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Die Legende des Baalschem

Chapter 12

Section 12

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Nun aber war es so, dass meine jüdischen Ahnen ein glaubensstolzes und ehrenhaftes Geschlecht dar- stellten, das ein grosses Verdienst vor dem Herrn aufwies, und manch einer von ihnen hatte mit dem Blute seines Herzens den hohen Bund besiegelt. Meine Missetat hatte den Frieden ihrer Ew^igkeit gestört; im Schmerze versammelten sie sich und suchten den heiligen Baalschem heim und baten ihn, dass er sich meiner verfallenen Seele erbarme und zu meiner Lösung wirke. Da kam der Geist des Heiligen in nächtlichen Träumen zu mir und rang mit dem bösen Geiste, der mich besass. Sie waren beide gew^altige Kämpfer, und ich -wurde zwischen ihnen hin- und hergerissen wie ein arm- seliges Blatt im feurigen Sturm. An jenem Sabbat der Juden aber, der dem christlichen Osterfest voranging, w^ar der Geist des Heiligen Tag und Nacht mir zur Seite, und schon hatte er meinen \Villen gew^onnen, und in der Nacht beschloss ich, am Morgen zu fliehen, alles zu lassen und zu dem Volk meiner Kindheit wiederzukehren.
Aber mit dem Tage stieg der Zw^eifel in mir auf, und als die Glocken nach mir riefen und die Menge w^artend die Kirche umgab, die Diener mir die goldenen Gewänder auf die Schultern legten, da vermochte ich nicht, all dem Glanz auf Erden, all der Macht über den Menschensinn zu entsagen, und ich schritt hinan zur Kanzel. Da entsandte dich der Heilige, mich zu rufen. Ich aber w^ollte vorerst meine Predigt sprechen, denn an meinen eigenen Worten, am entzündeten Gemüt derer, die mich
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umringten, gedachte ich meinen Willen zu stärken, um dann vor dem Meister in meinem Trotz be- stehen zu können. Du riefst zum z'weiten, und siehe, da verliess mich aller Widerstand, und ich folgte, wie ein Kind in der Dämmerung dem Ruf der Mutter nachgeht.
Ich kam zum Meister, und er rang um meine Seele und gewann sie. Er \vies mir den Weg, ■wie ich mich von meiner Schuld erlösen könne, und ich w^urdc zum Büsser von dieser Stunde an. Vor dem König und vor allem Volke bekannte ich mein Verfehlen; dann zog ich aus dem Land. Ich kam hierher und verbrachte meine Jahre in der Läuterung meiner Seele und erwartete den gött- lichen Losspruch. Denn w^isse, der Baalschem hat mir verkündet: ,Wenn einst einer zu dir kommt aus fernem Land und dir deine Geschichte erzählt, deute es als das Zeichen der Befreiung aus den Ketten deiner Taten.' Und als du kamst und alles Geschehene deinem Gedanken entrückt w^ar, da ver- stand ich, dass dies um meinetwillen sei, weil ich das Meine noch nicht vollbracht habe. Und ich versenkte mich aufs neue in die Tiefen der Hin- gabe. Nun aber, da du dich entsannest, w^eiss ich, dass mir geholfen ist.
Du aber, mein Freund, w^irst nun eine Stätte haben und nimmer flüchtig sein auf Erden; denn alles, "was mein ist, w^ill ich mit dir teilen, aus dessen Munde mir das Wort der Lösung kam."
