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Die Legende des Baalschem

Chapter 13

Section 13

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in Frieden seines Glaubens pflegte. Hier lebten sie mehrere Jahre in Abgeschiedenheit. Der Jüng- ling wurde unter der Leitung des Meisters und durch der eigenen Sehnsucht brennende Bestrebung ein Grosser in der Erkenntnis und ein Begnadeter der Mysterien. Damach fügte es sich, dass ein heiliger Zaddik aus uraltem, erhabenem Geschlecht in jene Stadt kam, wo die Juden ihn in hohen Ehren empfingen Auch der Königssohn und sein Lehrer eilten herbei, den Heiligen zu grüssen. Dabei begab CS sich, dass der Jüngling durch seine edle Führung und die grosse Lauterkeit, die von ihm ausging, das Wohlgefallen des Zaddiks so sehr gewann, dass er ihm seine einzige Tochter zur Ehe bot. Als der Königssohn die Hochzeit beging, sprach er zu dem jungen Weibe: ,,Ich habe eine Bitte an dich, Teure, an diesem Tag: es ereignet sich zuw^eilen, dass in den Augenblicken der Erhebung mein Leib w^ie leblos dar- nieder liegt und einem Toten gleich sieht. Dann mögest du mit nichten dich dem Schmerz hingeben, noch Zeugen herbeirufen, dass sie mich etw^a beleben, sondern gleichmütig und in Frieden die Zeit er- warten, da meine Seele freiw^illig in den Bezirk des körperlichen Lebens zurückkehrt."
Das Weib, das so holden als tapferen Gemütes w^ar, versprach dies -wohl zu achten und tat es auch hinfürder, sow^ie die Umstände es geboten. Sie w^ar dem Manne eine sanftmütige und glückliche Gesellin und die beiden weilten all ihre Zeit in liebreicher Gemeinschaft. Da ereignete es sich einstmals, dass der Gatte in eine ungew^öhnlich tiefe Verzückung verfiel,
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in der sein Leib w^ahrlich totengleich verblieb. Die junge Frau ertrug den Anblick anfangs gefassten Mutes, alsdann aber, als die übliche Spanne Zeit ver- strichen war, überkam sie eine betäubende Angst, •ie w^ollte Menschen herbeirufen, entsann sich aber des Verbotes und sank alsdann still an der Seite des Leblosen in verz'weifeltem Harren nieder. Nach langen Stunden zeigten sich an dem Körper des Entrückten die ersten Spuren der 'wiederkehrenden Belebung. Er richtete sich auf und kam langsam zur völligen Besinnung. Die Frau -wollte ihn freudig grüssen, allein er erwiderte still und w^ehmütig ihre fröhlichen W^orte, und es war ihr, als ob sein Blick mit einem zagenden, zarten Mitleiden auf ihr ruhe. Auch blieb er den ganzen Tag in sich gekehrt und versonnen. Des Abends fragce ihn die Frau mit liebevollem Drängen, w^as ihm das Herz belaste, er möge ihr nichts versch-weigen. Da antwortete er ihr; ..Wisse, Geliebte, dass mir heute, als ich in den ew^igen Höhen w^eilte, eine bittere Kunde ge- w^orden ist. Um meiner Geburt w^illen und um der ersten Jahre meines Lebens, die ich in Gepränge und eitler Weltlichkeit am Königshofe gehalten w^urde, ist mir ein höherer Aufstieg der Seele verwehrt, es sei denn, dass ich den Tod ergreife und dannw^ieder- geboren werde von einem armen, reinen und demütigen W^eibe, Darum bitte ich dich, mein Liebling und mein Gemahl, dass du eines Sinnes mit mir seist, und mir, der voll Sehnsucht ist, gew^ährest dahinzugehen ohne Verzug.** Es sprach die Frau in leuchtender Liebe: .,Icfa bin es zufrieden, w^enn du mich mit dir sterben
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läflst und ^irenn ich mit deiner Seele >viederum zur Erde kehre und alsdann in deinem verjüngten Leben aufs neue dir als Weib vereint -^erde."
