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Die Legende des Baalschem

Chapter 19

Section 19

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Am Abend, als alles Volk gegangen war, schritt ich langsam die Gässchen lang unserem Hause zu und sah schon von weitem, dass ein Licht brannte, und der Kerzenschimmer Hess sich gar festlich und traulich an. Ich aber mochte dessen nicht in mir achten und dachte -. Siehe, meine alte Frau hat getan nach V/eiberart und konnte sich nicht enthalten, etwas anzunehmen. Ich trat ein und fand den Tisch ^pv'ohl gedeckt und bereitet mit Sabbatbrot und Fischen, und auch den \Vein fand ich vor, den Segen darüber zu sprechen. Aber ich verwehrte mir, mich zu er- zürnen, weil ich den Sabbat nicht zerreissen w^oUte. So hielt ich mich zurück und sprach den Segen und ass vom Fisch. Damach sagte ich, aber ich tat es mit sanfter Rede, weil mich ihrer armen bekümmerten Seele erbarmte, zu meiner Frau: ,,Nun erweist es sich, dass dein Herz nicht bereit und stark ist, das Harte zu empfangen." Sie aber liess mich nicht zu Ende reden, sondern sprach mit heller Stimme: ,,Mein Mann, entsinnst du dich noch des alten Zeugs mit den Silberknöpfen, das uns seit Jahren mangelt? Als ich heute die grosse Truhe ausfegte, habe ich es vorgefunden. Die Knöpfe gab ich dem Gold- schmied, und für das Geld habe ich den Sabbat bestellt."
Meister, als ich das hörte, da gingen mir die Augen von Tränen über, so gross w^ar die Freude, die mir aus dem Herzen kam. Und ich warf mich nieder vor dem Herrn und dankte ihm , dass er meines Sabbats gedacht hatte. Ich sah mein Weib und sah ihr gutes Gesicht von meinem Glück w^ieder-
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strahlen. Da wurde mir warm, und ich vergass der vielen kümmmerlichen Tage und fasste meine Frau und führte sie im Tanze rund in der Stuhe herum. Dann ass ich die Sahhatsuppe, und mir war immer leichter und dankbarer zumute; da tanzte ich in Freuden und Lachen ein zw^eites Mal, und als ich die Zukost verzehrt hatte, tat ichs zum dritten. Sieh, Meister, so gross w^ar mein Glück, dass diese Segensgabe am Sabbat mir von Gott allein und nicht von den Menschen gekommen w^ar. So konnte ich mein Herz nicht verschliessen in dieser gew^altigen Freude. Herr, wenn es aber, w^iew^ohl es mir im Sinne lag, mich damit vor Gott zu neigen, unwHirdige Torheit w^ar vor dem Höchsten, dass ich mit meinem W^eibe getanzt habe, so gebet mir eine gnädige Busse, und es soll an mir nicht fehlen, dass ich sie verrichte." Hier schw^ieg Sabbatai, der Buchbinder. Und der Baalschem sprach zu seinen Schülern: ,,W^i8set( alle Heerscharen des Himmels haben mit ihm gejubelt und mit ihm sich im Reigen gedreht, und eine goldene Freude strahlte im Paradiese um der Freude dieser beiden alten Herzen willen. . . . Und ich, der all dies sah, lachte darob mit ihm zu den drei Malen."
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DIE VOGELSPRACHE
RABBI ARJE, DER PREDIGER VON PO- lana, trug in seiner Seele brennendes Be- »^ gehren nach einer Weisheit, die in der Ge- meinde der Irdischen ao selten ist, dass nur einer, ein Einziger je in der Frist eines Menschenalters, ihr Erbe und Hüter ist. Zur Zeit, da Rabbi Arje auf Erden ging und um ihren Besitz rang und sich härmte, war es der Baalschem, der sie inne hatte, als Beute, die der Flug seiner Seele ihm gebracht, eines Tages, als sie in vmermessliche Höhen sich erhoben und geweitet hatte.
Der Sinn der \Veisheit aber w^ar, dass der, so sie trug, Gehör hatte für die Sprache aller Krea- turen unter der Sonne. Es ging ihm ein, was die Tiere auf der Erde und in den Lüften zueinander redeten und sich vertrauten von den Geheimnissen ihres Daseins; ja selbst w^as Baum und Kraut aus- sprachen, war ihm kund. Und wenn er sein Ohr an den schwarzen Erdboden oder an den nackten Felsen presste, kam ihm das Raunen der Geschöpfe zu, die das Licht scheuen und in Spalten und Höhlen hausen.
