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Die Legende des Baalschem

Chapter 15

Section 15

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DER WIDERSACHER
EINER DER EIFRIGSTEN UNTER DENEN, die sich wider den Baalschem erhoben, -war / Rabbi Jakob Josef von Szarygrod. Keinem wohl strömte der kämpfende Wille aus so tiefen und verborgenen Quellen zu. Denn die ketzerischen Dinge, die ihn erschauem und ergrimmen machten, lagen wie Ahnung und Keimachicht m seiner eigenen Seele, ganz unten, unter dem Bereich des Wortes, ja tiefer als der Raum, in dem sich der Gedanke gebiert.
Drei Bräuche der Neuerer aber waren es vor allen, denen der Rabbi feind war: die Freude ihrer Feste, die den Zaun des heiligen Gesetzes niederbrach und hoch aufwallte im Tanz und im trunkenen Lied; die Seltsamkeit ihres Dienstes, da die Gemeinde nur lose die Betenden umschlang und in Wahrheit jeder für sich und auf seine ^Velse, oft auch mit wilder und entfesselter Geberde zu Gott redete; mehr als alles aber die leise, von Geheimnis schw^ingende Predigt des Meisters nach der dritten Sabbatmahlzeit in der Dämmerung. Oft hatte der Rabbi von dieser Predigt gehört. Sie war mcht, wie die Sitte gebot, aus Deu- tungen der Schrift aufgebaut, auf denen sich kunstvoll Deutungen der Deutungen türmen. Sie sprach von den Dingen der Seele, als ob man von diesen Dingen reden dürfte. Manchesmal w^aren es gar gew^öhnliche Geschichten, wie das gemeine Volk sie sich in den Trinkstuben erzählt: aber sie wurden langsam und feierlich gesagt wie die Worte des Mysteriums der Keduscha, und die Leute lauschten ihnen, als setzten
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sie die Offenbarung am Sinai fort. So oft auch dem Rabbi davon berichtet wurde, immer wieder überkam ihn der Zorn -wie zum erstenmal. Geschichten am Sabbat ! ^Vas fiir einen Sinn können Geschichten haben? Und noch zorniger hiess er in sich die Stimme schw^eigen, die tief unten er^vacht war und es zu wissen vorgab. Und er mahnte seine Seele an den w^ahren ^Veg zur Vollendung, durch die Abkehr vom Lebendigen, durch
Zucht und Herbheit, durch Fasten und Schw^eigen.
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Einstmals machte sich der Baalschem am Abend auf und fuhr nach Szarygrod. Er w^ar ohne Ge- fährten und unterredete sich mit der Sommernacht w^ie mit einer Freundin. Als sie Abschied nahm und der Tag noch zögernd aufstieg, kam der Wagen des Meisters in die kleine Stadt. Da lagen die Häuser mit geschlossenen Fensterläden im Zw^ielicht wie freudlos Schlummernde mit schw^eren ge- schlossenen Lidern. Den Baalschem kam das Er- barmen an mit ihnen allen, die hinter diesen Fenstern ihren dumpfen Frühschlaf hielten. Er ging mit steten Schritten unter der w^achsenden Tageshellc auf und nieder, bis über eine Weile ein Gesell des ^Veges kam; der trieb einige Tiere vor sich her, die er tagüber vor der Stadt auf der \Veide hatte. Zu dem begann der Meister wie von ungefähr zu reden und kam, indes der Mensch anfangs ein wenig ein' fältig und scheu ihm Antw^ort bot, allmählich ins Er- zählen einer Geschichte. W^ie er so redete, kam ein anderer herzu, alsbald ein dritter, dann aber immer mehr und mehr, meist Knechte und arme Leute, die
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den Tag früh beginnen. Sie alle standen und lauschten begierig und riefen gar noch andere aus den Häusern herbei. Wie die Stunde vorrückte, kamen die Mägde mit den Wasserkrügen auf dem Weg zum Brxinnen und hielten inne, die Kinder kamen aus den Stuben ge- Sprüngen, und die Hausväter selber Hessen ihr Ge- schäft imd ihren Gang, dem fremden Mann zuzu- hören. Es war aber seine Erzählung so seltsam lieblich verknotet, dass, -wann immer einer ankam, es ihn wie ein Anfang dünkte und jeder, des früheren unbegierig, ganz auf das Kommende gerichtet war und ihm entgegenharrte wie der Erfüllung seiner liebsten Hoffnungen. So hatten sie alle die eine grosse Ge- schichte, und darin jeder seine eigene kleine und aller- w^ichtigste, und die kleinen kreuzten einander und ver- hakten sich, alsmüssten sie sich tief verwirren, aber im Nuw^aren sie wieder gelöst und geordnet und liefen fein säuberlich neben einander hin; w^ar aber eine abge' laufen, dann Hess sie eine neue Verheissung zurück, die alsbald eine Genossin zu erfüllen sich anschickte. Um ein geringes stand das ganze Städtchen auf dem Marktplatz, und alle lauschten, und jeder hatte ver- gessen, w^as ihm sonst um diese Stunde zu tun obliegen mochte. Die Handw^erker hatten ihre Geräte in der Hand und die Frauen ihre Kochlöffel. Ganz vom aber stand mit einem grossen Schlüsselbund der Tempeldiener, der just auf dem \Veg zum Bethause gew^esen w^ar, es zu öffnen. Ueber ihn w^ar die Er- zählung mit solcher Gewalt geraten, dass er sich bis dicht vor den Meister durchgedrängt hatte und nun stand und lauschte mit Ohr und Herz und dem ganzen
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Leibe, seines Amtes so -w^enig eingedenk, als ^väre es nur ein verschollener Traum.
