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Die Legende des Baalschem

Chapter 17

Section 17

Dort betrat er dessen Haus und w^ar recht be- dacht, den Heiligen seine Gelehrsamkeit spüren zu lassen, denn so hoffte er es zu erlangen, dass der Meister ihn w^ert erachte, mit ihm über die Aus- legung der Schrift oder über die Geheimnisse der Kabbala zu reden. Dergleichen aber Hess der Baal- schem gar fiiglich abseits liegen und sprach einfach und beschaulich von allerlei Weltdingen, w^obei den reichen Juden dünkte, dass der Zaddik ihm durch das Gespräch keine gew^altige Ehre erw^iese. Den- noch wollte er ansehnlich und w^ürdig Urlaub nehmen, und so legte er, bevor er seinen Abschied bot, ein Päckchen Rubel still vor sich auf den Tisch. Der Baalschem sah es, und für einen Augenblick kam ein feines, strahlendes Lächeln in seine Augen, und es w^ar, als ob er über die Stube und den Gast, ja über alles Land w^eit hinaus auf ein fernes Ge- schehnis schaue.
Wie es nun der Brauch ist bei den Juden, dass sie den Zaddik heimsuchen und von ihm heischen, dass er mit der Gew^alt seines Gebetes den Himmel bezwinge, ihren W^ünschen Gnade und Erfüllung zu
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gewähren, dafür ihm aber eine Gabe reichen, damit er, der um ihretwillen stets mit dem Geist über der Erde schw^ebt, sein und seines Hauses täglich Bedürfen au£ ihr bestreiten könne, so gab der Baalschem sich jetzt den Anschein, er vermeine, auch hier sei es um solch ein Lösegeld zu tun, und sprach: ,Nun, Freund, müsst Ihr mir aber auch sagen, was Euch fehlt und wofür ich den Mittler machen muss?' Darauf sprach der Reiche, und er legte in seine Worte eine gar stolze Zufriedenheit : ,Mir mangelt — der Name Gottes sei gesegnet — nichts I Mein Haus hat seinen Wohl- stand, die Kinder sind mir aufgewachsen zur Freude meiner Seele, meine Töchter haben mir angesehene Eidame zugebracht, Enkelkinder w^erden mir im Hause gross. . . . Nein, Meister, nichts fehlt mirl'
Nun, meinte der Baalschem, solch ein Lösegeld sei ein rares Ding und nicht übel anzunehmen. Ihm sei es noch nie 'widerfahren, dass ein Jude vor ihn getreten sei und ihm ein Opfer gereicht habe, ohne ihm zugleich das Herz zu zerreissen und die bittere Lauge seiner Leiden ^e eine ätzende Flut darüber auszugiessen. Der eine bot ihm den Anblick einer qualvollen W^unde, für die er Heilung suchte, ein anderer w^einte, dass sein unfruchtbares W^eib ihm Kinder gebären möge, dem dritten drohte das Ge- fängnis und er wollte ihm entrinnen. Hier aber 'w^ar einer gekommen, der gab, und begehrte nichts.
,\Veshalb bist du denn zu mir gekommen?' fragteer.
,Nur sehen w^oUte ich Euch,' gab der Mann zu- rück, ,denn Eure Wunder leben im Volke, und man nennet Euch einen göttlichen Mann. Ich aber habe
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zu meiner Seele gesprochen: ,Ich -will hingehen und ihn von Angesicht und Stimme kennen I'
Darauf der Baalschem: ,Nun, Freund, ist dem so, dass du den weiten Weg getan hast, allein um vor mir zu stehen mit Aug und Ohr, so sieh mich auch gut an und hör mir zu — ich will dir eine Ge- schichte erzählen und hingehen zur Spende auf deinen ^Vcg. Aher, Freund, gut hör mir zu, und alle Kraft der Seele leg in dein Lauschen I Meine Geschichte ist so geschehen:
Es hahen einmal in einer Stadt z"wei reiche Juden gew^ohnt, Nachharsleute, die hatten ein jeder einen Sohn. Die Jungen waren hei gleichen Jahren, he- gnadete Seelchen und heide von fruchtbarem Ver- stand. Sie ersannen ihre Spiele füreinander und lernten zusammen und liebten einander mit einer tiefen, unbeirrbaren Liebe, dass einer gleichsam des andern Leben w^ar. Aber w^ie lange ist Judenkindem die Jugend gegönnt? ^Verden sie nicht gleichsam zu früh aus dem Schlummer gerissen, der die Kraft des Tages bergen sollte? So die beiden. Sie w^urden dreizehn, vierzehn Jahre alt, dann vermählte man sie. Der eine zo^ viele Meilen w^eit gegen Mittag, der andere noch weiter nach der anderen Seite fort.