Sie legten sich zum Todesschlaf selbander und gingen im gleichen Atemzug vereint dahin. Und es verging hier unten ein Mass der Zeit, in* dessen ihre Seelen ins Dunkel tauchten, da man die Zeit nimmer misst. Und dann kehrten sie i^ieder. Der Mann wurde von einer Demutsreichen in der Stille der Armut geboren, und das Weib sah in eines Dürftigen Hütte wieder ins irdische Licht. Und siehe, ihre Kindheit und die Jahre ihrer Jugend w^aren ein langes, ungew^usstes Suchen nach dem Unbekannten, das ihnen im Grunde des Herzens schlief Sie sahen über das Leben und ihre Nächsten hinaus mit fremden, irrenden Augen dem Gemahl ihrer Seele entgegen und w^aren nur zaghaft, w^eil sie, seit sie aus den Fluten des Vergessens aufgestiegen waren, nicht mehr ^oissten, was sie erwarteten. Und ihr, Freunde, ihr alle sollt w^issen, dass sie sich gefunden haben und sich begegnet sind auf dem neu bestrahlten ^Vege ihrer Jugend, und dass sie hier Bräutigam und Braut mild vereint unter euch sitzen."
Da w^ar ein grosses Bewegen in aller Herzen, als der Baalschem schwieg, und über aller Stirnen lag ein Glanz wie vom Begreifen aller Wandelgänge der Ew^igkeit.
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DER PSALMENSAGER
IN EINER STADT UNFERN DER STADT des Baalschem lebte ein reicher Mann, der zu den stillen seltenen Zeiten seiner Einkehr in •ich selber dem Dienste Gottes gar hold war, ge- meinhin aber dem bunten Treiben und einer herz- haften Geselligkeit hingegeben die Güter seiner Seele brachliegen Hess. Er hatte wohl oft von dem Heiligen gehört und wusstc, dass alle Frommen ihn heimsuchten, doch mied er ihn von jeher, sei es, dass er eine Scheu vor ihm trug, sei es, dass er von jeglichem Tag mit irgend einer Last w^elt- Ixchen Glückes beladen keinen Drang nach dem hellen Frieden des Meisters verspürte. Der Baal- schem aber woisste um ihn und um sein Leben, "wie um das aller Kreatur, und liebte ihn auf eine heim- liche Weise aus der Feme. Denn der sorglose Mann war im Grunde seines lärmenden \Vesens von einer triebhaften grossen Güte, die, bisw^cilen vom Begehren nach der Lustbarkeit überwuchert, vom jäh aufw^allenden Zorn verdunkelt, doch immer wieder kräftig hervorbrach und vielen Armen und Bedrängten ein bescheidenes Genügen im Schatten •eines breiten, reichlichen Daseins gew^ährte.
Als er einmal wiederum in sich schaute, fand er, dtLB» er etwa« für die Ehre Gottes tun müsse, und beschloss gesammelt und voll Demut, eine Thora schreiben zu lassen. Als die Stille aus seinem Herzen verflogen war, blieb wohl der Wille zurück, allein die Demut hatte ihn verlassen, und er begann die
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Ausführung auf aeine Art mit vielem Prunk und Glanz. Ein berühmter und sehr kunstreicher Thora- schreiber wurde berufen. Dann Hess der Reiche selbst die auserlesensten Tiere schlachten, verteilte ihr Fleisch unter die Armen, Hess die Häute zu Pergament verarbeiten und auf sie die heiligen Bücher schreiben. Das Werk w^ährte eine lange Zeit und war vollendet die Rede und das Staunen der Stadt. Der Besitzer hatte ihm eine kostbare Lade und eine Hülle aus edlem Stoff mit Zieraten au» Metall und Steinen bereiten lassen. Als alles fertig dastand, gab er der Stadt ein Fest. Nicht die Armen und nicht die Missgünstigen schloss er aus, sondern nahm alle in sein Haus auf zum Mahle, denn er wollte, dass sein stolzer Gottesdienst ein Freudenfeuer in allen Seelen entzünde.