Nun i9var Rabbi Arje in sich wohl klar, w^elche Vermessenheit in seinem Wunsche lag. Doch ver- meinte er, indem er sich selbst zum Richter über seine Seele setzte, er dürfe ihn dennoch hegen, des hohen Willens halber, aus dem ihm dieses Begehren geboren w^ar. Er, der ein Redner w^ar und eindringlich und furchtbar im Worte w^erden
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konnte , er glaubte , wenn er die Sprache aller Kreaturen verstünde und auf seine Zunge leiten könnte, -würde seine Rede mächtiger denn je die Seelen aller ihm zuführen, er würde predigen aus dem Geiste der Erde und der Himmel und so re- gieren die Herzen seiner Gemeinde, wie ein Kaiser seine Reiche. Und sein Inneres dürstete nach jener feinen, ungreifharen Macht, die ihm herrlicher und begehrensw^erter vorkam, denn irgend ein Ding der Welt.
So fasste er den Mut, zum Baalschem zu ziehen, ihm seine Begierde zu offenbaren und mit seinemVer- langen den Willen des Heiligen zu umspannen, auf dass der ihm gewogen -werde und er aus dem seligen Munde die ^Veisung empfange, die zu jener wunder- baren Stufe führt, auf der das Menschenohr allen Stimmen unter dem Himmel verstehend sich auftut. Und er meinte, da das Endziel dessen, was er heischte, ein so hohes w^ar, würde der Meister die Gewährung ihm nimmer versagen.
Wunsch vmd Hoffen beschw^ingten seine Füsse. So ging er des ^Veges, ohne Mensch und Ding zu achten, ganz eingesponnen in seinen ^Vundertraum der Seelenmacht. Und so trat er in die Stube des Meisters. Das Gemach w^ar von Menschen erfüllt, die umher stehend oder sitzend lauschten, denn der Baalschem redete gerade.
Als Rabbi Arje die Tür hinter sich zugezogen hatte, neigte er tief und schw^eigend das Haupt gegen die Erde nieder, und als er es erhob, tauchte sein Blick, vom nie rastenden Begehren seines Geistes
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hartglänzend und unstet ge^vorden, just in die milden blauleuchtenden Augen des Meisters, die Avie z-wci «anfte, friedenstrahlende Sterne über dem Räume "waren. Der Baalschem stand sprechend ihm gegen- über an die W^and gelehnt. Der Rabbi fühlte an seinem Blick, dass er ihn wohl gesehen und erkannt hatte, aber der Heilige tat es durch kein W^ort oder Zeichen kund, und so blieb der Gruss uner' widert, da alle, die sonst anwesend -waren, aus Ehrfurcht vor dem Erhabenen nicht sprachen und sich nicht bew^egten. Der Gast blieb neben der Tür stehen und w^artete. Er bemerkte, dass der Meister in einem Gleichnis redete, doch war er nicht imstande, der Rede mit seinen Sinnen zu folgen, denn es kränkte ihn tief im Herzen, dass der Baal- schem sich nicht unterbrach, ihn mit Worten will- kommen zu heissen oder ihm doch mit der Hand einen flüchtigen Gruss zuzuw^inken. Doch zügelte er seine ungeduldigen Gedanken und nahm sich vor, sich stille zu verhalten, bis der Meister geendet haben würde, denn sicherlich wollte er ihm alsdann AVillkomm und Frieden entbieten. Der Baalschem aber hatte gesprochen, und nun Hess er den und jenen aus der Hörer Mitte zur Rede kommen, denn noch erzählend hatte er aus den Mienen gelesen, was ein jeder unter ihnen empfand, ^Widerspruch, Frage und Zustimmung. Während Rede und Gegen- rede gehört wurden, achteten nicht ^Virt noch Gäste auf den Angekommenen, und so stand der Rabbi fort und fort tottraurig und verwundet an der Tür. Die Scham, sich so missachtet zu sehen, stieg ihm
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heiaa und trocken in der Kehle auf und dörrte ihm 0chier den Atem. Und dennoch ivusste er sich allzeit vom Heiligen geliebt und in Freundschaft gehalten. Es war ihm, als müsste er sich leise hinwegschleichen, um irgendxvo sich auszuweinen; als könnte er sein Lebtag nimmer froh werden. Aber während seine Hand sich an die Klinke schleichen w^ollte, sie sachte niederzudrücken, ge- dachte er des Begehrens, das ihn hergebracht hatte, aufflammend beherrschte ihn sein ew^iger \Vunsch, und er meinte, keine Demütigung sei so elend, keine Schmach so brennend, als dass er sie um dieses Zieles w^illen nicht ertrüge. So harrte er aus.
