Chapter 11
Section 11
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Rabbi Simeon lag die ganze Nackt in Tränen und ^vartete, dass da« Bild des Baalscbem ihn heim- suchen würde. Aber er blieb verlassen, und sein Sinn w^ar verödet. Als er bei der Sabbatmorgen- mahlzeit erschien, wandten sich alle von ihm ab oder sahen über ihn hinweg, als ob der Raum, in dem er sich befand, eitel Luft w^äre, und er spürte wohl, w^elch bittere Verachtiing aller Herr gew^orden ^var. Der Hausherr aber sprach ihn wiederum an : »Vielleicht kannst du uns jetzt eine Geschichte er- zählen." Da redete Rabbi Simeon zu ihm und be- schw^or ihm, dass diese Nacht des Vergessens, in die sein Denken versunken w^ar, kein leer und zu- fällig Ding sei, sondern sicherlich von einer über- irdisch herrschenden Gewalt verhängt aus tiefem Grund und zu sinnvollem Ziel. Der reiche Mann antw^ortete; ,,Lasst uns w^arten bis zur dritten Mahl- zeit." Und Rabbi Simeon woirde auf seinem Ange- sicht eines stillen, demütigen und ergebenen Lächelns gew^ahr. Aber er war von Schmerz und Scham allzusehr heimgesucht, als dass er sich dessen in sich bedacht hätte. Auch bei der dritten Mahlzeit kehrte ihm die Erinnerung nicht wieder, und er litt in einem Abgrund der Qualen. Der Sinn der Gäste 'w^ar gegen ihn ergrimmt, denn sie vermeinten, er habe sie mit falschen Worten verhöhnen wollen oder sein Herz Bei noch mit unerforschten Ränken wider sie erfüllt. Sie sagten ihm spitze und beissende Reden und übergössen ihn mit Spott und schimpf- lichen Worten. Er aber w^appnete sich in Liebe und nahm alles mit getreuem und unverzagtem Herzen
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entgegen, denn ganz in sich fuKlte er nun, dass allef dies geschehen müsse, um ein ^vunderbares Ding zu erfüllen. Aber sein irdischer Verstand gab sich nicht zufrieden, "wie sehr auch sein hohes Erkennen in sich ruhte. Er quälte sich gar sehr, seine Seele mit einer Erklärung des Geschehens zu stillem. So meinte er zuw^eilen, dass der Baalschem über ihn erzürnt sei, weil er die Heimat gelassen habe, um in ein Ungewisses Land zu ziehen, oder dass er ihn um der Ursache willen, dass sein Sinnen- grund nicht genug geläutert und erglüht sei, nicht mehr 'wert erachte, sein Leben zu erzählen. Und noch viel dergleichen ersann er sich, aber nichts drang so tief in sein Gemüt, dass es seine fragende Begierde erlöscht hätte. So w^aren seine Nöte ohne Ende, und er versank ins Gebet, ob ihm nicht aus dem Grunde der Andacht sein Heil entgegenschauen möchte.
Am Sabbatausgang sandte sein Gastgeber ein letztes Mal zu ihm und Hess ihn fragen, ob er sich nun entsinne. Aber Rabbi Simeon fühlte den hohen Sinn der Dinge nicht mehr, auch nicht die Inbrunst und Sehnsucht, die in der Frage w^ar; er spürte nur noch die Bedrängnis, die man ihm antat, und die verdross ihn sehr, und er sprach; ,,Es liegt nicht in meiner Macht. Der Himmel ist es, der nicht will. Lasst mich nach Hause zurückkehren I" Da kam der Herr selbst zu ihm und sagte ihm: ,,Tue mir die Liebe an und verweile noch ein w^eniges, etiva bis zur Mitte der ^Voche, vielleicht dass uns von oben noch Erbarmen w^ird. Und entsinnst du dich auch
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dann nicht, so magst du scheiden und nach Hause zurückkehren." Rabbi Simeon achtete der Worte des Mannes in seinem eigenen Gram nicht allzusehr. Er verstand nur, dass er bleiben sollte, und er willigte darein, -weil er dem Herrn, der durch ihn enttäuscht ^vordcn war, zu Willen sein mochte.