Nun aber, Freund, hör mir gut zu. Die beiden jungen Leute waren bloss in ihrer Liebe zueinander heimisch, die ^iVelt -war ihnen noch fremd, und so schrieben sie sich allw^öchentlich lange Briefe und dann \var ihr Leben.
Allmählich jedoch haftete ihr Blick an dem, was ne zunächst umgab und anging, und das zog ihre Ge-
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danken an sich und sog sich fest in ihrem Geiste; aber jeden Monat schrieben sie einander und ver- schwiegen sich mit nichten, was ihnen begegnet >var. Dann aber schloss die "Welt sie in ihre Arme und presste ihren Seelen den freien Atem aus, und sie hatten Scham, einander in Briefen zu gestehen, dass ihrem Herzen die Stille mangelte, daraus das le- bendige ^^ort der Liebe kommt, und waren sich zu- tiefst zu teuer, einander die hohlen Schalen leerer AVorte zu bieten, und so schwiegen sie endlich gar, und nur das Gerücht aus fremdem Mund spann zw^ischen ihnen feine Fäden hm und wieder, und sie hörten voneinander, dass beide m ^Vohlstand hausten und gross und gesegnet in ihrer AVeit w^aren.
Nach vielen Jahren aber fügte es sich, dass einer von ihnen alles dessen verlustig ging, w^as ihn reich, froh und sicher gemacht hatte, ja, dass er so arm ^vurde, dass kein ehrbares Gew^and sein eigen war.
^^le er nun dastand und wider das Elend stritt, dachte er des Jugendfreundes und sprach zu sich: Er, der mir einst die ganze AVeit und viel schöner w^ar, als sie selbst es später sein mochte, er wird mich wiederbeleben aus dieser Not, die mich starr und lahm macht, w^enn ich nur zu ihm kommen w^erde. Und er ging unter den Leuten umher und erborgte sich das Reisegeld unter vielen Demütigungen vind Leiden und fuhr in die Stadt, in der der Freund hauste, und suchte ihn heim. Dort -w^urde er in glücksehger Herzensw^ärme empfangen, das ganze Haus einte sich zum Feste. Als sie beim Mahle Sassen, Seite an Seite, fragte der Freund: ,Du Seele
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meiner Kindheit, sage mir, wie ergeht es dir in der AVeit?* Sprach der andere: ,Viel mag ich nicht reden, wisse nur, selbst die Kleider, in denen ich gehe, sind mcht mein!* Und wie er redete, fielen ihm die Schmerzenstränen aus den Augen und sickerten in das ferne Linnen, das den Speisetisch festlich deckte. Da hat der Gefahrte nimmer gefragt, und das Mahl ist w^eitergegangen mit Scherz, Gesang und Spiel.
Als es zu Ende w^ar und Freund hei Freund in der Stille sass, rief der Hausherr seinen Schreiber und hiess ihn eine Aufstellung seines ganzen Ver- mögens machen, und als das geschehen war, alles zu zw^ei gleichen Hälften teilen und die eine seinem Herzbruder übergeben.
Der vor Tagen noch Arme fuhr reichgesegnet heim, traf alsbald Arbeit und Gelingen vereint, und in einigen Jahren stand sein Haus reicher und sicherer da, als es je vordem gewesen w^ar. In der nämlichen Zeit aber fugte es sich, dass im Hause des andern Freundes das Unglück Gast w^urde und sich als ein hartnäckiger Geselle erwies, der nimmer von hinnen w^ich, w^ie der Mann auch alle Gewalten antrieb, es zu verjagen. Erst mit ihm zugleich zog es aus dem Hause. Da aber -war die Dürftigkeit übergross gew^orden, und zu alledem traf er kein Herz auf seinem bitteren AVege, das ihm geraten und ihm geholfen hätte.