Indessen w^andten sich viele der Gäste zum Gehen. Der Wirt geleitete sie zur Tür, den Frieden spendend. Da, als sein Gew^and den Rabbi streifte, wandte er sein Haupt fast unmerklich ihm zu und gab ihm den Gruss, gleichsam über die Schulter hinw^eg, ohne Freude und Bew^egung, mit gleich- mütiger Stimme, wie einem Niegesehenen, um den sich der Sinn nicht bekümmert. Dem Prediger war nun der Mut gar krank und siech gew^orden. Er empfand, als hätte man ihn des Bodens beraubt, darauf seine Füsse standen, und er sänke ganz all- mählich tiefer und tiefer in eine kalte wirbelnde Finsternis. Doch wurde seine Sehnsucht -wiederum -wach und belebte ihn aufs neue, und er raffte all seine Stärke und all seine Geduld zusanunen und w^appnete sich so gegen die Unbill, die dieser Tag ihm brachte. Und er sagte sich: Mag es ein grau- samer Zufall sein, der mich so beschämt, oder eine
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Prüfung, die der Meister als gut erfand zu meiner Läuterung, ich bleibe und harre der gütigen Stunde. So brachte er den Tag bis zum späten Nachmittag in dem Hause des Baalschem zu unter den Freunden und Schülern und empfing von seinem Herrn geringe Ehre und Beachtung.
Gegen Abend Hess der Meister ^Vagen und Pferde zur Ausfahrt rüsten, denn er gedachte noch des selbigen Tages eine Reise nach Kaminka und Jampol anzutreten. Und schon befiel den Rabbi Arje kalt und bitter eine allerletzte Verzweiflung, da er den Herrn sich so seinem ^Vunsche entziehen sah, als der Meister mit einer freundlichen Bewegung seiner Hand ihn zu sich rief und ihm gebot, sich einigen anderen Männern seiner Begleitung auf dieser Reise zu gesellen. Da erbebte des Predigers Angesicht vor tiefer Freude, denn er -wusste, der Heilige w^ählte mit Bedacht zu Genossen auf seinen Fahrten jene unter seinen Jüngern, denen er sich oder seinen ^Villen oder sein Erkennen in irgend einer Weise mitzuteilen gedachte. Nunmehr eilte das Schiff seiner Hoffnung aufs neue mit weissen, glänzenden Segeln vogelgleich auf das Meer seines stolzen Wunsches hinaus. Denn er fühlte, dass der Meister sein Be- gehren erkannt und die Gew^ährung auf dem \Vege ihm zugedacht hatte.
Schweigsam und voller Bangen fuhren die Ge- nossen in das schon dämmernde Land hinaus. Und wie nach dem Sonnenniedergang alle Gerüche der Pflanzen und der Dunst der Erde herber und stärker sich lösten und die Luft w^ürzten, stieg die
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Erw^artung aus den Seelen auf, denn au£ diesen Reisen, die der Meister mit den Schülern unter- nahm, pflegten ernste und wnnderhare Dinge sich zu erfüllen. Weisse Nebel, sonderbar gestaltet, 'wirbelten und zogen sich aus den Ackergründen auf den W^eg heraus, warfen sich den Pferden ent- gegen, stiegen knapp neben dem Wagen aus der Erde auf, die Schauer der Insassen vermehrend. Und dann kam das Dunkel, und die Pferde griffen eiliger aus, alles verschwamm in der Finsternis.
Rabbi Arje w^ar nach dem ersten jubelnden Ent- zücken seines Geistes in eine seltsame müde Er- starrung verfallen. W^ährend der scharfen Fahrt tat ihm die Nachtkühle w^eh, und sein Herz w^ar ermattet von den ■wechselnden Gefühlen des Tages. Er hielt die brennenden Augen krampfhaft offen, denn, wie er meinte, jeden Augenblick konnte der Meister seinen Namen rufen, um mit ihm von dem zu reden, w^as er begehrte. Doch der Baalschem verblieb in w^ortloser Versunkenheit. Um Mitter- nacht gebot er dem Wagen Halt. Es w^ar eine Her- berge in einem Städtchen am Wege, vor der sie hielten. Der Meister stieg sogleich die Treppe empor zum Obergemach, w^o der \Virt ihm eine Ruhestätte bereitete. Die Jünger verblieben ins- gesamt in der grossen Stube zu ebener Erde. Eine Magd richtete eilig mit einigen Polstern und Decken notdürftige Lager auf den Wandbänken her. Alle w^arfen sich ermattet nieder und schliefen ein.
