Chapter 18
Section 18
Da geschah es, dass eine sch\vere Krankheit den einen der Jünglinge, der dem Baalschem ergehen war, befiel. Und an der starren Kra£t der Schmerzen er- kannte er, dass sie die Boten einer Gewalt w^aren, die sein Erdenleben zum Ende fuhren w^ollte. Daher stemmte er sich nicht "w^ider sie, sondern legte seinen Wunsch in den des mächtigen Elements, das seinen Leib mit brennenden Armen umschlungen hielt. Mochte er aber noch so willig das Kommen des Blitzes envarten, der z^vischen den beiden ^Velten aufzuckt, dennoch stand ein Grauen auf dem ^\^ege von seiner Gegen'wart, die so leid voll aber so un- sagbar -Nvirklich w^ar, zu alle dem, das sich ereignen sollte im Abgrund der Ewigkeit. Und so liess er dem Baalschem kundtvm, dass er sich zum Sterben rüste, und als der Meister an seinem Bette stand, sprach er: „Rabbi, w^ie und womit soll ich ziehen? Sieh, ein Grauen steht vor mir und stört meinen Frieden. Der Baalschem nahm die Hand des Kranken in seine Hände und redete zu ihm : „Kind, besinne dich : bist du nicht allezeit von Heer zu Heer gegangen und von Tor zu Tor? So sollst du auch furder gehen in den Gärten der E-wigkeit.** Und er hob den Finger über die Stirn des Kranken und berührte sie und redete zu ihm : „Diew^eil noch die Stunde der letzten Morgen-
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röte über dir ist, die schwere und selige Stunde , und dieweil du wahrhaft in ihr gelebt und ihr Glück nicht gescheut hast, will ich deinen Weg leicht machen und will mein Zeichen auf deine Stirn schreiben, auf dass niemand deinen Schritt schrecke und deine Bahn hemme. So gehe hin, Kind, w^enn dich der Tod beruft, und trage meinen Segen vor dir und deine Wahrheit." Und neigte sich über ihn und legte Stirn an Stirn und segnete ihn.
Aber als der Meister gegangen w^ar, schlich sich der andere Jüngling ins Zimmer und kniete vor dem Bette nieder. Und er küsste die Hand des Kranken und sprach : „Mein Liebling, sie w^oUen dich nehmen, und ich weiss, du wehrst dich nicht. Und besinne dich, wie wir damals mit einander redeten, in den Birken am Sommerabend, und zuletzt sagtest du nur: Ja, es ist, und ich sagte: Nein, es ist nicht. Und nun ist mir sehr bange, und du gehst ft>rt von nur, gehst w^illig fort mit diesen deinen Augen. Mein Liebling, die Birken sind in deinen Augen und der Sommerabend. Und alles sagt: Ja, es ist. Und sieh, ich fühle, dass es ist, ich selbst sage es ja, und w^eiss es auch, denn sonst wäre kein Sinn in allem, und du gehst fort von mir, und wohin gehst du?" Und er schluchzte über der Hand des Freundes und küsste sie wieder und wieder. Der Sterbende aber sprach: (»Lieber, ich gehe den ^Veg weiter. Und sieh, w^enn ich unterwegs bin, dann w^ill ich dein gedenken und unserer Liebe und wie wir unsere Seelen tauschten am Abend. So w^ill ich dann kommen zu dir, dir zu künden von meinem Wege. Darum gib mir deine
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Hand. Sieh, ich umschliesse sie mit meiner und schlinge meine Finger in deine, so stark ich kann, und dies ist mein Versprechen an dich, dass ich kommen •werde." Da sehne der andere auf und rief: „Du sollst nicht gehen, ich halte dich, du sollst nicht gehen!" Aber der Sterbende sprach in seinem Frieden : „Nicht doch, und kannst auch nichts -wider den Herrn. Jedoch meine Hand sollst du halten, bis das Atmen in ihr aufhört, und dies wird bald sein, und mem Versprechen an dich ist mein Gruss an die Erde, die so schönen A^md und so schönes ^V asser und so schöne vorüberlaufende Tiere trägt, mein Gruss, dass ich wiederkommen ^vlll, sie und dich zu schauen." Das ^var sein Scheiden.