Wie er nun in einer armseligen Stube sass und die Not wie eine grosse, dürstende Spinne in ihr grauses Gespinst ihn einw^ob, und er fühlte es
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atemlos immer enger und dichter \verden, da fiel ihm der Freund seiner Kindheit ein, und vor seinem Namen riss das Gewebe, und er fühlte, wie sein Geist beschw^ingt und frei sich aus der Tiefe hob, bereit, den Kampf mit den feindseligen und un- reinen Elementen der A^elt aufs neue zu beginnen. Er schrieb sogleich an den Genossen, von dem er vernommen hatte, dass sein ^Vohlstand weit über seinen ehemaligen Besitz hinausgewachsen 'war, dass er zu ihm zu kommen gedächte in grosser Bedräng- nis, um aus seiner geliebten Hand ohne Scham sich die Hilfe zu erbitten. Und er liess ihn wissen, an ^v^elchem Tag und zu welcher Stunde er die Stadt zu verlassen gedachte, um den ^Veg zu ihm zu nehmen. Dann, zur rechten Zeit, schon völlig ^vohlgemut, machte er sich zu Fuss auf den w^eiten ^^eg. Der grossen Müdigkeit, die ihn schliesslich befiel, achtete er kaum, denn hinter jeder Biegung der Strasse, in jeder fernen Staubwolke hofite er das Gefährt des Freundes zu erblicken, der ihm entgegenfahren w^ürde, denn er wusste ja den Tag seiner ^^anderung. Er näherte sich schon der Stadt, — noch immer allein, zu Tode erschöpft.
»Vielleicht ist mein Freund auf einem andern ^Vege mir entgegengefahren, — es gibt -wohl deren mehrere, die von seiner zu meiner Stadt führen I' dachte der ^Vanderer. ,Er wird, da er mich nicht angetroffen hat, umgekehrt sein, und ich w^erde ihn in seinem Hause finden I'
Da er die Häuser und Gärten der Stadt in einem Schimmer von ^Vei8S und Grün vor sich
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sah, schwand ihm die Schwere aus den Gliedern, und er schritt rascher aus. Unschw^er vermochte er den ^Veg zu seines Freundes Haus zu erfragen, es lag stattlich und ernsthaft in einer reichen Strasse. Er trat ein und fand den Saal, in den er trat, an- gefüllt mit wuchtigen, w^ertstrotzenden Geräten, aber von Menschen leer. , Seltsam/ dachte er, ,da58 mein Freund auch hier mich nicht erwartet. Sollte mein Brief verloren, sollte der Bote trügerisch gew^esen sein?' Er liess sich nieder und w^artete.
Indessen sass sein Freund oben im letzten Stock- werk des hohen Hauses in seinem Gemach zwischen Büchern und Rechnungstafeln.
Er hatte den Kopf in seine Hände vergraben. Seit Tagen stritt seine Seele einen ungeheuren Kampf. Als er den Brief seines Jugendfreundes erhalten hatte, stand jene Stunde vor ihm, da der andere all sein Hab und Gut mit ihm geteilt hatte, um der Liebe aus den Kindertagen willen, da ihre Seelen Gesch-wister ge'wesen waren. Und er ver- stand, dass nun an ihm die Reihe w^ar, ein Gleiches zu tun. Nun aber hatte sein Wesen, einst rein und gütig den Händen des Ewigen entsprungen als eine klare, singende Quelle, sich in jenen Zeiten, da er aus plötzlicher Armut rasch w^ieder zu un- vermutetem Reichtum gelangt w^ar, getrübt. In ihm ■w^ar zuerst die Angst vor einem erneuten Verarmen gew^esen, später eine übertriebene Liebe zum Be- sitz, die sich zu einem kalten Geiz steigerte. Darüber ■war er von innen leer geworden. Und nun bäumte es sich in ihm auf vor dem Gedanken,
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Bich auch nur von einem kleinen Teil des Seinen zu trennen.
Er beachloss endlich, jede Gabe zu verweigern. Da er aber bedachte, dass beim Anblick des Freundes alle Härte in ihm schmelzen köimte, dass seine Seele auftauen würde, w^enn sie aus dem Blütengarten ihrer Jugend das Silberläuten vernähme, überkam ihn eine würgende Angst. Er rief seine Diener und befahl, dass sie den Mann aus dem Haus zu w^eisen hätten, und er legte ihnen schreckliche Worte, scharfe und seelenlose, in den Mund.