Die Zeit aber war bald dahin, und nichts hatte flieh verändert. Rabbi Simeon nahm unter Tränen der Scham Urlaub. Der reiche Mann entliess ihn mit traurig gesenktem Auge und reichte ihm eine an- sehnliche Gabe, die ihn für die w^eite Reise und die vielen Nöte entschädigen sollte. Auch gab er ihm einen bequemen Reisewagen und Diener mit, dass sie ihn bis an die Grenze des Landes brächten, von wo ab er sich w^ohl leichter allein mit seinem Pferde behälfe. Der Gast stieg hinab und setzte sich in den Wagen. Alles war bereit, der Kutscher trieb eben die Pferde an, da war es Rabbi Simeon, als führe ihm blitzgleich ein weisser zündender Lichtstrahl durch den Leib. Schmerz und Seligkeit w^aren in ein Ge- fühl gemengt. Und als er sich auf sich selbst zu besuinen vermochte, war es eine gewaltige Geschichte von dem heiligen Baalschem, die plötzlich umahe mit Bildesklarheit ihm vor der Seele stand. Er gab «ich eine W^eile dem heftigen Entzücken hin, das ihn im Augenblick der Gnade überkommen hatte, dann hiess er den Kutscher den \Vagen, der sich bereits einige Strassen von dem Palast entfernt hatte, w^enden und kehrte zum Hause zurück, wo er einen Diener zum Herrn entsandte und ihm melden Hess, Rabbi Simeon sei zurückgekehrt, da er sich einer
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herrlichen Geschichte von dem heiligen Meister ent- sonnen habe. Und der Herr empfing ihn — Rabbi Simeon aber, der nichts als seine Geschichte sah und fühlte, entging die zitternde Er^vartung in seinen Mienen — , und er sprach: „Ich bitte dich, dass du dich zu mir setzest und mir die Begebenheit ver- meldest, deren du dich zu dieser Stunde entsannest." Rabbi Simeon aber erzählte ihm, ^vas folgt:
,,Es begab sich einmal um die Zeit des ersten Frühjahrs, just vor den Tagen, in denen die Christen ihr Ostern feiern, dass der heilige Baalschem einen ganzen Sabbat in unsäglicher Betrübnis ver- brachte. In tiefer Versunkenheit ging er in seinem Haus umher, bange, als ob seine Seele ihn verlassen hätte und zu irgend einem gefahrreichen, verhängnis- sch^veren Kampfe gezogen wäre, und als erw^artete er zitternd und der Zw^eifel voll ihre W^iederkehr. Nach der dritten Mahlzeit, die er schweigend eingenommen hatte, hiess er den Wagen bereiten und die Pferde einspannen. Seine Sch'w^ermut und sein Zagen hatten w^ie eine drohend gefärbte ^Vette^wolke über dem Haus und den Seinen gelagert; es w^ar, als ob alle in einem innem Weinen aufgingen. Bei seinem Ge- bot, die Ausfahrt zu rüsten, aber zog ein freies Auf- atmen erlösend durch den Raum, denn alle wnssten, auf diesem^Veg ins Land nach Sabbatausgang pflegte sich zu schlichten und zu befreien, w^as vorher an Bösem und Gefahrvollem sich angesammelt und zu- sammengeballt hatte.
Diesesmal w^aren es nur drei unter den Seinen, denen er den Segen gönnte, an der Fahrt teilzuhaben,
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und ich war einer unter ihnen. ^Vi^ fuhren die ganze Nacht, und wie oft schon, kannte keiner von uns das Ziel der Fahrt. Als das Morgenlicht zögernd aufstieg, kamen >vir in einer grossen Stadt an. Die Pferde mässigten ihren rasenden Lauf und hielten plötzlich, w^ie von einer gew^altigen Hand eingehalten, vor dem Tor eines grossen düsteren Hauses, dessen Seite in einer engen Gasse lag, während der Giehel einem breiten Platz zugekehrt schien. Das Tor aber war verschlossen, die Fenster von den Läden bedeckt, die ganze Gasse lag öde und versch^egen da. Der Meister hiess mich absteigen und anpochen. Ich tat es und tat es eine geraume Zeit vergeblich, und schliesslich legte ich all mein Begehren nach Rast hinein, und die grauen, verschlossenen Häuser hallten von meinen Schlägen 'wieder. Da wurde eine kleine Tür, die in einem der riesigen