Chapter 2
Section 2
Leben war: dahinzustreichen über die Wasaer- fläche".
Doch gibt es tiefer Abgeschiedene, deren Hitlahabut in alledem noch nicht erfüllt ist. Die werden ..unstät und flüchtig". Sie gehen in die ,, Verbannung", um ,,daa Exil mit der Schechina zu tragen". Es ist eine Urvorstellung der Kabbala, dass die Schechina, die Glorie oder Herrlichkeit Gottes, verbannt durch die Unendlichkeit irrt, von ihrem ,, Herrn" getrennt, und dass sie erst in der Stunde der Erlösung sich mit ihm wieder vereinigen wird. So wandern diese Ekstatiker über die Erde, wohnend in den stummen Femen des Gottes-Exils, Genossen des heiligen All- geschehens, wissend um das Rauschen im Blute des Weltenherzens. Der dergestalt Abgelöste ist Gottes Freund, ,,w^ie ein Fremdling eines andern Fremdlings Freund ist, ihrer Fremdheit auf Erden wegen". Ihm w^iderfahren Augenblicke, in denen er die Schechina im Menschenbilde schaut, von Angesicht zu An- gesicht, w^ie jener Zaddik sie im Heiligen Lande sah, ,,in der Gestalt einer Frau, die über den Ge- mahl ihrer Jugend w^eint und klagt".
Aber nicht bloss in Gesichten aus dem Dunkel und nicht bloss in dem Schw^eigen der Wanderschaft gibt Gott sich dem um ihn Entbrannten, sondern aus allen Dingen der Erde blickt sein Auge in das suchende, und jedes W^esen ist die Frucht, in der er sich der verlangenden Seele darbietet. Schleier- los ist das Sein in des Heiligen Hand. ,,Wer eine Frau sehr begehrt und ihre buntfarbnen Gew^änder betrachtet, dessen Sinn geht nicht auf das Prunk-
zeug und die Farben, sondern auf die Herrlichkeit der begehrten Frau, die in sie gehüllt ist. Aber die andern sehen nur die Gewänder und nichts mehr. So schaut, wer Gott in Wahrheit hegehrt und um- fängt, in allen Dingen der Welt nur die Kraft und den Stolz des Bildners des Urbeginns, der in den Dingen lebt. Wer aber nicht auf dieser Stufe ist, sieht die Dinge von Gott getrennt."
Dies ist das Erdenleben der Hitlahabut, die sich über alle Grenzen schw^ingt und sich mit Gott ver- mählt. Sie ist die Tochter eines Menschenw^illens und die Herrin der Heerscharen, das Fünklein eines ^Vesens, das sterben muss, und die Flamme, die Raum und Zeit verzehrt, das im Aufblühen welkende Ge- 'wächs einer Sehnsucht und die ^Vurzel des \Velten- baumes. Sie erweitert die Seele zum All. Sie ver- engert das All zum Nichts. Von ihr redet ein chassidischer Meister in Worten des Geheimnisses: ,,Die Schöpfung des Himmels und der Erde ist die Entfaltung des Etw^as aus dem Nichts, das Hinab- steigen des Oberen in das Untere. Aber die Heiligen, die sich vom Sein ablösen und Gott immerdar an- hängen, die sehen und erfassen ihn in ^^ahrheit, als wäre das Nichts wie vor der Schöpfung. Sie ^^andeln da« Etwas ins Nichts zurück. Und dies ist das AVunderbarere : das Untere emporzubringen. ^Vie es geschrieben steht in der Gemara: ,, Grösser ist das letzte \Vunder als das erste".
ABODA: VON DEM DIENSTE
HITLAHABUT IST DAS GOTTUMFAN- gen ohne Zeit und Raum. Aboda ist das Gottdienen in der Zeit und im Räume.
Hitlahabut ist das mystische Mahl. Aboda ist das mystische Opfer.
Es sind die Pole, zwischen denen das Leben des Heiligen schwingt.
Hitlahabut schw^eigt, da sie an Gottes Herzen liegt.
Aboda redet: ,,^Vas bin ich und w^as ist mein Leben, dass ich mein Blut und mein Feuer vor dir darbringen will?"
Alles ist Gott. Und alles dient Gott. Das ist die urgegebene Zw^eiheit, zusammengefaltet im Dasein der Welt, entw^ickelt im Leben des Heiligen. Das Mysterium, von dem man sich entfernt, 'w^enn man von ihm redet, und das in der ^Virklichkeit der Gott habenden, Gott suchenden Seele lebendig da ist: bewxisst in ihrer Sehnsucht, keimhaft schlummernd in ihrer Ekstase, allsichtbar gegliedert im Rhythmus ihrer Taten.