Es w^ar aber die Erzählung des Baalschem nicht wie eure Erzählungen, Kinder der Zeit, die krumta 'vv^ie ein kleines Menschenschicksal oder rund wie ein kleiner Menschengedanke sind. Sondern der farbige Zauber des Meeres war darin und der weisse Zauber der Sterne und der unbegreiflichste von allen, das zarte Wiuider der unendlichen Luft. Und doch w^ar es keine Mär der Feme, w^as die Erzählung sagte, sondern jedem erw^achte unter der Berührung ihres Wortes die heimliche Melodie, die verschüttete, zer- sprengte, totgew^ähnte, und jeder empfing die Bot- schaft seines verlorenen, vergessenen Lebens, dass es noch da und ihm offen und nach ihm bange war^ Zu jedem sprach sie, zu ihm allein, kein anderer ^var, alle w^aren er, er war die Erzählung.
Da hob der Meister den Blick und sah lächelnd ins W^eite, sah durch Häuser und Mauern, w^ie vor der Tür des Bethauses der Rabbi stand, der um diese Stunde sein Gebet zu verrichten kam; und da w^ar das Haus geschlossen, und der Diener fehlte, und da w^ar keiner von den allen, die Tag um Tag zu dieser Zeit versammelt w^aren und ihn erwarteten. Der Baalschem sah in den Geist des Rabbis und sah den Grimm und die Bitterkeit in ihm wachsen und w^ie er seinen Unwillen band und sich zur Geduld be- zw^ang. Da beschloss der Meister, den Diener aus der Erzählung zu lösen, und augenblicklich kam es über den Mann w^ie ein Erwachen, und ohne sich zu besinnen lief er, so schnell er konnte, nach dem
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Bethaus. Als er an der Tür ankam, fand er den Rabbi, der mit gefalteter Stirn, die Augen zu Boden gesenkt, die Worte des Unmuts zurückdrängte und nur mit einer barschen Be-wegung zu eiligem Offnen drängte. Der Diener aber, noch erfüllt und umgeben von der Erzählung, ward weder der eigenen Ver- fehlung noch des Argers seines Herrn gew^ahr, sondern begann von dem fremden Mann zu melden, der auf dem Platz stehe und Geschichten sage, alles Volk um ihn geschart. Er beschrieb die Ge- stalt und das Ansehen des Fremden, und da wusste der Rabbi, w^er gekommen w^ar und mit ihm um die Seelen stritt, und ein zorniges und w^ehes Funkeln kam in seine Augen, ^^ortlos schob er den Diener beiseite, trat in das Haus und begann zu beten.
Nach einer Zeit geschah es, dass ein Mann von den Frommen des Baalschem und aus seiner Stadt seine Tochter einem geliebten Schüler des Rabbis von Szary- grod verlobte. Die Hochzeit sollte in der Stadt des Baalschem vollzogen "werden.