Und als er aufstieg, öffneten sich die Pforten des Firmaments vor dem Zeichen auf seiner Stirn, und weit tat sich ihm auf das Reich der kommenden AVeit. Und er -w^andelte von Tor zu Tor und von Heiligtum zu Heiligtum und erfuhr das Unerfahrbare und empfing den Sinn des Lebens. Die Zeit schwieg, und der Raum w^ar nicht da, nur der AVeg des AVerdens ohne Ort uud Ablauf, nur das Blühen in der Luft der lebendigen Stille.
Aber plötzlich w^ar sein Schritt gehemmt, und die Zeit sch-watzte um seine Ohren, und der Raum stiess ihn ringsum mit kantigen Fäusten. Da stand er inmitten von wortlosen Gew^alten und konnte nicht weiter. Und er rief ihnen zu und wies ihnen das Zeichen auf seiner Stirn. War ein Starren in den Gew^alten und -w^ie ein Lachen und fast w^ie ein Kopfschütteln, und er verstand, dass seine Stirn
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kein Zeichen mehr trug. So stand er und war ein Mensch, und die Verz-weiflung des Menschen glitt heran und fasste seine Finger vne zum Tanz. Da riss er sich los und wandte sich, und da sah er einen alten Mann vor sich stehen, der sprach zu ihm und fragte : ,, Warum stehst du hier?" Antwortete er: ,,lch kann nicht w^eiter." Sprach der Alte: , .Nicht gut ist das Ding. Denn verweilst du dich hier und gehst nicht w^eiter und w^eiter, dann kannst du das Lehen des Geistes verlieren und hleihst an diesem Ort wie ein stummer Stein. Denn alles Lehen der kommenden Welt ist zu schreiten von Heer zu Heer, nach ohen und oben, bis in den Un- grund der Ewigkeit." Fragte ihn der Jüngling: ,,Und w^as vermag ich zu tun?" Sprach wieder der Alte: ,,Ich w^ill in das Heiligtum gehen und hören, zu erfahren, >vas dies ist und w^arum dies ist." Er ging und kehrte zurück und sprach: ,,Du hast deinem Freunde versprochen, zu ihm zu kommen und ihm von deinem W^ege zu künden, und hast es vergessen und nicht getan. Darob ist das Zeichen von deiner Stirn ge'wischt nnd ist dir verwehrt, in dieses Heiligtum zu kommen, w^elches das Heiligtum der Wahrheit ist." Da schaute der Jüngling die Erde und seinen Freund, und er trauerte ob seines Vergessens. Und nach einer Weile fragte er: ,,W^as soll ich tun, um das Ding zu lösen?" Antwortete der Alte : ,,Geh hin zu deinem Freunde und erscheine ihm im Traume der Nacht und künde ihm, was er zu wissen begehrt." Dies sprach er und ging von dannen.
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Der Jüngling aber stieg zur Erde nieder und trat in den Traum seines Freundes ein. Er strick dem Schlafenden über die Stirn und flüsterte in sein Obr: „Lieber, ich bin gekommen, um dir von meinem Wege zu künden. Du aber zürne mir nicht, dass ich gesäumt habe. Denn wie kann man eines Menschen, und auch des liebsten, gedenken mitten im Schauer der Gottesw^irbel, die alle Grenzen überfluten?" Jener aber warf sich im Schlafe empor und drückte die Hand an die Augen und stiess die Worte seines Unmuts aus schier ineinander gepressten Zähnen hervor: ,,Geh von mir, du Bild und du Lüge, und ich will mich nicht länger von dir narren lassen. Gew^artet habe ich und gew^artet, und der Verheissene kam nicht. Und nun ist ob des W^artens mein Sinn verdorben, dass ich Nacht fiir Nacht getrogen w^erde und den Verheissenen zu sehen vermeine. Und dann ist alles dunkel und zerf liesst in die Schatten. Aber nun w^ill ich mich nicht länger narren lassen und befehle dir, zerfliesse sogleich und auf mein W^ort, denn es soll mich nicht befallen dein Schwinden w^ie ein Schlag aus leerer Nacht. Und komm nicht w^ieder, hör dies und komm nicht w^iederl" Da er- zitterte der Jüngling und beugte sich über den Ge- fährten uud schmiegte sich zitternd an ihn und sprach ihm zu: ,, Wahrlich, kein Trug, sondern dein Freund bin ich und gekommen zu dir aus der ^Velt des ^Vesens. Und denke du, w^ie v/ir sassen unter den Birken am Sommerabend. Und denke, w^ie unsre rechten Hände einander umschlangen in der Stunde meines Sterbens." Aber der Träumende schrie : „Das Gleiche