Seiten- flügel des Tores eingelassen war, von innen geöffnet. Vor uns stand eine alte Frau mit verstörtem Angesicht, daraus die geröteten Augen uns trübe und verzweifelt anstarrten. Sie betrachtete uns eine Weile, dann schrie sie plötzlich auf uns ein: ,,Was treibt euch, dass ihr gerade heute hierher kommen musstet I Ja, wisset ihr denn nicht, dass ihr auf dem Wege zur Schlachtbank seid?" Und da ich sie ohne Verständnis anblickte, denn mir schien, es sei uns eine Tolle in den Weg geraten, zog sie uns in den Torweg und sprach: ,,Nun sehe ich, dass ihr Fremde seid und mit dem Brauch unserer Stadt nicht vertraut. Der ist ao: Sie haben seit etlichen Jahren hier einen Christenbischof, einen stolzen, unbeugsamen Mann,
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der den Juden blutfeind ist. Der nun hat geboten, dass sie alle Juden, die sie am Tag vor ihrem Osterfest auf der Strasse finden, greifen und martern, um Rache für ihren Messias zu üben. Deshalb hüten \vir uns an diesem Tag und bergen uns zuinnerst in den Häusern. Das w^issen sie \(^ohl, und nun ^9wollen sie das Los werfen, v^er von unserem Volk der Pein anheimfallen soll. ^Vehe ihm, er \vird vergehen unter ihren Händen I Euch aber," schrie sie und drängte uns zum ^Vagen, ,,euch, die ihr fremd hier seid, 'w^ird man nicht schonen I Ihr kennet nicht die Leute dieser Stadt, reissende Tiere sind sie, wenn ihr Blut entzündet w^irdl Eilet, eilet, suchet den nächsten Ort zu gewinnen und ^vartet dort das Ende dieses Unglückstages ab, ehe ihr hier- herkommet, eure Geschäfte zu tiinl" So schrie die Alte und goss ihren Schmerz über uns aus und hob die Hände und ballte sie gegen oben. Uns dreien, die w^ir den Meister geleitet hatten, ^vurde es dunkel im Herzen. Der Baalschem aber hatte ihrer keine Acht, schob sie beiseite, trat ein, hiess uns das Tor öffnen und Wagen und Pferde in den Ställen und unseren Bedarf, den wir mit uns führten, im Hause bergen. Er aber stand und schaute ruhig auf alles, ^vas nach seinem Wort geschah. Dann hiess er uns Tor und Tür w^ieder schliessen, und wir standen in dem grossen dunklen Flur. DerMeisterw^inkte uns und ging voran, die Treppe aus geschnitztem Holz um einige Stufen ersteigend. Er öffnete eine Tür, undv/ir traten in einen grossen, stattlichen Raum, der um ein weniges über die ebene Erde erhöht war. Ich stand eine Weile, ehe
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meine Augen das Zimmer übersahen, denn ob'wolil draussen inzwischen der helle Morgen heraufgestiegen 'war, lag das Gemach im Dunkel. Man hatte die Fensterläden geschlossen und überdies die schweren Vorhänge zusammengezogen. Nach einiger Umschau ^koirde ich gew^ahr, dass der Raum viele Menschen barg. Sie hatten sich lautlos, w^ie vor Schmerz und Angst der Besinnung ledig, in den Ecken und ^^inkeln versteckt. Es mochte w^ohl der ganze Hausstand hier versammelt sein. Indessen war uns die Alte vom Hausflur hereingefolgt, w^einte und widerstritt in heftigen Worten dem Baalschem, dass er eingedrungen sei und am Ende damit gar das Unglück über ihr Haus herbeiziehe. Er antwortete ihr aber nicht, sondern durchmass die Stube mit grossen Schritten und hielt bei einem der Fenster, das von einem halbrunden Ausbau ins Freie ging. Er streckte gelassen die Hand aus und schob die Vorhänge zurück, hierauf öffnete er die Fenster und die hölzernen Läden dahinter und stand nun mit seiner ganzen Gestalt gegen den offenen Rahmen. Die Morgenhelle und eine klare Luft strömten herein. Die Alte w^agte nicht mehr laut zu reden, aber sie bedrängte den Meister mit verzweiflungsvollen Ge- berden, dass er w^ieder schliessen und sich zurück- ziehen möge. Da er aber gar nicht auf sie sah, •ank sie endlich schw^eigend neben den andern zu Boden.