Hitlahabut ist so fem von Aboda "wie Erfüllung von Verlangen. Und doch strömt Hitlahabut aus Aboda w^ie Gottfinden aus Gottsuchen.
Der Baalschem erzählte: Ein König baute einst einen grossen und herrlichen Palast mit zahllosen Gemächern, aber nur ein Tor war geöffnet. Und als der Bau vollendet w^ar, "wurde verkündet, es sollten alle Fürsten erscheinen vor dem Könige, der
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in dem letzten der Gemächer throne. Aher als sie eintraten, sahen sie: da waren Türen offen nach allen Seiten, von denen führten gewundene Gänge in die Fernen, und da w^aren w^ieder Türen und wieder Gänge, und kein Ende stand vor dem verwirrten Auge. Da kam der Sohn des Königs und sah: eine Spiegelung w^ar all die Irre, und sah seinen Vater sitzen in der Halle vor seinem Angesicht.
Das Geheimnis der Gnade ist nicht zu deuten. Z'wischen Suchen und Finden liegt die Spannung eines Menschenlehens, ja tausendfacher AViederkehr der bangen w^andemden Seele. Und doch ist der Flug des Augenblicks langsamer als die Erfüllung. Denn Gott w^ill gesucht sein, und wie könnte er nicht gefunden sein 'w^oUen?
Der Enkel Rabbi Baruchs, des Enkels desBaalschem, spielte einst mit einem andern Knaben ,, Verstecken". Und er verbarg sich und wartete in seinem Versteck viele Zeit und vermeinte, sein Gefahrte suche ihn und könne ihn nicht finden. Aber als er lange ge- wartet hatte, kam er heraus und sah den andern nicht mehr und merkte, dass er ihn vom Anfang nicht gesucht hatte. Alsdann lief er in die Stube seines Grossvaters mit AVeinen und Klagen um den Bösen. Da flössen die Augen Rabbi Baruchs über und er sagte: ,,So spricht Gott auch".
^^enn der Heilige e^g neues Feuer heranbringt, dass die Glut auf dem Altar seiner Seele nicht ver- lösche, redet Gott selbst den Opferspruch.
Gott w^altet im Menschen, w^ie er im Chaos w^altete zur Zeit der w^erdenden W^elt. ,,Und w^ie als die
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\Velt sich zu entfalten begann und er sah: wenn es Aveiter auseinander fliesst, ivird es nicht mehr zu seinen Wurzeln heimkehren können, da sprach er: Genug! — so ist es, wenn die Seele des Menschen im Leide zerflutet und das Übel so mächtig wird in ihr, dass sie bald nicht mehr heimkehren könnte, da erweckt sich sein Erbarmen und er spricht: Genug!"
Aber auch der Mensch kann ,,Genugl" sagen: zu der Vielheit in sich. Wenn er sich sammelt und vereint, nähert er sich der Einheit Gottes, dient er seinem Herrn. Dies ist Aboda.
Von einem Zaddik w^urde gesagt: ,,Bei ihm ist Lehre und Gebet und Essen und Schlafen, alles Eines, ein Dienst, und er kann die Seele zu ihrer Wurzel erheben."
Alles Tun in Eines gebunden, und das unendliche Leben in jeder Tat getragen: dies ist Aboda. ,,Li alle Taten des Menschen, Sprechen und Schauen und Horchen und Gehen und Stehenbleiben und Sichlegen, sei das Schrankenlose eingekleidet."
Aus jeder Tat w^ird ein Engel geboren, ein guter oder ein böser. Aber aus den halben und w^irren Taten, die ohne den Sinn oder ohne die Kraft sind, w^erden Engel geboren mit verrenkten Gliedern oder ohne Haupt oder ohne Hände oder ohne Füsse.
In allem Tun durchstrahlt von den Vs/ellen der Allsonne und gesammelten Lichtes in allem Tun, dies ist der Dienst. Aber keine Handlung ist zu ihm aus- erwählt. Gott will, dass man ihm auf alle Arten diene.