Es währte schon drei Tage, dass sein Haus sich zu jeder Stunde aufs neue mit Menschen füllte, die sich an die langen Tische setzten und assen und tranken, und i^ine Diener hatten all die Nächte flieh des Schlafes envehren müssen. Unter ihnen w^ar einer, ein schlichter und redlicher Mann, der Psalmensager zubenannt, w^eil die heiligen Gesänge nicht aus seinem Munde w^ichen; er gesellte sie aller Arbeit, die er tat, und sagte sie auf eine schöne und seltsame Weise, nicht w^ie ein Buch der Schrift, sondern w^ie die Klage eines Menseben, der leidet und Gottes Ohr an seinem Munde fühlt. Der Reiche kam oft leise herbei und hörte ihm zu, und sein Herz sang mit dem Singenden. Es w^ar ihm, als töne in dem Lied des Mannes die Stille,
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die ihn selber so selten heimsuchte, und ^vie um ihr zu gehorchen, ehrte er ihn und hielt ihn niemals ZVL harter Arbeit. In den Tagen des Festes aber hatte der Psalmensager gleich den andern Knechten unablässig bei Tische aufwarten und den Gästen dienen müssen. Doch hatte ihn der Hausvater den Besuchern zugeteilt, die er vor allen wert hielt und in seiner eigenen Stube bew^irtete. Da begab es sich am Abend des dritten Tages, dass die Gäste das Handwasser zum Segen der Waschung vor der Mahlzeit begehrten; sie riefen den Diener, und es w^ies sich, dass er nirgends zu finden war. Da ging der Herr selbst im Hause umher, ihn zu suchen, und fand ihn nach einiger \Veile in einer der Bodenkammern in seinen Kleidern auf einem Bette schlummernd. Er rief ihn an, aber der andere war tief im Schlaf befangen und gab nicht Rede und Antw^ort. Da stieg dem Herrn der Grimm auf, er riss den Liegenden an den Schultern hoch und schrie ihm zu: ,,Geh zum sch'w^arzen Jahr, du Psalmensager I" Der Diener sah dem reichen Mann mit starren Augen ins Gesicht. Dann sprach er: ,,Herr, Ihr wähnet schlecht, wenn Ihr glaubet, es sei da keiner, dem armen Psalmensager sein Recht zu schaffen." Der Herr aber achtete seiner Worte gering und begab sich w^ieder zu seinen Gästen.
Als er ein geringes später vom Saal auf den Flur des Hauses ging, um etw^a Neuangekommene zu begrüssen, trat eben ein fremder Mann zum Tor herein, nach der Art eines Dieners im Ge-
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wände, der sprach ihn an und sagte: ,,Herr, mein Gehieter hat ein Ding mit Euch zu bereden, das ist von ^Dichtigkeit und mag keinen Aufschub leiden. Darum bittet er Euch, da ihn einiges ab- hält zu Euch zu kommen, Ihr möget die kleine Mühe nicht scheuen, in den ^Vagen zu steigen, der vor Eurer Tür steht. Der W^eg ist kurz und die Pferde schnell, Eurer Zeit "w^ird geringe Einbusse geschehen."
Der reiche Mann wunderte sich ob des fremden Dieners und ob der sonderbaren Sache, aber etwas lähmte sein Bedenken, verbot ihm die Frage und drängte ihn vorwärts. Im leichten Hausgew^and stieg er in den Wagen, und das Gefährt bewegte sich eilends von hinnen. Der Mond schob sich gelb und >vächsern den Himmel herauf, gross und noch nie erlebt. Nach einer Weile, die dem Mann nicht kurz noch lang schien, bemerkte er, dass der Hufschlag der Pferde verstummt w^ar und der W^agen dennoch w^eiter raste. Es w^ar kein Weg mehr, und rechts und links war nimmer, keine Luft um ihn, und nichts, dessen sein Erkennen sich hätte bemächtigen dürfen. In ihm war alles in ein Staunen gelöst, ohne Erw^artung oder Angst. Er fühlte, er hatte den Schritt hinüber getan, und was gegolten hatte, galt nun nicht mehr.
Da hielt der W^agen an. Er folgte einem Zw^ang, der 00 unfassbar als bestimmt w^ar, und stieg aus. Im selben Augenblick gewahrte er, hinter sich blickend, dass der Wagen, dessen Tritt sein Fuss noch vor einer Sekunde berührt hatte, verschw^unden
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M^ar. Er stand in einem hochstämmigen AVald, dessen Bäume wie ragende Säulen aufschössen, schlank und glatt; die Kronen aber sah er nicht, Ttreil sie zu hoch sich 'wölben mochten und weil ein milchw^eisser Nebel zw^ischen den Stämmen ^i^ar, der ihm die Sicht benahm. Unter seinen Füssen war klirrender Frost. Ihn fror mit schnei- dendem Schmerz an allen Gliedern. Das zw^ang ihn vorw^ärts, schw^ieg auch sonst sein Wille und all sein W^esen, dem zumute w^ar w^ie einem Kind, das diesen Augenblick in eine gar fremde Welt geboren w^urde. Er ging und ging und es schien ihm, als ob in dem milchigen Dunst, der statt einer Luft w^ar, Gesichter auftauchten, ein W^allen und Bew^egen von Gestalten, nicht dichter als dieser Nebel selbst und völlig in ihn verschmolzen. Er wanderte durch all dies hindurch, und sein Gehen w^ar ohne Mass und Vergleich -wie vordem seine Fahrt, bis vor ihm in der W^eite ein Licht aufstand, das, den Dunst durchstrahlend, ihn nach einem Ziele lockte. Dieses wies sich als ein Haus, ver- schleiert vom Nebel, und die Lichtquelle war die Tür, die offen stand und jene klare Helle aus- strömen Hess.