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DIE NIEDERGESTIEGENE SEELE
ES WAR UNTER DEN VIELEN KINDER- \oaen Ehefrauen, die mit Bitten und Be- / drängen um das W^under zum Baalschem kamen, ein W^eib, das regelmässig in bestimmten, kurzen Zeitfristen w^iedcrkehrte , um zu seinen Füssen zu •weinen und ihm den Mangel ihres Lebens still ans Herz zu fesseln. Von ihr kam kein lautes Heischen, kein gewaltsam überfliessendes Schluchzen und Begehren. Sie erschien und verschwand ohne viele ^^orte, doch mit einer stummen, stählernen Zähigkeit und einem hartnäckigen Brand in den Augen. Als der Baalschem sie zum erstenmal unter seinen Besuchern gesehen hatte, war sie ein lieblich jugendfrisches Geschöpf gewesen. In den Jahren aber, da aic in ihrer eindringlich schweig- samen Art oftmals wiedergekehrt war, wxirde ihr Antlitz vergilbt und ihre Gestalt so hager, als sei alles hinw^eggebleicht und hinw^eggezehrt vom grossen ^/^unsch und von den vielen \Vanderwegen, denn die Stadt, wo sie vermählt und behaust war, lag weit vom ^Vohnort des Meisters.
Da« war dem Heiligen w^ohl bekannt und griff ihm innig ans Herz. Als sie einstmals wieder das schmale, stille Haupt vor ihm beugte, die dunklen Augen von lautlos rieselnden Tränen benässt, flehend mit dieser einzigen, ehrfürchtigen Geberde, legte er ihr seine Hand auf den Scheitel und hielt eine lange \Veile nachsinnend inne. Sein Auge sah w^eithin, wie da« Auge eines, der aus einer dahin-
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gegangenen Feme eine lange Reihe vergangener Bilder auf>veckt. Dann atmete er tief auf, schaute auf sie nieder und sagte mild: ,,Geh heim, Weib, du wirst in Jahresfrist den Sohn gebären, auf den deine Seele hofft I" Das Weib ging also hinweg. Und sieben Jahresläufe w^urde sie nimmer vom Meister ersehn. Darnach fand er sie eines Tages ^eder mit einem herrlichen Knaben an der Hand unter der Schar derer, die ihn zum Fürsprech ihrer Seelen erkoren. ,, Meister," sprach sie, ,,sieh hier das Kind, das mir nach deinem Worte geboren w^urde. Dir bringe ich es dar, deim w^isse, ich zittre um sein ^Vesen, das nicht aus meinem ge- boren scheint, 'wie sein Leib aus meinem Leibe. Und ich bin bange, dass sein Anblick und Besitz mein und meines Mannes geringen Sinn zur Hof- fahrt verführen möchte." Der Baalschem sah auf das Kind, und es war ihm, als hätte er niemals etw^as so Anmutiges und Stolzes ersehen wie dieses kleine Geschöpf in seinem dürftigen Ge'wändchen. Auch das zarte Wesen schaute auf, aber keinesw^egs nach Kinderart, scheu oder zutraulich, vielmehr ernst und schw^er senkte es seine Augen in die des Meisters ein. Es w^ar ^e ein Fragen darin oder ein schwermütiges Suchen. Der Baalschem hob das Kind hoch auf seine Arme und fragte das Weib: ,,W^ie kann dein Herz es verwinden, ihn von dir zu lassen, um den du all die Jahre deiner Jugend mit Gott gerungen hast?" Da antwortete das Weib: ,,Herr, als der Knabe zum erstenmal seine Augen auftat und mich ansah, mit fremden
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Blicken 'wie von 'weither, da zog mein armes Herz sich zusammen in Staunen und Scheu, als ob er nicht meines Blutes -wäre. Mit seinem fernen Auge hat er alsdann, als er grösser wxirde, über unser kleines Haus hin'weggesehn und über all unser Tun und ist mit uns gew^esen gleich als ein Gast und nicht als unser einer. Ob er auch still und gut "war und mir w^enig Nöte mit seines Leibes Bedürfen antat, Meister, es ist ein ew^iges Zuwarten und Aufhorchen in seinem kleinen Gesicht und ein ganz seltsames ^^esen über ihm. Da sank uns gar bald der Mut, dieses Kind zu leiten und aufzuziehn, denn uns dünkt, w^er ihm Führer sein will, der muss w^eiter sehen, als wir beiden armen Leute. Darum biete ich ihn dir!"
