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Die Legende des Baalschem

Chapter 10

Section 10

Er 'WAT noch nicht eine Stunde unterwegs, als er sah, dass allenthalben die Menschen beisammen-
standen, einander eine Neuigkeit mitzuteilen und sie zu besprechen. So trat er an einen heran und fragte bescheiden, v/ab da wohl geschehen sei, dass die Leute ihrer Geschäfte vergässen und so in Auf- regung umherstünden.
Er bekam den Bescheid, dass im Haus eines reichen Juden, der eben heute habe Hochzeit halten sollen, amMorgen die Braut plötzlich dahingeschieden sei, nachdem sie noch bis zur Mittemacht mit aller Freudigkeit ihren Staat gerüstet und die Vor- bereitungen zum Fest geleitet, den Rest der Nacht aber in friedvollem, gleichmässigem Schlafe verbracht hatte. Auch war sie keineswegs krank oder schwächlich ge^vesen, sondern als ein schönes und starkes junges Geschöpf allen bekannt. Der Wirt Hess sich das Haus des Bräutigams w^eisen. Dort eingetreten, fand er die Festgäste in Trübsal und Verwirrung die Tote um- stehen, die bleich, aber unentstellt auf ihrem Bette ruhte. Die Ärzte schienen sich noch mm sie bemüht zu haben und nahmen eben ihren Abschied von dem Herrn des Hauses, indem sie mit etlicher Verlegenheit schonend vermeinten, dass nun doch tot bleiben müsse, wer tot sei. Der Bräutigam stand und schw^ieg, und sein Antlitz -wat vom Kummer -wie von einem grauen spinnw^ebenen Schleier umsponnen. Der und jener unter den Gästen trat zu ihm und raunte ihm zu, was ihn trösten sollte, aber der Mann blieb stumm, als ob er nicht hörte. Da wagte es auch der Wirt und ging zu ihm und er- zählte ihm, auf welche absonderliche Weise er heute Nacht so weiten Weg gekommen sei, mit
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dem fremdem Prediger, der zu seiner, des Bräutigams Hochzeit gewollt habe. Und er meinte, der \Vundcr- mann, der diese Fahrt vermochte, verstünde sich "Wohl auf mehr, was nicht gewöhnlich sei, und riet dem Herrn des Hauses, zu ihm zu gehen und ihm sein Leid zu vertrauen. Da w^ies es sich, dass der Trauernde ihn vernommen hatte, denn er griff nach «einer Hand und hielt sie fest und hegehrte zur Herberge des Baalschem zu gehen. Er trat vor den Meister und sagte ihm alles von der schw^eren Begebenheit und entbot ihn an das Bett der Toten. Der Baalschem ging unverweilt mit ihm, trat an die entseelte Braut und schaute lange inihr verschw^iegenes Angesicht.
Alle waren still ge^vorden und ivarteten auf sein V/ort. Er aber w^andte sich von der Ruhenden und achtete keines und sprach mit unbew^egter Stimme zu den Frauen: , .Bereitet eilig der Toten das Sterbegewand und tut eure Bräuche gar schnell und ungesäumt." Zum Bräutigam sagte er: , .Ent- biete rasch Männer, dass sie am Orte des Lebens, w^o du die Toten deines Hauses zur Ruhe bringst, auch dieser eine Stätte bereiten." Da sandte der Bräutigam hin und Hess ein Grab aufwerfen. Der Meister aber sprach Aveiter: „Ich gehe mit euch dieser Toten zum Geleite. Ihr aber nehmet die Hochzeitsgew^änder und den Schmuck, den sie sich selbst zum heutigen Tage erlesen hat, und bringet ihn zum Grabe." Als alles bestellt "war, legten sie die Leiche in einen offenen Schrein und trugen sie hinaus. Der Baalschem ging als erster
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dem Sarge nach, und ihm folgte vieles Volk mit zitternden Herzen ixnd verhaltenem Atem.
Vor dem Grahe befahl der Baalachem, die Tote im unbedeckten Sarge in die Grube zu legen, so dass ihr Angesicht frei gegen Himmel schaute und von allen gesehen w^erden konnte. Auch hiess er keine Erde auf sie w^erfen. Z^vei Männern gab er Weisung, neben ihm zu stehen und seines ^Vinkes gewärtig zu sein. Dann trat er zum offenen Grabe, lehnte sich auf seinen Stab und Hess seine Augen auf dem Antlitz der Toten ruhen. So stand er unbe'weglich, und die ihn ansahen, bemerkten, dass er gleichsam ohne Leben w^ar, als ob die Seele ihm entwichen w^äre oder er seinen Geist an einen andern Ort entsandt hätte. Alle umstanden in w^eitem Kreise das Grab. Der vierte Teil einer Stvinde verging, da regte sich sein Gesicht, und er w^inkte den beiden Männern. Sie traten an das Grab und sahen, dass das Antlitz der Verschiedenen sich mit dem Hauche des Lebens gerötet hatte und dass der Atem aus ihrem Munde kam und ging. Der Baalschem gebot sie aus dem Grab zu heben, und so geschah es, und sie stand aufrecht und blickte um sich. Da trat der Meister zurück und befahl dem Bräutigam, er möge unverzüglich und schw^eigend die Braut in ihre Schleier kleiden lassen und zum Baldachin führen und des Geschehenen mit keinem Worte gedenken. Der Bräutigam aber bat den Meister, er möge es sein, der die Ehe segne. So führten sie die Verschleierte ins Haus unter den Baldachin. Als der Baalschem aber die Stimme erhob
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und den Ehesegen über das Paar sprach, riss die Braut sich die Schleier vom Gesichte, sah ihn an und rief: ,, Dieser ist der Mann, der mich losge- sprochen hat." Da fuhr der Baalschem auf und schrie sie an: ..Schw^eigel" Die Braut verstummte und der Baalschem verliess das Haus.