Rabbi Jakob Josef hegte einen schw^eren Kummer ob dieses Verlöbnisses. Als er davon erfuhr, w^ar es ihm w^ie die Kunde, sein Sohn sei unter schlimme Gc' seilen geraten. Wohl erwies sich, als der Schüler selbst vor ihm erschien und ihm alles berichtete, die Liebe stärker als der Zorn, und er musste ihn segnen. Aber als er ihn bat, zu seinem hohen Feste nach Miedzyborz zu kommen, ^veigerte er es ihm und er- klärte, nie und nimmer könne er die Stätte des Ketzers betreten. Der Schüler jedoch lag ihm mit inständigen
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Bitten an Tag für Tag, bis dem Rabbi einmal das Wort entfuhr: ,,Wie soll ick mit dir ziehen — wird doch dich vind deine Freunde der erste Gang in Miedzyborz zu dem unheiligen Mann führen, der das Volk Israel verdirbt I" Da versprach der Jüngling, um einen günstigen Spruch seines Lehrers zu ge- 'w^innen, er 'wolle das Angesicht des Baalschem nicht schauen, und unter dieser Bedingung willigte der Rabbi ein, mit ihm zu fahren.
Als sie aber unterwegs w^aren und unfern des Reise- ziels in einer Herberge weilten, merkte er, w^ie der Schüler' sich mit seinen Freunden heimlich unter- redete, und er erkannte, dass sie darüber sprachen, w^ie sie es anstellen möchten, ohne das Wissen des Rabbis in das Haus des Baalschem zu kommen. Da trat er auf sie zu und sagte zum Bräutigam: ,,Ich habe Unrecht daran getan, dir ein Bedingen aufzu- legen, das du nicht zu erfüllen vermagst. Da es mir aber nicht ansteht, allein die Heimfahrt anzutreten, ^^erde ich hier verbleiben, bis ihr von der Hochzeit heimfahret, und sodann 'mit euch nach meiner Stadt zurückkehren." Der Schüler versuchte stammelnd erneute Bitte und Versprechung, aber der Rabbi hörte ihm nicht zu, sondern wandte sich zum W^irt und ersuchte ihn, ihm ein Zimmer zu weisen, in dem er ungestört seinen Studien obliegen könnte.
Eine ^Veile danach sass er in einer stillen Stube und hatte die Bücher aufgeschlagen vor sich liegen. Aber als er sich darüber beugte und beginnen w^ollte zu lesen, sah er, dass die Lettern, statt wie immer in ihrem schönen Gefüge willig dazustehen, — jede
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freudig erwartend, dass er an sie käme, stolz te- friedigt, wenn er sie gelesen hatte, — sich in einem tollen Tanze einherschwangen xind die Gliedmassen in die Luft warfen, ja ein dickes rundes Ding über- kugelte sich in einem fort, ohne zu ermüden. Der Rabbi schloss die Augen, öffnete sie wieder, und als das Un- w^esen nicht aufhören w^oUte, schlug er mit heftiger Hand auf das Buch . D a war im Augenblick alles still vind w^ohlgesittet, jedes sass an seinem Platz, als hätte es sich nie von dannen gerührt, vind ein paar oben- stehende Lettern hatten sogar schon das Lächeln der freudigen Erwartung bereit. Als aber der Rabbi nun anheben w^oUte zu lesen, drang ihm aus dem Buch ein aus hundert dünnen Stimmen ge- mischter Lärm entgegen. Das w^aren die ^Vörter, die miteinander stritten. Aber es w^aren nicht etw^a zw^ei Lager von Kämpfern, sondern jedes \Vort w^idersprach allen andern, und jedes versicherte, es sei von Lügnern und Heuchlern umringt, die es lediglich darauf abgesehen hätten, ihm seinen ein- geborenen Sinn zu rauben und zu erschlagen, aus tückischem Neid, w^eil sie selbst keinen Sinn und keine Seele hätten. Und als der Rabbi auch diesen Krieg beschwichtigt hatte, standen die Sätze auf und erklärten, sie ^voUten nicht länger einem unbe- kannten Zweck dienen, der über allen schw^ebt, sondern aus sich selber und für sich selber leben. Der Rabbi sah auf das Buch und lächelte. Dann schlug er es zu und lächelte wieder. Hatte er doch ein Buch in sich, ein grosses und überreiches, das keiner ihm ver^virren konnte. Aber als er den
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«rsten Gedanken aufrufen w^ollte, brach sein Lächeln ab. Denn kein Gedanke stieg auf, nur ein dumpfes Vergessen lagerte wie über einer verlassenen Gräber- stätte. Da erschrak der Rabbi, und das erste Er- schrecken seines Lebens kam über ihn wie eine Todesnot. Dann aber verstand er, dass ihm befohlen war, nach Miedzyborz zu gehen. Und alsbald lebten die Gedanken in ihm auf, so sturzhaft, dass er fast zum zweitenmal erschrak.
