zu dir dem Knahen in den Nächten niederstieg und dich das Geheimnis des Eifers lehrte, und hell auf lodertest du mir entgegen und hieltest mich in den Armen deiner Feuerhrände, ehe ich noch hei dir w^ar, so hist du noch heute des Feuers voll und glühst üher und üher. ^Vahrlich "wie der Seraphim einer, der Feurigen, die ewig die eigene Flamme trinken und doch alle W^elten aus ihr ernähren." Aher der Baalschem gah ihm die Gegenrede : „Nicht also, lieher Meister, sondern hingegehen hahe ich der Glut aus dem Kerne viel und viel, und hin nur noch der Schatten