Rabbi Arje legte sich mit den anderen hin, aber
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sow^ie sein Körper das Lager berührte, -w^ar alle die lähmende Müdigkeit, die ihn auf der Fahrt gepeinigt hatte, dahin. Seine Gedanken flogen in einem wirbelnden Tanze auf, und sein e'w^iger^Vunsch kreiste in ihrer Mitte. Er fühlte den Sturm in seiner Seele wie einen äusseren Lärm. Mit An- strengung lauschte er auf jeden Laut im Hause. \Vürde der Meister jetzt, jetzt, da alle schliefen, in der geheimnisreichsten Stunde der Nacht, ihn auf seine Kammer rufen, um ihm die Offenbarung zu bescheren? \Vie er lag und lauschte, befiel ihn ein halber Schlummer, aus -dem alsbald ein trügerischer Ton ihn auffahren Hess. Dann lag er glühend in dem Fieber seines Geistes und harrte dem Morgen entgegen.
Während die Schatten der Nacht aus dem tiefen Schwarz sich in ein fahles Grau verfärbten, vernahm er über sich ein Geräusch in den Dielen und er- kannte die Schritte des Meisters. Dann wxirde sachte eine Tür aufgetan, und eine Stille wie zuvor folgte. Der Prediger lag eine Weile und lauschte, dann bezw^ang ihn die Ungeduld, er schlich sich an den Schlafenden vorbei hinaus und eilte die Treppe hinauf, da er nun gewiss war, dass der Baalschem, der stets in einer geringen Frist des Schlafes die Quellen seines Lebens erneute, sein Lager verlassen hatte. Und Rabbi Arje vermeinte, diese nachtgeborene Stunde des kommenden Tages sei seiner Bitte günstig.
Auf den letzten Stufen der Treppe traf ihn ein BO starkes, so blendendes Licht, dass er getroffen
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zurücktaumelte und eine Zeit mit geschloBsenen Augen sich an dem Geländer festhielt. Als er mühsam die Augen aufzuhalten imstande war, ge- wahrte er den Heiligen in der Öffnung seiner Kammertür, und das Angesicht des Baalschem w^ar der Kern jenes feurigen Glanzes, der ihn vorher zurückgew^orfen hatte. Das Haupt des Meisters -war w^ie von einer hleichglühenden flüssigen Materie; aus den Augen schienen hiaue Silherhäche hervor- zubrechen. Der Anblick w^ar in Furcht und Schönheit von solcher Art, dass den Prediger eine zitternde Schwäche in allen Gliedern befiel und er sich auf der letzten Stufe niederwarf, das Antlitz auf den Boden bergend. Er fühlte, dass der Erhabene jetzt Eines mit dem höchsten Strom der Glorie war und nur die schimmernde Hülle, von der fernen Seele bestrahlt, vor seinen Augen zwischen den zw^ei Welten w^eilte. Als er es w^agte, den Blick w^ieder zu erheben, glich das Antlitz des Herrn einem erbleichenden Gestirn, das der Tageshelle der W^irklichkeit w^eicht. Nach einer Weile rief ihn der Baalschem mit Namen. Er erhob sich von den Knien und eilte gesenkten Gesichtes zu dem Meister, "warf sich dort aufs neue zur Erde und brach in Tränen aus. ,, Freund, w^as begehrst du von mir um diese frühe scheue Stunde?" fragte der Heilige. In dem Beben seines ehrfürchtigen Herzens fand der Prediger kein Wort zur Erwiderung. ,,Sei ohne Zagen, steh auf!" ermutigte ihn der Meister, doch als der Rabbi zu reden versuchte, brach nur ein rauhes Stammeln über seine Lippen. Da erhob
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er sich verstört und beschämt, verliess den Herrn, ging leise zu den Genossen hinunter, die tief im Morgenschlaf befangen sein Kommen überhörten, und suchte aufs neue sein Lager auf. Er erhob sich mit ihnen zum Frühmahl, sass verschlossen inmitten ihrer Gespräche und verriet mit keiner Silbe das Erlebnis der Nacht. Der Baalschem aber war wie immer, geruhig und mitten im Leben.
Als es zur Abfahrt ging, rief er den Prediger herbei und sagte zu ihm: ,, Freund, du sollst den Platz an meiner Seite einnehmen, wir w^ollen beide selbander sein."