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sagst du Nacht für Nacht, und fängst du mich und ich hehe mich zu dir, da gehst du hin in die Schatten. So lass nun ab von mir, und sieh, ich mache mich losl" Und nochmals versuchte der Gekommene den Kampf und rief: ,,Hast du nicht seihst gesprochen: Ja, e« ist?" Jener jedoch lachte mit harter Stimme: ,,Wohl habe ich gesprochen, und auch gewartet habe ich. Aber der Verheissene kam nicht, und nun schaue ich es: ich war das Spiel in der Hand einer grausamen Stunde. Die hat mich geknechtet und geschändet und hat das Ja des Verrates auf meine Lippen gebracht. Aber ich schreie dir ent- gegen: Nein, es ist nicht. Und Nein und Nein, und nun w^ill ich dich in Stücke reissen, du tolle Lügel" Da w^ich der Jüngling und bog sich zum Entschwinden, aber noch kam ihm ein Letztes, und aus matter Feme rief er dem Genossen zu: ,,So will ich dir ein Zeichen bringen. Am hellen Tage will ich w^iederkehren und dir ein Zeichen bringen." Und er sah das Haupt des Geliebten müde, aber mit einem aufblinkenden Staunen, wie der erste Vorschein der Hoffnung, über den Augen in die Kissen zurücksinken.
Und in der oberen ^«^elt eilte er zum Tempel der Wahrheit und suchte den Alten vind fragte ihn: ,,Rede und hilf mir, Nvelches Zeichen kann ich meinem Freunde bringen, dass ich in der ^^ahrheit bin?" Sprach der Alte: ,,Auch darin w^ill ich dir raten, mein Sohn, und Gott sei mit dir. Siehe, am Mittage jedes Sabbats predigt der Baalschem in dem ew^igen Lehrhause, das in dem Himmel des heiligen Erkennens
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steht, von den Geheimnissen der Lehre. Und hei der dritten Sahhatmahlzeit, - Mahl der heiligen Königin, predigt er von diesen Geheimnissen vor den Ohren der Menschen, nach- dem sein Wort die Weihe der oheren AVeit emp- fangen hat. So gehe du am Mittage des Sahhats und höre die Rede deines Meisters in den Himmeln, und sodann steige zu deinem Freunde nieder, \venn er des Nachmittags auf seinem Lager ausgestreckt ist und nicht mehr 'wachen Sinnes, sich doch auch keine Ruhe finden kann, und vermelde ihm die Rede. Und dies sei ihm zum Zeichen, auf dass er zum Mahl der Königin in das Haus des Baalschem komme \jnd die Worte vernehme aus seinem Munde."
Und der Jüngling tat also und nahm die Rede des Meisters auf und stieg nieder und trat in den \Vach- traum seines Freundes nnd goss die Worte üher ihn aus °wie einen Balsam. Sodann heugte er sich üher ihn und küsste ihn, Mund auf Mund, mit dem Kusse des Himmels. Dann entflog er.
Jener aher erhöh sich alshald und ihm war, als hahe er das Unerfahrbare erfahren. Und er ging hinaus, da standen die Birken in der Mittagsonne. Lange sass er unter den Birken ^e ein Wissender, und in dem jungen, weit ausgespannten Sinne strahlte die Erfüllung von Feme zu Ferne. Als aber die Sonne sich neigte, ging er zum Hause des Baalschem, nicht aus dem Zweifel, sondern aus der Sehnsucht. Und er stand in der Tür und hörte wie aus dem Mvmde der Gotteskraft die W^orte aus dem Munde des Baalschem. Da neigte er sich zu den Füssen des
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Sprechenden und sagte: ,, Rabbi, segne mich, dieweil ich sterben will. Denn was soll ich noch hier?" Aber der Meister sprach: , .Nicht also. Zu den Birken tritt hinaus, die wieder im Sommerabend stehen, und rede zu ihnen in deiner Freude: Ja, es ist. Und w^ohl segne ich dich, aber nicht zum Tode, sondern hier schon zu schreiten von Tor zu Tor, von Heer zu Heer, und so für und für."