Als nun einer aus der Schar der Knechte ein- trat, der W^artende seinen Namen nannte und den Herrn begehrte, tat der Diener nach seinem Befehl und w^ies ihn fort, w^ie es ihm geboten w^ar.
Der arme Gefährte ging von hinnen aus der Stadt an einen Ort, wo er mit seiner Seele allein •war. Da weinte er sich gut aus vor Gott und sprach: ,Herr, der Freund, der mein einziger Hort auf Erden w^ar, meiner Seele Bruder, dem ich von meinem Gut einst so viel gegönnt habe wie mir selber, er hat mich nicht vor sein Angesicht ge- lassen.' In seinem bitteren AVeinen, in der Auf- lösung seiner Seele, erschöpft am Leibe von der weiten Reise ohne Rast und Labung ist der Arme gestorben in jener Stunde.
Wenige Tage später ist auch der Reiche dahin- gegangen.
Zusammen haben sie vor dem hohen Richter der ^«^elt gestanden. Dem Armen hatten Leid und Güte ein Sein im hohen Lichte errungen, der Reiche aber
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sollte versinken in Ver^virrung und Trostlosigkeit in den Raum, wo Eis wie Feuer brennt und die harten Herzen ihren Ort haben.
Als sein Gefährte den Richtspruch vernommen hatte, schrie er unter Tränen: ,Herr, selbst die Helle, die von dir ausgeht, kann den dunklen Kummer nicht erleuchten, den ich alle Ew^igkeit fühlen w^erde, w^enn dieser in das Reich der Qualen versinken soll, der meine ganze Welt w^ar, als ich, ein Kind, mit ihm zu deinen Füssen spielte.'
Es redete die hohe Stimme der Himmel und sprach zu ihm: ,Dein und sein Richter sollst du sein. Was begehrst du für euch beide?' Da ant- wortete jener: ,Ge'w^ähre uns, o Herr, noch einmal auf die Welt niederzusteigen, lass unsere Seelen mit einem neuen Körper, mit einer reinen Hülle der irdischen Wirklichkeit geboren w^erden. Noch einmal lass ihn selbst über den ^Veg seiner Seele entscheiden. Ihn lass in Reichtum, mich in Armut geboren werden. In Bettlergestalt will ich bei ihm erscheinen und zurückerlangen, was er mir schuldet und verw^eigert hat in jenem vergangenen Leben. Ist sein Sinn aber karg "wie einst, glühende Tränen wie flüssiges Silber w^ill ich über sein Herz giessen, Worte, die w^ie Flügel die Luft um ihn bew^egen sollen, will ich ersinnen, auf den Knien will ich mit seiner starren Seele ringen, um das Gut von ihm zu erreichen, sei es Heller um Heller I'
Da beschied die hohe Stimme den beiden eine neue Wiederkehr.
Der harte Mann lebte in reichem Hause ein
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üppiges Leben, der andere kam unter dürftige Leute in einem fernen Lande, ein Armer in Wahrheit.
Nun, o Freund,' mahnte der Baalschem, , spanne deine Seele an und höre mir gut zu!
Was vor diesem Leben, auf der Wanderung der Geister mit ihnen beiden sich ereignet hatte, das T^russten sie nimmer. Es geschah, dass der Arme in der Not seines Lebens auf die Wander- schaft zog, um zu betteln, und so ist er in die Stadt gekommen, wo der andere in seinem schönen Hause unter Reichtum und gutem Leben in die irdische Seligkeit eingebettet war. An dem Tag, da der Arme jenen Ort betrat, w^ar sein Elend und Entbehren so hoch gestiegen, wie ein schwellendes Waaser, das seinen höchsten Stand erreicht hat. Er irrte durch die Strassen und kam zum Haus des reichen Mannes. Hier hielt er ein und hob die Hand, mit dem Klopfer die Tür zu berühren. In dem Augenblick kam ein Mensch des Weges, erblickte den Bettler an der Pforte und rief ihm zu: .Hier pochst du vergebens, aus dem Haus ist noch keiner getröstet weggegangen I' Da wusste er, da«s man ihm die Gabe weigern w^ürde, und seine Hand fiel herab, aber etw^as in seinem Herzen sagte ihm, dass er hier und nirgend anders das Almosen empfangen müsse, "wenn seinem Leben sollte geholfen werden. So pochte er und trat vor den Herrn des Hauses und bat um eine geringe Spende, damit er seinen wühlenden Hunger stillen könne. , Reicht Ihr mir nichts, so sterbe ich!' sagte er. ,Ihr haltet mein Leben in eueren Händen!' Der
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Hausherr verzerrte sein finsteres Gesicht zu einem Lachen und höhnte: ,Spar deine Zeit und red nicht lang! Jedes Kind auf der Strasse ^veiss, ich gebe kein Almosen. Um dich hrech ich nicht mit meinem Braucht'
Da fühlte der Arme eine seltsam z^n^ingende Kraft in sich aufsteigen, es war ihm, als bäte er um mehr als um sein Leben. Fremde, gewaltige Worte stiegen aus seinem Munde, er fand eindring- liche Geberden und rang mit aller Anstrengung um da« verschlossene Herz.