Später, als alle Hochzeitsgäste beim Mahl sassen und die Schatten der vergangenen Ereignisse zu >veichen begannen, hub die Braut selbst an, ihre Geschichte zu erzählen.
Ihr Bräutigam ^var bereits einmal vermählt ge- w^esen, und als Witwer hatte er sie zur Frau be- gehrt. Das erste verstorbene \Veib aber war ihre Tante gewesen und hatte sie als kleine Waise bei sich aufgenommen und gehegt und neben sich im Hause gross werden lassen. Da geschah es, dass die Frau krank 'wurde und ihr nimmer zu helfen ^^ar, und sie selbst verstand gar w^ohl, dass ihrer Zeit nun das Ende kam. Da legte es sich ihr schwer in den Sinn, dass, w^enn sie ein Weilchen tot w^äre, ihr Mann, der noch jung w^ar, es wohl kaum w^erde lassen können, eine andere an ihre Stelle zu erheben. Und wie sie nachsann, begriff sie, dass es ihre junge Verw^andte sein würde, die so w^ohl Bescheid wie sie selbst in heilen Tagen in allen Geschäften des grossen Hauses wiisste und lieblich anzusehen ihm zu jeder Stunde des Tages vor Augen sein w^ürde. Und w^eil sie selbst ihren Mann sehr geliebt hatte und bang um die kurze Frist war, die ihr an seiner Seite nur gegönnt ge- w^esen, neidete sie das junge Wesen gar sehr. Und
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als flic ihre letzten Stunden verrinnen fühlte, rief sie die beiden an ihr Bett, die sie so vergehen sahen und sie lichten, und ihre Seelen flössen vor Trauer üher. Und da nahm sie ihnen Versprechen und Handschlag ab, einander niemals zu nehmen. Den beiden, die um die Sterbende litten, dünkte das nicht sch^ver, und gern gaben sie es hin.
Dann aber trug man die Tote hinweg, und ihr Platz w^ar leer, und selbst ihr Schatten war aus den Räumen gew^ichen, und da •w^aren nur noch die Lebenden und alles w^ar Leben um sie her, und sie sahen sich ins Auge zu jeder Stunde und verstanden bald, dass sie einander dennoch nicht lassen konnten.
Da brachen sie ihren Eid und gelobten sich em- ander an.
Aber am Morgen der Hochzeit, als die Luft im Hause voll leichten freudigen Lebens schien und keiner der dunklen Tage dachte, da eine nun Tote hier leid- voU gehaust hatte, kam der Wille der verstorbenen Frau zurück an seine Stätte und heischte sein ge- brochenes Recht und begehrte das lebende glückliche ^Velb zu töten. Als nun, der fremden Kraft zu Ge- bot, das Leben der Braut sich von ihrem Körper gelöst hatte und der starr und unbew^egt lag, rang ihre Seele gevi^altig mit der Seele der Toten um den Bräu- tigam. Als man sie zu Grabe trug aber, kamen ihrer beider Seelen vor die Entscheidung, und es w^ar eine Menschenstimme über ihnen, die das Recht sprach, und sie rangen vor ihr um das Gericht. Und die Stimme sprach das Urteil: „Du Tote, die du keinen Teil mehr an der Erde hast, lass ab von ihr. Denn
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siehe, bei den Lebendigen ist das Recht. Es ist keine Schuld auf diesem AVeib und dem Mann, der es begehrt. Sie mussten tun, was sie nicht wollten, um die Not ihrer Seele zu stillen." Und da die Tote nicht nachliess, die Braut zu bedrängen, sehne die Stimme sie an: „Lass ab von ihr! Siehst du nicht, dass sie zur Hochzeit gehen muss? Der Baldachin wartet! Da erw^achte die Braut zum Leben, Hess sich aus dem Grabe tragen und in ihre Schleier kleiden, und noch leise betäubt folgte sie den Frauen zum Baldachin.
„Aber , sprach sie zum Bräutigam und zu den Gästen, da sie ihre Erzählung vollendet hatte, „als der Prediger den Segen über uns sprach, erkannte ich die Stimme, die über mich das Recht gesprochen hatte."