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DAS DREIMALIGE LACHEN
EINMAL AN EINEM FREITAGABEND, als der Baalschem mit einigen seiner Schüler J zu Tische sass, begab es sieb, da er eben den Segen über den ^Vein gesprochen hatte, dass sein ernstes Gesicht mit einem Male 'wie von innen heraus mit einem hellen freudigen Schein erstrahlte, und er begann zu lachen und lachte gar sehr in einer innigen W^eise. Die Schüler blickten im Zimmer umher und schauten sich untereinander an, aber da war kein Ding, das des Lachens Ursache hätte sein können. Nach einer kurzen Frist lachte der Baalschem zum andern Mal und ganz auf die selbe Art, ^vie mit der unvermuteten Fröhlichkeit und Helle eines Kindes. Und dann ging eine kleine Weile hin, und sein Lachen erklang zum dritten Male.
Die Schüler sassen schw^eigsam um den Tisch. In ihren Augen war dieser Vorfall ein seltsames und unbegreifliches Ding, denn sie kannten den Meister w^ohl und w^ussten, dass seine Seele sich nicht leichtfertig solcher Bew^egung hingab. So ahnten sie einen tiefen unbekannten Grund dieser Freudigkeit und hätten ihn gern gekannt, doch keiner fand den Mut, dass er den Meister darum angegangen hätte. Da richteten sie alle ihre Augen auf den Rabbi W^olf in ihrer Mitte, dass der vom Meister erfrage, aus w^elcher Ursache dieses Lachen erklungen sei. Denn so war der Brauch, dass der Rabbi W^olf am Sabbatausgang, w^enn der Baalschem
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in seiner Stube sass und Rast hielt, zu ihm trat, um von ihm zu vernehmen, was im Laufe des Sabbats sich mochte zugetragen haben.
So geschah es auch diesmal, dass dieser Schüler zum Meister kam und ihn fragte: ,,Lass uns 'wissen, was der Sinn des Lachens w^ar, das gestern abend über dich kam."
Da sprach der Baalschem: ,,Nun w^ohl, so möget ihr wissen, woher mir die Freude zuflog. Haltet euch bereit, mit mir zu kommen, und ihr sollt hören."
Darauf hiess er den Knecht die Pferde ein- spannen, denn so hielt es der Baalschem, dass er jedesmal nach Ausgang des Sabbats für eine ^Veile die Stadt liess, eine Fahrt ins freie Land zu tun. Er bestieg mit seinen Schülern das Gefährt, und sie kehrten nicht -wie sonst nach einigen Stunden in ihre Heimat zurück, sondern fuhren die ganze Nacht weiter sch^veigend durch die Dunkelheit. Am Morgen langten sie in einem Ort an, und der Baalschem liess bei dem Hause des Vorstehers den Wagen halten. Bald war seine Ankunft der ganzen Juden- heit bekannt geworden, und alle kamen und um- ringten das Haus, um ihn zu ehren. Er aber achtete niemandes, sondern befahl dem Vorsteher, ihm Sabbatai, den Buchbinder, rufen zu lassen. Da erwiderte Jener ein w^enig unzufrieden: , (Meister, was w^ollt Ihr von diesem, der ein kleiner unbeachteter Mann in unserer Gemeinde ist? \Vohl ^^eiss jeder von uns, er ist ein red- licher Jude, aber nie habe ich ihn um der ge- ringsten ^/Wissenschaft willen rühmen hören. Wa«
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kann Euch der frommen?" ,,Glcich>voKl", sprach der Meister, ,,ist es mein Wille, dass du ihn mir rufest." Man schickte um ihn, und er kam, ein hescheidener grauhaariger Alter. Der Baalschem sah ihn und sprach: ,, Auch deine Ehefrau mögekommen", und auch sie war alshald zur Stelle.
,,Nun", heischte der Meister. ,, magst du mir er' zählen, was ihr in der letzten Sahhatnacht getan habt. Aber sage die schlichte Wirklichkeit, habe keine Scham und verbirg uns nichts."
,,Herr," erwiderte jener, ,, nichts w^ill ich vor dir verhehlen, und habe ich gesündigt, so siehst du mich bereit, aus deinen Händen die Busse zu nehmen, als käme sie von Gott.