So fuhren sie in den lauten, geschäftigen Tag hinein. Als das Städtchen hinter ihnen lag, die Felder sich dehnten und fem ein Wald vor dem Blau des Himmels dunkelte, sah der Baalschem seinem Nachbarn mit einem eigentümlichen Lächeln ein -wenig vorgebeugt unter die Augen und begann 00 zu reden: ,,Der Grund deiner Ankunft und deines A^^eilens in meinem Hause, Lieber, ist mir bewusst. Du hofftest, dass ich dich in meine Erkenntnis ein- führe, damit sich dein Ohr -wie meines der Sprache aller Kreaturen öffne- Siehe, ich -weiss, dies allein hat dich zu mir gefuhrt." Rabbi Arje ergriff die Hand des Meisters und legte sein brennendes An- gesicht darauf, und kein Ton der Antwort kam über •eine Lippen. Der Baalschem aber sah hinaus auf die zartgrünen Saatfelder, und das Lächeln blieb auf seinen Mienen. Nach einer Frist redete er w^ieder : ,, Setze dich näher zu mir und neige dein Ohr zu meinem Munde. Ich w^ill dich nun meine Weisheit
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^v^ohl lehren. Sei nur ohne Sor^e, dass die Andern uns vernehmen möchten, meine Rede geht allein in dein Ohr ein, und der Lärm von Huf und Rad verschlingt meine ^Vorte für die Genossen. Ehe ich dich in den Urgrund des Geheimnisses einführe, tut es not, das8 ich ein Ding, das du weisst, vor dein Auge hehe. Aher wisse, dass dieses, was ich dir nun sagen w^ill, nur die Vorbereitung für die letzte der Offenharungen ist. Du w^eisst von dem gew^altigen ^Vagen, der in der höchsten Sphäre der oberen Welt steht. An seinen vier Enden ist je das Haupt einer Kreatur, eines Menschen, eines Stieres, eines Löw^en und eines Adlers. Diese vier Geschöpfe bergen in sich Ursprung und Quell alles dessen, w^as in den lebenden Wesen unserer Welt sich er- eignet und sich erfüllt, Atem gewinnt und als W^ort geboren wird. Siehe, von dem Menschenantlitz kommt uns der Geist und die Seele der Sprache zu, die wir zu Menschen Geschaffenen hier unten tauschen. AusdemHaupte des Stieres kommt den Tieren, dieuns dienstbar und hilfreich w^urden, die Kraft und der Sinn ihrer Laute; von dem des Löw^en die Bedeutung der Schreie, die das unbändige und w^ilde Getier in denW^äldem und^Vüsten in die Dämmerung sendet, sich zu rufen und zu locken; der Kopf des Adlers aber erzeugt in seinem Gehirne die Laute der Vogelwelt, mit denen sie die Lüfte unter dem Himmel füllt. Und das "wisse, Freund, wer seine Seele so hoch zu spannen vermag, dass sie in jene Sphäre der oberen W^elt eindringt, in der der W^agen steht, und wer dann aus ihren Augen so klar und tief schaut, dass
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er das Geheimnis des Grundwesens der vier Kreaturen des Wagens erkennt, die das Sinnbild der Geschöpfe unserer \Velt sind, der, Freund, hat den Sinn offen für alle Laute au£ Erden. Er scheidet das falsche ^Vort von dem wahren und den trügerischen Ton vom herzgeborenen. Er hört die Stimmen unter der Erde sich in den Nächten unterreden, wenn dem Menschengeschlecht die Stille vollkommen und jeder Laut abgestorben dünkt. Und die Stimmen der Tiere auf der Erde und der Vögel in den Lüften tragen ihm jene Heimlichkeiten der Natur und des Lebens herbei, für die die Sinne der Menschen sonst taub und unempfindlich sind. Siehe, und so schw^eigt die ^W^elt ihm nie, sie drängt sich an ihn heran mit allen ^Vundem, nichts ist ihm starr und versagend, denn er hat die ^Vurzel, aus der alles kommt, im oberen ^Vagen geschaut und er- kannt. Aber verstehe w^ohl: -wab ich dir nun sagen w^erde, ist der Kern der Offenbarung selbst. Darum beuge dein Ohr tief zu meinem Munde und höre mit ganzer Seele mir zu. Verschliess dich in diesem Augenblick vor allem, 'w^as ausser dir und meinen Worten w^eiltl" Und nun flüsterte der Meister dem Prediger erhabene und nie vernommene Dinge zu, dass die Mysterien des W^agens und seiner Gestalten ihm'in ihrer letzten Tiefe erschlossen wrirden. Und der Meister fuhr fort zu reden, und es w^ar dem Prediger, als ob Tor um Tor vor ihm auf- springe, alle Schatten und Dunkelheiten w^ichen, alles Trübe und Unreine sich kläre und sein Herz dem grossen Herzen der Welt nahe sei.