,,£8 gibt z'wei Arten von Liebe: die Liebe eines Mannes zu seinem ^Veibe, der geziemt es im Geheimen zu sein und nicht am Orte der Schauenden, dieweil diese Liebe beschlossen ist nur an einer von den W^esen geschiedenen Stätte: und die Liebe zu den Gesch^stem und den Kindern, die keiner Verborgen- heit bedarf. Und so gibt es in der Liebe zu Gott zwei Arten: die Liebe durch die Lehre und das Gebet und die Erfüllung des Gebotenen, und ihr geziemt es, in der Stille zu ^vandeln und nicht im Offen- baren, damit sie nicht zu Ruhm und Stolz verführe ; und die Liebe in der Zeit, da man mit den Geschöpfen vermischt ist, redet und hört, gibt und nimmt mit ihnen, und in dem Geheimnisse seines Herzens hangt man an Gott und lässt nicht ab, ihm zuzusinnen. Und dies ist eine höhere Stufe als jene, und von ihr ist gesagt: ^^er gäbe dich mir zum Bruder, der an den Brüsten meiner Mutter sog, ich würde dich in der Gasse finden und dich küssen, und nicht dürften sie mich darob verachten."
Dies ist aber nicht so zu verstehen, als sei in dem dergestalt Dienenden eine Spaltung zwischen der irdischen und der himmlischen Tat. Vielmehr ist jede Be'wegung des Hingegebenen ein Gefäss der W^eihe und der Macht. Von einem Zaddik w^ird erzählt, er habe alle seine Glieder so geheiligt, dass jeder Schritt seiner Füsse W^elten miteinander vermählte. ,,Der Mensch ist eine Leiter, aufgepflanzt auf der Erde, und ihr Haupt reicht in den Himmel. Und alle seine Gebärden und Geschäfte und Reden ziehen Spuren in der oberen Welt."
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Hier iat der innere Sinn der Aboda angedeutet, der aus der Tiefe der alt jüdischen Geheimlehre kommt und jenes Mysterium der Zweiheit von In- brunst und Dienst, von Haben und Suchen w^ohl nicht klärt, aber verklärt.
In Zweiheit ist durch die erschaffene Welt und ihre Tat der Gott zerfallen: in das Gotteswesen, Elohut, das den Kreaturen entrückt ist, und die Gottesglorie, Schechina, die in den Dingen w^ohnt, w^andemd, irrend, verstreut. Erst die Erlösung w^ird beide in die E^vigkeit vereinigen. Aber es ist der Besitz des Menschengeistes, durch seinen Dienst die Schechina ihrem Quell nähern, in ihn eintreten lassen zu können. Und in diesem Augenblick der Heim- kehr, ehe sie wieder niedersteigen muss in das Sein der Dinge, verstummen die Wirbel, die durch das Leben der Gestirne sausen, erlöschen die Fackeln der grossen Verheerung, entsinkt die Geissei der Hand des Geschickes, hält die \Veltenpein inne und lauscht: die Gnade der Gnaden ist erschienen, der Segen träuft nieder auf die Unendlichkeit. Bis die Macht der Verstrickung die Gottesglorie herabzuzerren beginnt und alles w^ird w^ie zuvor.
Das ist der Sinn des Dienstes. Nur das Gebet, das um der Schechina w^illen geschieht, lebt w^ahr- haft. ,, Durch seine Not und seinen Mangel kennt er den Mangel der Schechina, zu beten, dass der Mangel der Schechina gefüllt w^erde und dass durch ihn, den Betenden, die Einung Gottes mit seiner Glorie geschehe". Der Mensch soll ^ssen, dass sein Leid aus dem Leide der Schechina kommt. Er
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ist ,, eines von ihren Gliedern", und die Stillung ihres Entbehrens ist allein die echte Stillung des seinen. ,,Er sinne nicht auf seine Lösiing im untern oder im obem Bedürfen, dass er nicht sei w^ie der die ewige Pflanzung verwüstet, Trennung zu schaffen; sondern alles tue er um des Mangels der Gottesglorie willen, und aus sich selber w^ird alles gelöst w^erden, auch sein eigen Leid befriedet aus der Befriedung seiner oberen Wurzel. Denn alles, oben und unten, ist eine Einheit." ,,Ich bin das Gebet", spricht die Schechina. Ein Zaddik sagte : ,, Die Menschen meinen, sie beten vor Gott, aber es ist nicht so, denn das Gebet selbst ist Gottheit."
In der Enge des Selbst kann kein Beten gedeihen. ,,^Ver in Leid betet ob der Schw^ermut, die ihn regiert, und denkt, er bete in der Furcht vor Gott, oder w^er in Freude betet ob der Helle seines Gemütes, und denkt, er bete in der Liebe zu Gott, dessen Gebet ist gar nichts. Denn diese Furcht ist nur Schw^ermut, und diese Liebe ist nur leere Freude."