Siehe, alle Tage, die mir der Himmel gegeben hat, kam mir mein Erwerb aus meiner Arbeit. Einst war sie gesegnet, und ich war tätig und vermochte mir beizeiten ein kleines Gut zur Seite zu legen. Von Anfang an aber war es mein Brauch, dass am Mittag des fünften Tages in der Woche mein W^eib hinging, um mit aller Sorglichkeit jene Dinge ein- zukaufen, die nötig sind, den Sabbat zu feiern, unser Bedürfen an Mehl, Fleisch, Fischen und Lichtern. Und w^enn am Vortag des Sabbats die zehnte Stunde sich erfüllt hatte, so Hess ich meine Arbeit und ging zum Bethaus, um dort bis nach dem Abendgebet zu verweilen. So habe ich von Jugend an getan.
Jetzt aber, da ich zu altem anhebe, hat sich das Glücksrad über mir gedreht, mein Besitz ist mir aus den Händen geschwinden, und meine Kraft,
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mir aus meiner Arbeit Früchte zu schaffen, ist gar gering. Nun lebe ich ein bitteres Sorgenleben, und oft ist es mir nicht gegeben, alles Bedürfen des Sabbats am fünften Tage einzuschaffen, wie es unser Hausbrauch zu guter Zeit war. Mein Trost ist, — was auch über mich kommen mag, eines brauche ich nicht zu lassen: um die zehnte Shinde des Sabbatvortages ins Bethaus zu gehen und so das Meine zu tun.
Nun vernimm, Meister, es w^ar die zehnte Stvmde am Vortag dieses Sabbats, und in meiner Hand lag auch nicht ein Heller, die Bedürfnisse des Sabbats zu erstehen, und mein armes Weib hatte kein Stäubchen Mehl mehr in der Truhe. Nun aber hatte ich alle Tage meines Lebens nie eines Menschen bedurft, so w^oUte ich auch diesen Tag ohne Almosen bestehen und nicht bittend eine Sch'welle überschreiten. Und es war in meinem Herzen beschlossen, dass es besser sei, am Sabbat zu faaten, denn eine Gabe zu begehren von Fleisch und Blut. Aber ich fürchtete, dass es meiner Frau allzusehr das Herz bedrücken w^rde, am Sabbat auch nicht eine Kerze auf dem Tische brennen zu sehen, und dass sie eine oder etwa ein Sabbatbrot oder ein wenig Fisch annehmen möchte, wenn ihrs eine Nachbarin in Güte anböte. Darum redete ich zu ihr und verlangte ihr es ab, dass sie verspräche, von keinem Menschen eine Hilfe zu nehmen, sei es auch, dass w^er sie darum bedrängte : denn verstehe, Meister, die Juden, unter denen w^ir leben, sind gut von Gemüt und möchten es schw^erlich besehen,
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dass uns der Tiflch am Sabbat leer stünde. Und meine Frau sagte mirs zu. Ehe ich zum Bethaus ging, sprach ich zu ihr: „Heute -w^erde ich säumen und mich im Gebet verweilen, bis der Tag sich neigt. Denn wenn ich mit den andern vom Bethau ^ heimginge und sie sähen in meinem Hause keinr Licht, so -würden sie mich um die Ursache fragen, und ich -wüsste nicht, -was ihnen antworten. Wenn ich aber dann komme, mein Weib, so wollen wir in Liebe empfangen, 'was der Himmel uns bescheiden wird." So sagte ich meiner alten Ehefrau zum Tröste. Sie aber blieb und kehrte und säuberte das Haus in allen Ecken und Winkeln, und da der Herd kalt w^ar und sie keine Speise vorzubereiten hatte, blieb ihr viel Zeit, die sie nicht anders hinzubringen wnsste, als dass sie einen alten Schrein öffnete und die vergilbten, verblichenen Kleider aus unserer Jugend herausnahm, um sie zu bürsten und reinlich wieder einzubreiten. Da fand sie unter all dem alten vertragenen Zeug einen Ärmel, den wir vor Jahren einmal vermisst hatten und der seither nimmer aufzufinden gew^esen w^ar. Auf dem Klei- dungsstücke aber sassen etliche Knöpfe, w^ie Blümlein geformt, aus Gold- und Silberdraht, w^ie man dergleichen lieben Zierat auf altem Zeug wohl antrifft. Die schnitt mein Weib gar eilig ab und trug sie dem Goldschmied hin, und der gab ihr so viel Münze, dass sie erstehen konnte, w^as an Speisen für den Sabbat not tat, auch zwei gute, starke Lichter und sogar noch, wessen wir für den nächsten Tag bedurften.