Als der Reiche eine so grosse Gew^alt auf sich ein- stürmen fühlte, erfasste ihn die Wut, er schlug auf den Bettler los, und er, der sein letztes Leben in seine Bitten gesammelt hatte, sank unter dem Schlage tot darnieder.
Nun, Freund,' sagte derBaalschem, ,hast du mich zu Ende gehört. Fehlt dir w^irklich noch immer garnichts 7'
Da brach der Jude in Tränen vor dem Meister in die Knie: , Rabbi, der Böse bin ich. Du hast den Schleier der Zeiten aufgetan, meine Augen haben über die Kette des Geschehens hingeschaut I Was soll ich tun, dass ich die Seele, die verdorben ist, mir behüte und reinige?'
Es antw^ortete der Baalschem: ,Geh und sieh in jedem Armen auf dem W^ege ein Kind des Bettlers, den du erschlagen hast, gib von deinem Gut und von deiner Hilfe soviel du vermagst, lass deine Seele die Gabe mit Liebe überströmen I'"
Dies hat Rabbi Schalom von Kaminka denZaddikim erzählt, die zum Jahrestag in Ropczyce versammelt w^aren.
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VON HEER ZU HEER
IN DEN TAGEN DES BAALSCHEM LEBTEN zM^ei Freunde. Beide standen in jener Zeit der reichsten Jugend, da noch die letzte Morgenröte hold und unbestimmt am Himmel glüht: die wilden Träume der Dämmervmg zittern noch nach, bald naht Sonne, die strenge Hcrnn, und ihr Reich der Ge- stalten wird sichtbar, aber jetzt leuchtet die schwere und selige Stunde, und Traum und Tag erblassen vor der morgenroten Frage um den Sinn des Lebens.
Oft sassen die Freunde beisammen, an einen Baum oder an die kahle Wand ihres Stübchens gelehnt, imd redeten von dem Sinn des Lebens. Dem einen war die ^^elt erschlossen durch das W^ort des Baalschem. In jedem Ding empfing er eine Botschaft und mit jeder Tat sandte er eine Antw^ort. Er w^arf sich auf das junge Feld hin und sog die Gnade aus der Acker- erde, er grüsste den Wind und das Wasser und die schönen vorüberlaufenden Tiere, und sein Gruss w^ar ein Gebet. So war ihm der Sinn des Lebens inGott eingewTirzelt. Sein Gefahrte aber ereiferte sich gegen ihn darob und meinte, all dies sei eine Sünde wider den Geist der Wahrheit. Denn viele Flächen habe jedes Ding und viele Formen jedes ^Vesen, und w^er seine Seele zur Sklavin eines Glaubens erniedrige, der sehe von allem nur eine Fläche noch und eine Form, arm und behaglich w^erde sein Weg, und tot sei in ihm das Suchen nach \Vahrheit, der Sinn des Lebens. Darauf antwortete jener leisen Mundes, in der ^^elt der Verklärung gebe es keine Flächen und
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Formen, sondern jedes Ding stehe da in seiner Reinheit. So stritten die beiden Freunde oft mit- einander, und jeder fühlte im Sprechen die Tore seiner Seele aufspringen und sah angstvoll und ver- zückt in ein Land, von dem das Wort nichts zu sagen wusste.