Er ging heran, und da er auf der Schw^elle stand, klärte sich der Nebel zu einer krystallenen Luft, die unbeweglich stand. Er trat in eine Stube, deren Decke aus starken Balken Avar und ganz altersbraun, aber Wand und Boden waren frisch und strahlend ^^eiss. Die Stube war von einer süssheimlichen Wärme erfüllt. Sieben hohe Lichter brannten fcst-
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lieh in einem Ständer auf dem mächtigen Tisch und flammten starken Duft aus ihrer Leuchte. An den Wänden standen Stühle mit aufstrebenden Lehnen, alte dunkle Stühle, aber umfangend und gebieterisch fast w^ie Throne. Sonst gewahrte der Eingetretene nichts, als einen ungeheuren grünen schimmernden Ofen, der eine Ecke des Raumes füllte. Bang und wie traumbefangen trat er näher, w^agte nicht Tisch noch Stuhl zu berühren, sondern barg sich hinter dem Ofen, zu w^arten, w^er allda käme. Da sass er, und die gläserne Luft sang seltsam in seinen Ohren.
Alsdann traten Drei in die Stube, je einer in kurzer Frist nach dem andern, und w^aren uralte Männer, gebeugt und dennoch so hoch, dass ihr Haupt an die Balken der Decke zu rühren schien. Haar und Bart wallten eisgrau und es war, als habe die Zeit sich in ihren W^ellen verflochten. Hinter dem Schatten der w^eissen Wimpern barg das Auge Sonne und Blitz. Das Gew^and der Drei w^ar schlicht, Leinen und Fell, allein ihr W^esen w^ar von solcher Art, dass der Mann hinter dem Ofen zur Stunde wusste, es habe der Vater- und Königs- name vor diesen nimmer zu Recht bestanden. Sie grüssten einander mit grossem sanftem Grüssen mit der Erzväter Namen und Hessen sich in die Stühle nieder und ruhten stumm w^ie nach langer W^ande- rung. Indes sie sassen, trat ein Vierter ein, der war nicht so alt und nicht so gross, doch mit des Herrschers Gewand und Geberden angetan. Er neigte sich, wie ein Enkel sich ehrfürchtig dem
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Ahnen neigt, und sie grüflsten ihn mit Davids, des Königs, Namen. Und er erhob seine Stimme, und es wzr, als ob die Luft vor ihrem Grimm erbebte, und die Lichter schienen einen Augenblick lang zu versprühen, als er sagte: , .Einen Rechtsstreit, o Väter, habe ich wider den Mann, der hinter dem Ofen sitzt!" Dem Verborgenen rissen die Worte die Brust auf, als dränge ein Schwert in sie, und seines eigenen Herzens Schläge empörten sich wider ihn: über ihm stand nichts mehr denn das Grauen. Die Väter aber hoben die Häupter zu lauschen. Da, so fühlte der Mann, tat sich zw^ischen Ge- schehen und Geschehen ein Abgrund auf» und ein ungeheures Rad stand irgendw^o stille.
Der König sprach: „Der sich hier verborgen hält, hat der Unbill eines Atemzuges w^egen mit der Verwünschung seines Mundes über einen ^»^ehr- losen Knecht die letzten Greuel geschleudert. Und diew^eil der Knecht mein Diener w^ar vor allen und auf seinem Munde mein Lied nicht erstarb, bin ich aufgestanden zu seiner Hut und heische hier sein Recht, und dass der es beugte des Todes sei um seines Frevels \villen."