Das geöffnete Fenster aber, das uns nun den freien Blick gCAvährte, ging nicht in die enge Gasse, durch die w^ir angekommen waren, sondern auf jenen grossen
Platz, dem die Giebelseite des Hauses angehörte. Inmitten sah ich eine Kirche aus weissem, edlem Gestein, die z'wei schlanke, spitze Türme gegen oben sandte. Gerade unserem Fenster gegenüber, an der Aussenseite des Gemäuers, >var eine Kanzel an- gebracht, ^vunderbar anzuschauen, ^vie ein geöffneter Blütenkelch. Sie war herrlich geziert mit erhabenem Bildwerk und goldenem W^andschmuck. Etw^a dreissig steinerne Stufen führten zu ihrer Höhe. Als der Meister aufgetan hatte, w^aren noch w^enige Menschen dagew^esen, aber sie mehrten sich von einer Minute zur andern, sammelten sich und umstanden jetzt schon in gew^altiger Menge die Kanzel. Und alsdann dröhnten die Stimmen vieler Glocken über uns hin und machten die Luft in dem Zimmer er- beben. Draussen unter den Menschen -wurde eine Bewegung bemerkbar, ein Schieben und Drängen, und dann wurde in der dunklen Menge eine breite lichte Strasse, und es erschien im prächtigen Aufzug mit Fahnen, Lichtern und Räucherwolken unter seinem silbernen Baldachin der Bischof. Nun w^ar alles still gew^orden und wartete, der Bischof aber in seinem gleissenden brokatnen Gew^and stieg die Stufen zur Kanzel hinan. Dort versank er anscheinend in ein stilles Beten, sich zur Predigt zu bereiten, und die ganze Menge kniete lautlos.
Der Meister aber stand unentwegt in dem offenen Fenster und sah hinaus. Plötzlich sprach er mit heller Stimme in eben dieses lautlose Schw^eigen hinein: ,,Simeon, gehe hinaus und sage dem Bischof: Israel, der Sohn Eliesers, ist hier und lässt dich
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rufen." AI0 die Leute, die mit uns im Zimmer ivaren, diese Worte hörten, kam eine wilde Angst über sie und Hess sie selbst die Furcht vergessen, die sie vorher getrieben hatte, sich in den Ecken zu bergen. Sie fuhren insgesamt auf und umringten den Baalschem und schrien auf ihn ein. Ein alter Mann sagte ihm, bebend vor Zorn: ,,^Ver bist du denn. Verruchter, der du einen jüdischen Mann zu dieser Stunde dem Henker in die Hände lieferst!" Und sie verfluchten ihn aus der Bitterkeit ihrer gefolterten Seelen. Er aber stand, als rührten ihre Worte ihm nicht an Ohr und Verständnis, sah mich bedeutsam an und sprach: ,,Geh, Simeon, geh schnell und fürchte dich nichtl" Und ich, der ich einen Gedanken lang gestanden und wider die Furcht in meinem Herzen gestritten hatte, erkannte nun meinen Herrn wie zuvor und ging ohne Zagen durch die Menge zur Kanzel, und keiner hat auch nur ein ^Vort gesprochen oder einen Finger an mein Gew^and getan. Und ich schritt die Hälfte der Stufen hinan, bis ich innehielt und den Bischof in hebräischer Sprache anredete: ,,Der Baalschem ist hier in jenem Hause. Er lässt dich rufen, dass du zu ihm kommen mögest." Da gab mir der Bischof in der gleichen Sprache Erwiderung: ,,Ich w^eiss von seiner Gegenw^art. Sage deinem Herrn, dass ich sogleich nach der Predigt bei ihm erscheinen w^erde." Und ich w^andte mich und ging durch die Menge über den Platz und trat in das Haus. Die Leute aber, bei denen w^ir w^eilten, hatten in der Beängstigung ihrer Sinne sich an die ver-
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schlos0enen Fenster geschlichen, um durch die Spalten auf den Platz zu blicken und zu sehen, ^vas mit mir sich begeben würde. Und sie sahen, dass ich heil durch die Menge zur Kanzel kam, mit dem Bischof Zw^iesprache hielt, wie mir ge* heissen ward, und ungefährdet "wieder heimkehrte. Da fassten sie, dass es etwas Grosses um unseren Meister sein müsse, der dem Geist der Blutgier gebot, und als ich in das Zimmer trat, gewahrte ich sie meinen Herrn umringen und ihm Abbitte tun. Aber so w^ie er früher nichts um ihr Schelten gegeben hatte, so achtete er jetzt ihres Lobes nicht. Er hörte unbeirrt nur auf meine Botschaft, als seien er und ich allein im Hause. Als er mich vernommen hatte, lächelte er ein w^eniges und sprach zu mir: „Kehre um, geh noch einmal zur Kanzel und sage dem Bischof: ,Sei kein Narr und komme sogleich, denn es ruft und lädt dich der Mann Israel, der Sohn des Elieser'." Ich tat nach seinem Geheiss und schritt wieder zur Kanzel. Als ich auf den Platz trat, hatte der Bischof eben begonnen, zu predigen. Ich stieg hinan und zog ihn ein wenig an seinen Mantel, dass er meiner gewahr werde. Da hielt er inne und sah mich an, und ich w^iederholte die Worte des Baalschem. Ich be- merkte, dass sein Angesicht sich bei meiner Rede verfärbte; dann w^andte er sich zum Volk und sprach: ,, Habet für eine kleine Weile Geduld. Ich w^erde zurückkehren." Er folgte mir über den Platz durch die Menge in seinen gold' und blumen- gestickten Gew^ändem, die hohe goldene Mütze auf
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dem Haupt, und also trat er in das Haus und trat vor meinen Meister, den heiligen Baalschem.