Es kam ihm nicht in den Sinn, einen Wagen zu mieten, er trat hinaus auf die Strasse und ging. Als er nach Miedzyborz kam, trug es ihn w^eiter, ohne dass er seine Augen oder seinen \Villen be- fragte, bis vor ein grosses, abgesondert stehendes Haus, aus dem das Licht vieler Kerzen und das Gespräch vieler Stimmen ihm entgegendrangen. Er verstand, dass es das Haus des Baalschem 'war, und w^oUte weitergehen, als es urplötzlich stille w^ard. Dann erschien es ihm, das Licht w^erde drei- fach heller, und aus dem Schweigen begann eine Stimme zu reden, die tönte so -wunderbar, dass er näher treten und lauschen musste. Und er hörte, -w^as die Stimme sprach.
,,Ich w^ill euch eine Geschichte erzählen.
Es w^ar einmal ein Rabbi, ein -weiser und strenger Mann. Der sass in der Nacht des neunten Ab in seiner Kanuner und trauerte über den Tempel und über Jerusalem. Und anders als in allen Jahren in dieser Nacht -war diesmal seine Trauer. Denn in den anderen Jahren war es ihm gewesen, als w^äre er hingestellt in die Zerstörung der Stadt
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und schaute mit seinen Augen den Brand und das Verderben. Aber in dieser Nacht war es ihm, er sei eine eherne Säule am Hause des Herrn, und er fühlte die Hand der Chaldäer auf sich, die ihn zerbrach, und wieder w^ar es ihm, er sei das Erz einer zerbrochenen Säule, das gen Babel geführt >vird. Und das Klagelied kam auf seinen Mund, aber nicht w^ie dessen, der sieht und trauert, sondern "wie das Stöhnen der zerbrochenen Säule. Und nicht wie einer, der kommt und geht, sondern ^vie ein Ding, das in der Herrlichkeit gelebt hat und nun zer- schlagen und in die letzte Schmach geschleppt w^ird, rief er zu Jerusalem: Stehe auf, schreie in der Nacht, am Anfang der Wachen schütte dein Herz au« vor dem Herrn w^ie Wasser I Und da w^ard ce ihm, er sei Jerusalem die Stadt, und der Brand und das Verderben gingen über ihn hin, und die tausendfache Verwüstung geschah an seinen Gliedern. Da brach der Schrei aus ihm und schüttelte ihn ^e ein Sterbendes und w^arf ihn auf das Lager. Und da er also lag, w^ar sein Leib so bar des Lebens, wie der Leib eines, der im Vergehen liegt. Die Nachtstunden strichen hin vmd kamen auf ihn, der ohne Empfindung w^ar, wie w^enn die Zeit zu Sand würde und auf ihn niederrieselte, ihn zu begraben. Um die Mittemacht aber fühlte er ein Bewegen in der Luft, und ein Hauch glitt an seine Stirn w^ie lebendiger Atem. Er öffnete die Augen und gew^ahrte über sich gebeugt die Gestalt eines Knaben und erkannte das Angesicht seines Lieblings- achülert, die w^eichen Züge, die nun von einem
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Schrecken entstellt -waren. Der Knabe berührte seine Hand und sprach, und seine Stimme sch^vankte : ,, Rabbi, Ihr läget -wie einer, dessen Seele schon flüchtig ist, ihn zu verlassen. Ihr müsset Euch ein -wenig Speise gewähren, um Euer Leben zu stärken." Der Rabbi -w^andte das Haupt und flüsterte, und seine Zähne schlugen wider einander: ,,Kind, w^as redest du? Ist doch heute der neunte Ab, ein Tag der Trauer vmd des grossen Fastens I" Aber der Knabe umschlang seine Hand fester mit seinen beiden warmen Händen und bat: ,, Rabbi, denket, dass es verboten ist, sich mit W^illen dem Tod anheimzugeben I" Und er ging und kehrte wieder und trug, sie mit den Armen umfassend, eine grosse Schüssel voll herrlicher Früchte und kniete vor dem Rabbi nieder und sah ihn bittend an und neigte bittend den Kopf. Und der Rabbi, vom bunt- ß-eudigen Anblick und Wohlgeruch belebt, richtete sich auf und sprach den Segen über die Frucht des Baumes, w^ie einer, der sich anschickt zu essen. Aber als das letzte ^Vort seinem Mund entw^ichen •war, ergriff ihn ein jähes Entsetzen über sein Tun. Er hob die Hand gegen den Schüler und schrie ihn an: ,,Hebe dich hinw^eg, Geist der Verfuhrung, der du vertraute Gestalt borgst, mich zu betören I" Der Knabe erzitterte unter den "Worten seines Lehrers und wich bangend aus dem Hause.