Dem Reichen in seinem Versteck w^ar, als ob sein Blutkreis allbereits stocke über dem Königs- wort; und grösser als alle erdgeborene Angst war •eine Angst und Not. Er hob das Auge, dass es ihm den letzten Blick gönne, da sah er jenseits des Tisches einen Mann stehen und erkannte ihn als einen, dem er im Leben zuw^eilen von ferne begegnet war und den sie den \Vundertäter und den Meister des
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Namens genannt hatten. Der Mann aber stand dem König aufs Haar gegenüber und trug das Haupt koch und in seinen Augen -w^ar ein Blitzen "w^ie von blauem Stahl. Und er fing des Königs letztes Wort auf, da es noch die Luft schnitt, und erhob seine Stimme wider ihn und sprach, indes die Väter mit stummem Haupteswenden gross und vertraut zu ihm herüberschauten: ,, Bruder David, kommst von den Himmeln, und ist mir doch, als sässest noch auf deinem Throne zu Jerusalem F ^Villst ein Böses mit Böserem tilgen, w^illst ein geringes \Veh mit unleidlichem ^Veh stillen, w^illst ohnmächtige Rache reinigen mit zündender Rache?" Da antwortete ihm der König, und sein Wort flog w^ie ein Felsblock, geschnellt von Gipfel zu Gipfel: ,,Du spotte mir nicht, Bruder l Ich bin nicht um Rache gierig, es ist um Strafe und Gerechtigkeit! Oder ist dies deine Meinung, dass der getreue Knecht getreten w^erde und sein Peiniger stolz und straflos verharre?"
Aber die Stimme des Baalschem stand auf und w^ar gew^achsen im Schw^eigen w^ie eines Erzengels Stimme, die die Ew^igkeit geschmiedet hat im Funkeln der Elemente. Und er sprach also: ,, Bruder und König, siehe, es ist ein Fremdling bei mir zu Gast, und hat des jungen Hirten w^eiss-rotes Angesicht und blanke Augen, und lasten gleichw^ohl Binde und Reif auf seiner Stirn, die ohne Schatten ist — —
König, eines Königs Seele ist mit mir. Sie kam zu mir, als ich durch des \Veibes Leib dieses neue Mal zum Leben w^iederkehrte. Und in Stunden
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der Nacht, wisse, redet sie, geschmiegt an meines Ohres ^W^urzel, und ist ganz scheu und ist mir ganz vertraut. Und redet aus Urtiefen, aus Schmerzensahgrund: ,Ich habe hei ihm gestanden, als er zum Treuen sprach: ,Geh hinab zu deinem Hause', und habe vernommen, als er am andern Tag zu ihm sprach: «Warum bist du nicht gangen zu deinem Hause?' und war mit ihm am Tag, der nach diesem kam, da er den Brief schrieb: .Stellet ihn vor den Streit, da er am härtesten ist, und "w^endet euch hinter ihm ab, dass er erschlagen ^'erde und sterbe I' Zu der Stunde habe ich mich von ihm gehoben mit Blut und Schmerzen, und bin ^'und von der Stunde anl'"
Da hob David die Stirn unter dem Reif, und Stirn und Krone glänzten, und er sprach, und ein tiefer Strom lief unter seiner Stimme hin: ,,Ich bin in des Ungeheuers Rachen zutiefst getaucht und bin ans Licht gestiegen, und meines Mantels Saum Avar schwarz und klebte von geronnenem Blut, und ich habe mein Lied mit mir herauf- getragen. Denn mein Lied ist mir geboren aus Sünde und Befleckung, und ist aufgestiegen, und ^^ar Friede zw^ischen Ihm und mir."
Nach diesen \Vorten des Königs geschah es, dass das Schw^eigen vom Boden aufstand und zwischen die beiden trat. Da stand es ragend zw^ischen beiden und sah zu ihnen nieder. Und unter seinem Blick wandelte sich das Antlitz des Baalschem. Geheimnisse und Klarheiten glitten darüber und es "WUT ZU schauen, ^vie ^^enn das Firmament seine
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Landschaft mählich entschleiert und hinter den Wolken öffnet sich der krystallene Plan. Alsdann redete der Baalschem, und auch seine Stimme war gewandelt: „Dein Lied ist die diamantene Brücke, die hinauffuhrt aus dem Kessel der Verw^orfenheit an Gottes Herz. Und w^enn es im Ohr des Sündigsten erklingt, ist es eine goldene Kette und bindet ihn an Gottes Hand. Und wenn es in einer Nacht aus der Brust des Unholds aufstöhnt, ist es ein Engel und trägt ihn über die Sphären und bettet ihn in Gottes Schoss. Als dein Lied mich an der Hand nahm, vergass ich die Gerechtigkeit, und als es mir zulächelte, entschw^and mir alles Gegenüber."