Sie gingen beide in ein besonderes Zimmer, ver- schlossen die Tür hinter sich und verharrten so an die zwei Stunden. Dann trat der Baalschem allein heraus. Er war hoch aufgerichtet, und in seinen Augen leuchtete die Herrlichkeit Gottes. Er befahl vms, eilig Wagen und Pferde zu rüsten, und ohne Besinnen und Umschau fuhren wir von dannen.
Ich 'weiss nicht, "was z'wischen dem Bischof und unserem Meister sich ereignet hat; auch den Namen der Stadt w^eiss ich bis heute nicht, denn der Baalschem hat ihn uns damals und später nicht kund getan. Ich w^eiss nur, dass es ein Grosses w^ar, das der Heilige gewirkt hatte, als er aus jener verschlossenen Stube trat, denn der Geist des Herrn leuchtete gewaltig von seiner Stime, und er 'w^ar anzusehen vwie ein Cherub aus den Heerscharen. Nach seinem Tod habe ich versäumt, Nachfrage nach jener Begebenheit zu halten, denn ich hatte sie alsbald nach unserer Rückkehr völlig aus den Gedanken verloren, und heute erst, eben als ich dieses Haus verlassen hatte, entsann ich mich ihrer w^ieder."
Als Rabbi Simeon schw^ieg, stand der reiche Mann auf, sank -wortloa in die Knie, streckte die Hände gegen oben, und Tränen stürzten aus seinen Augen nieder. Endlich rang sich ein Strom glühender Dankes-worte von seinen Lippen, und er pries Gott mit unendlichem Lobe. Dann sprach er zu Rabbi Simeon: ,,Mein Freund, gesegnet sei dein Kommen,
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und gesegnet ein jedes deiner ^Vorte. Ich weiss, dass die lautere Wahrheit aus deinem Munde kam. Ich i^rill dir kundtun, w^as von der Begebenheit dir dunkel blieb. Wisse, dass ich jener Bischof bin, den du gerufen hast. Und wisse, dass ich dich erkannt habe, sowie du mein Haus betratest.
Ich w^ar einst ein Jude, erfüllt mit der w^ahren, w^underbaren ^Veisheit, und eine geheiligte Seele w^ar mein eigen. Da gew^ann der Geist der bösen Mächte Gew^alt über mich und beherrschte mich völlig, also dass ich vom Glauben abfiel. Und da meine Seele stark und fruchtbar blieb und voll des Feuers w^ar, gew^ann ich bald hohes Ansehen unter den Gläubigen meines neuen Bekenntnisses. Ich nahm die W^eihen ihrer Kirche, stieg immer höher in ihren Würden, und bald beherrschte ich als Bischof alle Seelen des Landes.
Gross aber war mein Hass gegen mein einstiges Volk, und immer höher schw^oU er an jedem neuen Tage. Denn wisse: in den Nächten, w^enn meine Seele w^ehrlos -war und vom bösen Geiste allen Gew^alten preisgegeben, kam die Scham des Ab- trünnigen zu mir und erwürgte mir alle Ruhe. Tags aber, w^enn ich gewappnet "war mit dem Schilde des Versuchers, nahm ich Rache für die Unrast meiner Nächte, und da schürte ich das böse Feuer und nährte alle Tücken in den Seelen meiner Ge- meinde gegen die Kinder des Volkes, das ich ver- leugnet hatte. Ich hiess sie grausame Racheostem feiern und vergiftete den Juden alle Tage des Jahres mit bitterer Angst.