Der Baalschem nickte sch'weigend und entliess die Frau, den Knaben aber nahm er unter sein Hausgesind auf. Und er gew^ährte ihm, heranzu- "wachsen, seinem Herzen allzeit nahe, und speiste seine Seele mit dem grossen, heiligen Feuer des eigenen W^esens. Er liebte ihn mit einer blühenden, reichen Liebe, w^ie man eines einzig teuren Freundes Kind hält. Der Knabe aber hing seinem Pfleger mit einer Treue an, die so brennend als ehrfürchtig ^^ar, und kannte kein seligeres Genügen, als mit dem Heiligen die Luft eines Raumes zu atmen und still geduldet jedes Wort seiner Rede aufzu- saugen. Und derart w^ar das Kind im Stand der hohen Gnade, dass es allen Staunen schuf, die ihn sahen, und in aller Herzen Gefallen ge'wann. Es w^aren viele unter den Reichen, die ihn gern ihrem Haus
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2ur Ehre gewonnen hätten und ^villens "waren, ihn einer Tochter zu vermählen. Und es schickte sich, dass sie dem Meister davon redeten. Der aber gab ihnen nur geringes Gehör und wehrte sie so leicht- hin lächelnd ab, w^ie man ein gänzlich Unmögliches abstreift. So gedieh in allen die Meinung, es sei dies darum, dass keine der Verbindungen ihm genug des Glanzes für den Pflegesohn vcrheisae. So gebot ihnen die Ehrfurcht vor dem Meister, ihren ^/^unsch zu vergessen.
Da geschah es eines Tages, dass der Baalschem einen Vertrauten zu sich beschied und ihn in eine entfernte Stadt gehen vmd alldort einen Mann auf- suchen hiess, dessen Namen er ihm zu wissen tat. Diesem hiess er ihn ein Schreiben reichen, dass er in seine Hände legte. Der Bote ging wie ihm be- fohlen w^ar und kam nach zw^eier Wochen Wander- schaft in den genannten Ort und forschte in den Häusern der Frommen nach dem Manne. Allein, es zeigte sich, dass keine Seele den Namen kannte. So ging Tag um Tag hin, und nichts w^urde dem Suchenden kund, so dass sein Mut schon sank und Beschämung ihn befiel, als er eines Abends einem ältlichen, gebückten und armseligen Juden begegnete, der einen Korb frischer Gartenfrüchte feilbot. Da er ihn von ungefähr nach seinem Namen fragte, "w^ies es sich, dass er es sein musste, dem das Schreiben des Baalschem bestimmt war. Da der Bote dies erkannt hatte, reichte er ihm den Brief, obgleich es ihm gar sonderbar erschien, w^as der Heilige diesem geringen und töricht aussehenden
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Manne ao wichtiges mitzuteilen haben möchte. Allein alsbald zeigte sich, dass der Händler des Lesens keineswegs kundig w^ar, und so eröffnete der Bote den Brief und las ihn ihm vor. Da >var ge- schrieben, dass der Meister für seinen Pflegesohn des armen Mannes drittgeborene Tochter zum W^eibe heische — es war ihr Name und Alter genannt — , und femer, dass er w^illens sei, die Aussteuer und Hochzeit aus seinem Gute zu besorgen. Auch ^voUe er dem Vater fürder Beistand tun, falls es ihm an irgend einem Dinge mangle. ».Bist du also zufrieden?" fragte der Bote den Alten. ,,Ach, Herr", sagte der und lachte über sein ganzes vergrämtes Ge- sicht, ,,w^ie sollt ich es w^ohl zustande bringen, da un- zufrieden zu sein? Hab ich nicht das Haus voller Töchter, die barfuss gehen und sich um den raren Bissen untereinander balgen? Und gar dies Kind, das der Erhabene seinem Knaben zum Weibe be- gehrt? Sie ist viel zu vornehm für meine Armut, geht und tut ihr Tage'werk, als ob sie im Traume w^andle, und setzt ihre Rede, dass ich alter Ein- fältiger kaum weiss, w^as sie da sagt!"