Es w^ird erzählt, der Baalschem sei einmal an der Schw^elle eines Bethauses stehen geblieben und habe nicht eintreten wollen und habe im Widerwillen gesprochen: ,,Da kann ich nicht ein. Ist doch das Haus von Ende zu Ende und über alle Ufer voll des Gebetes." Und da sich die Begleiter verwvmderten, MTcii ihnen schien, es könne kein grösseres Lob geben als dieses, deutete er es ihnen: W^enn die Worte nicht in ihrer Absicht auf das obere Geschehen gerichtet sind, dann können sie nicht aufsteigen,
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sondern lagern sich am Boden Schicht auf Schicht, bis sie das ganze Haus füllen in dickem ^Virrsal.
Zweierlei vermag die Gebete festzuhalten: wenn sie ohne die Intention gesprochen werden, und w^enn die früheren Taten des Betenden sich zw^ischen ihm und dem Himmel wie eine harte "Wolke breiten. Die Hinderung kann nur bezwxingen w^erden, w^enn der Mensch in die Sphäre der Inbrunst emporw^ächst und sich in ihren Gnaden reinigt, oder w^enn eine andere Seele, die in der Inbrunst ist, die gefesselten Worte frei macht und mit dem ihren nach oben trägt. So w^ird von einem Zaddik erzählt, er sei beim Beten der Gemeinde eine lange Zeit stumm und ohne Bewegung dagestanden und habe dann erst selbst zu beten begonnen, ,,gleichw^ie der Stamm Dan am Ende des Lagers zog und alles Verlorene sammelte" ; sein ^^ort sei ein Gewand gewesen, in dessen Falten hätten sich die niedergehaltenen Gebete geschmiegt und seien emporgetragen w^orden. Dieser Zaddik pflegte vor dem Beten zu sagen: ,,Ich binde mich mit ganz Israel, mit denen, die grösser sind als ich, dass durch sie mein Gedanke aufsteige, und mit denen, die kleiner sind als ich, dass sie durch mich gehoben w^erden."
Aber dies ist das Geheimnis der Gemeinschafik, dass nicht bloss der Niedere des Höheren bedarf, sondern auch der Hohe des Niederen. Hier ruht ein w^eiterer Unterschied zw^ischen dem Zustand der Ekstase und dem Zustand des Dienstes. Hitlahabut ist des Einzelnen Weg und Ziel; ein Seil gespannt über dem Abgrund, an zw^ei schlanke Bäume ge-
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bunden, die der Sturm be^vegt; in Einsamkeit und Grauen betritt es der Fuss des W^agenden. Hier gibt es keine Menscbengemeinscbaft, nicht im Zw^eifel und nicht im Besitz. Der Dienst aber ist vielen Seelen in ihrer Vereinigung erschlossen. Er gew^ährt die letzten Schauer nicht, aber er ist frei von den dunkelsten Ängsten. Er ist nicht ein Seil, sondern eine Brücke. Den auf dem Seile Kommenden um- fängt drüben der Arm des Geliebten; den AiVanderern der Brücke öffnet sich die Halle des Königs. Die Ekstase 'will nichts als ihre Vollendung in Gott, sie gibt sich dahin. Im Dienste lebt eine Absicht, eine ,,Kawwana". Die W^ollenden binden sich aneinander zu grösserer Einheit und Macht. Es gibt einen Dienst, den nur die Gemeinde vollbringen kann.
Der Baalschem sagte ein Gleichnis: Menschen standen unter einem sehr hohen Baume. Und einer von den Menschen hatte Augen zu sehen. Und er sah : im Wipfel des Baumes stand ein Vogel, herrlich in wesenhafter Schönheit. Aber die andern sahen den Anblick nicht. Und über jenen Mann fiel ein grosses Bangen, zu dem Vogel zu kommen und ihn zu nehmen; und er konnte nicht von dannen ohne den Vogel. Aber w^egen der Höhe des Baumes ^var es nicht in seinem Vermögen, und auch eine Leiter w^ar nicht zu finden. Doch aus dem grossen und mächtigen Bangen gab er seiner Seele den Rat. Er nahm die Menschen, die umherstanden, und stellte sie aufeinander, jeden auf die Schultern eines Gefährten. Er aber stieg zu oberst, also dass er zum Vogel kam, und nahm ihn. Und die Menschen,
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^cw^ohl sie dem einen geholfen hatten, 'wiassten nichts von dem Vogel und sahen ihn nicht. Er aher, der von ihm wusste und ihn sah, hätte ohne sie nicht zu ihm kommen können. ^Vürde jedoch der unterste von ihnen seinen Ort verlassen, dann müsste der eben zur Erde niederfallen. ,,Und der Tempel des Messias ^rd im Buche Sohar das Vogelnest genannt."