Der Rabbi aber fiel in einen tiefen Kummer w^ie in einen Abgrund. Vor ihm erschienen die Jahre seines Lebens mit all ihrem Opfer und Bann, mit ihren Kriegen und Triumphen, mit der hohen Macht
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über «ich selber, die wucbs und stieg von Jahr zu Jahr. Und dann erschien vor ihm ein kleiner matt- äugiger Wunsch, der schleppte sich wie ein kranker Zwerg zu den Jahren hin und w^ischte sie mit seinem Finger w^eg, dass nichts mehr von ihnen da war.
Und der Kummer des Rabbis ^^oirde immer tiefer, bis die Trauer dieses Tages und das Leid um Je- rusalem in dem Kummer versanken, und der Kummer schlang sie ein und breitete sich und herrschte über die Seele mit Geissei und Feuerbrand. Und in dem Rabbi war nichts mehr von der Stunde, da er eine Säule gewesen 'war im Hause des Herrn und da er die Stadt gew^esen w^ar unter der Hand des Unheils, sondern er w^ar dieser Mensch, hier liegend auf einem Lager in der Nacht, dieser Mensch, der gesammelt und gesammelt hatte, mit strenger und nicht ermüdender Hand, und dem nun ein kranker Zw^erg alles raubte, mit dem Ruck eines dürren Fingers in der Finsternis. Über sich und ringsum fühlte er die Nacht, stehend und unw^andel- bar, die Nacht und den Abgrund.
Aber die Nacht stand nicht, sondern zog über ihm hin mit dem Wallen ihrer Haare und dem ^Vehen ihrer Schleier. Und ehe sie entwich, legte sie ihre Hand auf seine Augen und gab ihm den Schlaf. Aber irgendw^oher fiel ein Samen in den Schlaf, und der Traum keimte und w^uchs und kündete.
Der Traum führte ihn unter den offenen Mittags- himmel, der durch die Baumkronen eines grossen Fruchtgartens auf ihn herabschaute. Er ging durch die schmalen vielverschlungenen W^ege des Gartens,
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gestreift vom hohen Gras und den niederhangenden früchteschweren Zweigen. So kam er an das Ende des Gartens und sah über die niedrige Mauer hin- aus, und w^as er sah, waren die Gässchen der Stadt, in der er hauste. Ihm aber -war in seinem Traum wohl bewusst, dass ein Garten solcher Art in seinem Wohnort nicht stünde, und w^underlich furchtsam und zw^eifelnd w^andte er den Fuss und ging in den Garten zurück und suchte nach einem, der ihm Rede stehen könnte. Als er der Mitte des Gartens sich näherte, w^o alle Wege sich kreuzend zusammen- liefen, sah er einen Mann in Gärtnertracht stehen; der w^ar tief zur Erde gebeugt, hob aber nun die Stirn ihm entgegen und blickte ihn funkelnd an. Der Rabbi fragte ihn: ,,Was für ein Garten ist dies, und sage mir, w^essen ist er?" Der Mann redete hart und kurz: „Er gehört dem Rabbi dieser Stadt." Der gab verwundert zurück: ,,Ich bin der Rabbi dieser Stadt und bin arm und kenne keinen Besitz. Woher käme mir dieser Garten?" Da sprach der Mann w^ieder, und Blitze erw^achten auf dem Grund seiner Augen, und ein Donner spielte in seiner Stimme: ,,Aus Wunsches Pein, aus Schuld und Scham, aus einem eitlen Segensspruch hat dir die Hölle diesen Garten geboren." Er stampfte mit dem Fusse auf, da spaltete sich die Erde bis zum feurigen Kern, und der Rabbi sah die W^urzeln der Bäume verschlungen in die Urtiefe sich senken und dort vereint sich aus der Flamme nähren.