Des nächsten Tages brachen sie auf, zum Baal- schem zu ziehen, der Bote und der alte Jude mit seinem Kind. Als sie im Haus des Meisters an- gelangt w^aren, gab er dem Vertrauten reichen Dank und Lohn, den Vater mit seiner Tochter aber nahm er liebreich auf und tat ihnen viel Güte an, dass sie in Freude und Heiterkeit auferstanden w^ie die Pflanzen am Morgenlicht. Alsbald bereitete •ich das Haus zur Hochzeit. Das Segensgeleit aber
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sprach der Baalschem selbst über die jungen Leute. Als das Mahl seinem Ende zuging und alle, die um die blanken Tafeln sassen, freudigen und feierlichen Herzens waren, begann der Heilige, fast ^vie achtlos, nur zum Nächsten ge^vendet, und erzählte mit leiser Stimme eine Geschichte. An seinen Mienen jedoch und am Ernste seiner wunderbaren Augen erriet ein Jeder, dass dieses Ding, von dem er zu reden anhub, aus der Urquelle seines Wissens kam und an den Sinn dieses heiligen Tages rührte. So wurden sie aufhorchend stumm und unterliessen jegliche Hantierung, das Antlitz und das W^esen dem Meister zugew^andt. Das Brautpaar aber fasste sich an den Händen und lauschte, ■wie in die eigene Seele hinein horchend, vom Geheimnis umfangen.
Die Geschichte lautete also:
Es herrschte einst ein 'w^eitgebietender König in einem fernen Lande, der w^ar sehr traurig durch viele Jahre, denn sein Gemahl hatte ihm kein Kind geboren.
Und da er nach seinem Hingang all seine hohe Macht und das Reich nicht seines eigenen Blutes Sprossen lassen konnte, starb ihm im Herzen der letzte Freudenfunke und der Anblick seiner Thron- güter und seines Landes edle Friedensblüte machten ihn nimmer froh. Also sprach er von dieses Schattens nächtiger Düsterkeit über seinem einst strahlenden Leben mit einem grossen Magier jener Tage. Der hörte ihm w^ägend zu, lächelte böse und vielsagend und redete alsdann: ,,Mein Herr^ es liegt ein jegliches Ding daran, dass wir die
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Oberen zwingen mit heftigem Ansturm der -wün- schenden Seele und mit nimmermattem Ringen, unserem Begehren nachzugeben. Es mag aber sein, dass du ermüdet bist ob deiner Schwermut. So harre ein kleines, ich will dir Helfer schaffen im Rufen und im Streit. Folge nur meinem Rat ohne Besinnen und lasse noch heute im Lande wissen, dass du es verhängest über das Volk der Juden, das unter deinem eingeborenen Volke haust, es möge solange verurteilt sein, seines Glaubens und seiner Sitten zu vergessen und ihrer nimmer zu pflegen bei Todesnot, bis der Himmel dir den Sohn und Erben deiner glorreichen Herrschaft gew^ährt."