Es ist aber nicht etwa so, als werde nur des Zaddiks Gebet von Gott empfangen und alsseinur dieses lieblich in seinen Augen. Kein Beten ist gnadenstärker und dringt in geraderem Fluge durch alle Himmelsw^elten, als das Beten des Einfältigen, der nichts zu sagen und nur das ungebrochene Müssen seines Herzens Gott darzubringen weiss. Gott nimmt es an, w^ie ein König das Singen der Nachtigall in der Nacht seines Gartens, das ihm süsser klingt als die Hul- digung der Fürsten im Thronsaal. Die chassidische Legende weiss sich nicht genug der Beispiele für die Gunst, die dem Ungeschiedenen leuchtet, und fiir die Macht seines Dienstes. Eines sei hier mitgeteilt.
Ein Dorfmann, der Jahr für Jahr an den ,, furcht- baren Tagen" im Bethaus des Baalschem war, hatte einen Knaben. Der war stumpfen Verstandes und konnte nicht einmal die Gestalt der Buchstaben empfangen, geschw^eige denn die heiligen ^Vorte er- kennen. Und der Vater nahm ihn an den furcht- baren Tagen nicht mit sich in die Stadt, diew^eil er nichts wusste. Aber als er dreizehn Jahre w^ar und mündig vor Gottes Gesetzen, nahm ihn der Vater am Versöhnungstag mit, damit er nicht etw^a esse
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am Tage der Kasteiung aus Mangel seines Wissens und Verstehens. Und der Knabe hatte ein Pfeifchen, darauf pfiff er immer in der Zeit, da er im Felde sass, die Schafe und Kälber zu weiden. Und er nahm es mit sich in der Tasche seines Kleides, und sein Vater sah es nicht. Und der Knabe sass in den heiligen Stunden im Bethause und wusste nichts zu sagen. Als aber das Mussafgebet angehoben wurde, sprach er zu seinem Vater: ,, Vater, ich habe mein Pfeifchen bei mir und ich will darauf singen." Da w^ar sein Vater sehr bestürzt und fuhr ihn an und sprach: ,,Hüte dich und hüte deine Seele, dass du dies nicht tuest." Und er musste es in sich bewahren. Aber als das Mincha-Gebet kam, sprach er wieder: ,, Vater, erlaube mir doch, mein Pfeifchen zu nehmen." Und als der Vater sein Verlangen sah und dass seine Seele bangte zu pfeifen, war er zornig und fragte ihn: ,,An welchem Orte hast du es?" und da er ihm den Ort zeigte, legte er die Hand auf die Tasche und hielt sie fortan darauf, um das Pfeifchen zu hüten. Und das Netla-Gebet begann, und die Lichter brannten zitternd in den Abend, und die Herzen brannten w^ie die Lichter, unerschöpft vom langen Harren, und durch das Haus schritten noch einmal müde und aufrecht die achtzehn Segensprüche, und das grosse Bekenntnis kehrte zum letzten Mal w^ieder und lag vor der Lade des Herrn, die Stirn auf der Diele und die Hände gebreitet, noch einmal, ehe der Abend sich neigt und Gott entscheidet. Da konnte der Knabe seine Inbrunst nicht länger halten und ris« mit vieler Kraft da« Pfeifchen aus der Tasche
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und lieas seine Stimme gar mächtig schallen. Und alle standen erschreckt und verwirrt da. Aber der Baalschem erhob sich über ihnen und sprach: ,,Das Verhängnis ist durchbrochen und der Zorn zerstreut vom Angesichte der Erde."
So ist jeder Dienst, der aus einer schlichten oder geschlichteten zwiespaltloscn Seele kommt, zureichend und vollkommen. Noch aber ist ein höherer. Denn ^Krer von Aboda zu Hitlahabut aufgestiegen ist und seinen Willen in sie getaucht hat und seine Tat einzig aus ihr empfängt, der hat jeden besonderen Dienst überstiegen. ,, Jeder Zaddik hat seine be- sondere Art des Dienstes. Wenn aber die Zaddikim ihre Wurzel betrachten und zum Nichts gelangen, dann können sie Gott auf allen Stufen dienen". So sprach einer von ihnen: „Ich stehe vor Gott wie ein Botenknabe". Denn er -war zur Vollendung und zum Nichts gekommen, bis er keine besondere Art mehr hatte, „sondern er stand bereit für alle Arten, die Gott ihm weisen würde, wie ein Botenknabe da- steht, bereit für alles, w^as ihm sein Herr befehlen w^ird."