Obzwar der König mit nichten begriff, ^e m in der Meinung des Magiers um das bestellt w^ar, ivaa er dartat, und wie all dies mit einem Erbea seines Blutes, den er also ge'winnen sollte, zu' sammenhing, w^illigte er gleichwohl in den Vorschlag und Hess die Kunde verbreiten rings in allen seinen Landen. Da erschrak ein jeglich jüdisches Herz in seiner schmerzlichsten Tiefe, und Scheu und Kummer krochen in die Seelen. \Veil die Juden aber ihrem Glauben ergeben waren, Hessen sie nicht von ihm, sondern dienten ihm wohl unter Zagen, aber in gleicher Treue w^ie ehedem, in dunklen Nächten und heimlichen Verliessen, in stählern gehüteter geheimnisvoller Gemeinschaft. Und so kam es, dass die Seelen, die des Tages in den Krallen jenes bitterbösen Tieres, das da Angst heisst, stumm und verschlossen waren, des nächtens, Tvenn ihnen niemand ihren Gott wehrte, auf-
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stöhnten in hellem und loderndem \Vehe, und wie Sturmwind gewaltig stiegen ihre vereinten Bitten auf| der Herr möge dem König das Kind senden, das sie aus knechtischer Schande und Bitterkeit befreie. Und so schaurig w^ar ihr Schrei und so inbrünstig ihre Ausdauer, dass die Himmel von der Unruhe und dem Andrang erregt wxirden und die heiligen Seelen, die unentw^egt in der Freude Gottes bestehen, wieder irdisches Leid mitzufühlen be- gannen und mit erzitterten in dem grossen Jammer- ruf. Aber der Sinn des Allerhöchsten blieb also ruhevoll, als teile nicht der leiseste Seufzer einer Kreatur die seligen Lüfte. Da wnrde eine der verklärten Seelen so gar w^underbar vom Gefühl des süssesten und brennendsten Mitleidens ergriffen, dass sie die Scham beiseite tat und herrlich glühend vor dem Thron des Ew^igen erschien und bat: „Du, dessen Namen ich nicht nenne, li^sse mich wieder- kehren zur Erde, von der du mich erlöst hast, auf dass ich, dem König zum Sohn geboren, durch meine Einkehr in die Menschheit das Judenvolk freimache, das in seinem Jammer meine Seligkeit mit Weh verdunkelt." Und der Herr gew^ährte es.
Dem König -wurde der Sohn geboren, nach dem sein Sinn verlangte. Allein in der völligen Be- glückung vergass der König die Juden und unter- liess es, ihre Not nach seinem Wort zu beenden, und es war keiner im Land, der ihr Fürsprech beim Herrscher geworden wäre.
Das Kind aber w^ar über alle Massen schön von Angesicht und liebreizend in seiner Seele und von
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frühen Jahren an dem sinnenden Ernst und der ^Veisheit hold. Es -wies sich späterhin, als es zum Jüngling wurde, dass an seinem lauterklaren Geist die Lehren seiner Erzieher erbleichen mussten wie trügerisches Metall, und so kam der König in eine wahrhafte Not, w^en er seinem Sohn zum Führer bestelle. Just in jenen Tagen jedoch w^ar rings im Land viel des Aufhebens um einen alten Fremd- ling, der vor kurzem erst nach der Königsstadt ge- kommen und von dessen Herkunft wohl viel des Vermutens aber keine sichere Kunde war. Obz'war der greise Mann keinen suchte und den Markt und die Gassen mied, erzählte man sich doch vieles von seinem unerhörten AVissen und einer seltenen Macht seiner stolzen und gütigen Seele, die ihn da und dort, w^o die Not es heischte, zum Berater und Helfer w^erden Hessen. Auch sprach man viel von den eigentümlichen Gewohnheiten seines Lebens- die ganz und gar von jenen abw^cichen sollten, deren man in jenem Land und zu jenen Tagen pflegte. Das Ende all dieser Betrachtungen war, dass das Volk w^ähnte, er sei höheren Gew^alten verbunden oder gar verschw^istert, und grosse Ehrfurcht vor ihm gew^ann. Auch dem König wurde davon geredet, und es kam soweit, dass dieser in dem geheimnisreichenMann den rechten Lehrer für seinen einzigen Sohn erblickte und ihn vor sich rufen Hess und von ihm verlangte, dass er bei ihm ^vohne und den Königssohn erziehe. Der w^eise Mann w^ar w^illens, das Begehren des Königs zu erfüllen, w^enn ihm ein Bedingen, das er stellte, erfüllt würde. ,, Wisse," sprach er, ,,dass
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im Kreislauf eines jeglichen Tages für mich Stunden kommen, da meine Seele meinen Leih ver^vaist und zum Firmament aufsteigt, einem e^vigen Geheisa Folge zu leisten. In dieser Zeit ist mein Leih todesgleich und meine Sinne sind verschlossen, w^er meiner gewahr wird, scheidet mein ^^esen für immer und fallt mit mir dem Tod anheim. Darum w^illst du, dass ich in deinem Hause w^ohne, gehiete, dass zu jenen Stunden, in denen ich mein Gemach verschlossen halte, keiner hei mir eindringe, mit Gew^alt nicht, noch mit ListI" Das gelohte der König mit seiner Rechten und gah es allem Haus* gesind w^ie seinem eigenen Sohn zu w^issen, dass nach seinem Willen der Wunsch des Weisen zu achten sei hei eines jeden eigenem Lehen.
Der Königssohn gewann eine starke Liehe zu dem Alten und "war ihm mehr zugetan denn seinem eigenen Vater. Nur dass der Lehrer ihm zu Zeiten gebot, ihn zu verlassen, tat ihm bittern Schmerz, und nach Art der Jugend setzte er dem Manne zu, mit Schmeicheln und Bitten, er möge ihn in jenen geheimen Augenblicken um sich dulden, ohne dass ihm jemals Gewähr 'ward. Da verbarg er sich eines Tages in einem \\^inkel des Gemachs, hinter einer Tür, die auf einen Söller führte, und harrte mit pochenden Pulsen. Als der Meister den Raum verriegelt hatte und nach einer \Veile alles still wxirde, trat er heraus und fand seinen Lehrer an einem Tisch sitzend über einem alten Buch, bekleidet mit dem Gebetmantel und mit den Gebet- riemen gekrönt. Der Alte aber sah ihm voll
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Kummer und Schrecken sch>veigencl ins Angesicht. Da "wxirdc dem Jüngling recht wehe und er sprach: ,,Ich habe Euch mit nichten betrüben wollen, der ich Euch im Grunde meiner Seele getreu bin. Doch nun w^ürdigt mich Eures Vertrauens und saget mir, w^elcher Art dies seltsame Gebaren ist, das ich an Euch bemerke." Da erzählte der Alte, dass er, von Geburt und Abstammung ein Jude, durch das Gebot des Königs seines Glaubens vcrw^iesen also zur Heimlichkeit verurteilt sei. Der Jüngling wnrde begierig, etwas von den Gesetzen und vom W^esen dieses Glaubens zu erfahren. Der Lehrer tat ihm den Willen, da er ihm im Gemüte hold w^ar. Alsbald gewann der Königssohn eine Neigvmg zu den heiligen Schriften, und der Lehrer unterwies ihn nun Tag für Tag in grossem Eifer und Geheimnis. Das alte wundermächtige und heldenhafte Leben, das aus den ehrwürdigen Zeichen aufstieg und in dem jungen Geist lebendig wxirde, überkam den Knaben, und er fühlte, da58 er alles dieses fürdcr nimmer in Verborgenheit ge'winnen, sondern offen bekennen und erwählen müsse. Das sprach er seinem Lehrer aus. Der aber riet ihm, er möge, w^enn dem also sei, Stand und Ehren und allen Glanz der Zukunft dahinw^erfen und in der Stille nächtens mit ihm fliehen in ein fernes Land, wo sie unbekümmert und unangefochten der Lehre leben woll' ten. So war es der Jüngling zufrieden, und sie gingen hin^veg, eilends, mit Schw^eigen und unter grosser Vorsicht, dass keiner ihres \Vege8 gewahr wxirde. Also kamen sie in ein Land, da das Judenvolk