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DIE VERGESSENE GESCHICHTE
A LS DER LEIB DES BAALSCHEM SICH / \ im immerwährenden Feuer seiner Seele schon J. \ fast aufgezehrt hatte und er daran -war, sein irdisch Kleid ahzuw^erfen, rief er alle Schüler zu sich. Er w^ar aufsein letztes Lager hingestreckt, das er nimmer lassen sollte; den Kopf hatte er, ein weniges erhohen, in die linke Hand gestützt, und sein Antlitz war w^ährend der ganzen Zeit, da er sprach, voll den Seinen zugew^andt. Es w^ar schon gänzlich bleich und gleichsam entrückt, aber sein Blick ruhte fest und eindringlich auf dem, zu dem er sprach. Er sagte einem jeden aus der Schar, w^ie er sein künftiges Leben zu führen habe, welchem Geist er es anheim- geben solle, und achtete es nicht gering, den ein- zelnen Mann zu beraten, w^clcher Art sein Erwerb sein müsse, auf dass auch der Seele das Ihre beschieden w^erde. Manchem sagte er voraus, w^as die Zeit für ihn daherfuhren und w^elcher Gestalt sein Teil sein würde, das sie ihm auf ihrem Flug dereinst vor die Füsse fallen liesse.
Unter seinen Schülern aber war einer, der ihm auch diente und stets um ihn blieb. Dessen Name w^ar Rabbi Simeon. Ihn r\ei der Baalschem zuletzt und sprach zu ihm : „Freund, dir ist es vorgesehen, in der Welt umherzufahren und alle Orte heimzu- suchen, ^vo Juden w^ohnen. Da ^virst du m die Häuser gehen und Geschichten erzählen, von mir reden und mit ehrlichen \Vorten darstellen, was du all dein Lebtag bei mir gesehen und von mir erfahren hast.
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Und w^as die Menschen zum Lohn dir in die Hände legen für dein lebendiges ^Vort, davon soll dein Er- w^erb sein." Da quoll dem Rabbi Simeon em Unmut un Herzen auf. ^Vohl liebte er es, vne nichts sonst auf der Welt, vom Meister zu reden und dessen ^Vorte mit den eigenen Lippen nachzuformen; aber "wae mochte es ihm frommen, bettlergleich umher- zuziehen, keines Hauses — auch des geringsten nicht — Herr zu sein, ein ewiger Wanderer zu Gast am fremden Herde? So brachte er es nicht über sich, zu schweigen, und musste sein Tröpfchen Bitterkeit und Kümmernis in des Herrn Sterben fliessen lassen, und er sagte halblaut: „Was wird der Sinn davon sein, unstet und flüchtig soll ich w^erden und der ärmstePilger- mann hiemieden. ' Da tröstete ihn der Baalschem und redete ihm zu: „DeinW^eg w^ird ein lichtes Ende haben, Freund, und auch ein irdisches Gut w^irst du auf ihm finden."
W^ie es dann alsbald geschah, dass der Meister sacht die letzten Fesseln löste und der Geist m das Ew^ige einging, w^aren die Schüler m Liebe bedacht, zu erfüllen, w^as der Wille des Baalschem über sie bestimmt hatte. Rabbi Simeon tat em W^anderkleid an und zog von dannen und ging von Stadt zu Stadt, allen Juden die Geschichten vom heiligen Baalschem zu vermelden. Er gew^ann Ehre davon und hatte sein leichtes Auskommen. Und da er noch jung w^ar imd mit unbeschwertem Sinn die Augen schw^eifen lassen konnte, gew^ann er die schönen V/ege sehr lieb, die über die bunte Erde führen, und im Hin- und W^iederziehen fühlte er keine Bangnis mehr. So
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w^aren zwei Jahre und ein halbes hingegangen, da traf er einen alten Mann, der aus Jerusalem kam, und der tat ihm zu wissen, dass in Italien in einer Stadt, deren Namen er ihm nannte, ein reicher Jude angesessen sei mit grossem Besitz, der in seinem Herzen eine erstaun- liche Liehe trage zum heiligen Baalschem. Sein ganzer Sinn sei von ihm erfüllt, und all sein Trachten stehe darauf*, vom Meister zu hören. Da meinte Rabbi Simeon bei sich, dieser Jude m Italien sei der rechte Mann, die wunderbaren Geschehnisse, von denen er zu sagen wnsste, zu vernehmen. ^Varen doch seine Worte von dem Erhabenen über manchen törichten Sinn dahin- und an manchem leichtfertigen Ohr vorbeigezogen, so dass er w^ohl Lust spürte, vor einem w^ahren Lauscher, der ihm das Herz auftäte, zu erzählen.
Er kaufte ein Pferd und rüstete sich zur Reise. Sieben Monate w^ährte es, bis er zur Stadt des reichen Mannes kam, denn er musste an jedem Orte unterwegs so lange verw^eilen, bis er sich durch sein Erzählen in den Häusern das Geld zur Zehrung für einen neuen Teil seiner Fahrt erworben hatte. Sogleich nach seiner Ankunft in der Stadt ging er in das Haus eines Juden und fragte nach jenem Mann, der so grosse Ehrfurcht für den Baalschem hegen sollte. Da erzählten ihm die Leute, dass der Jude, den er nannte, vor etwa zehn Jahren als ein Fremder in die Stadt gekommen sei. Er habe schon damals unerhörten Reichtum mit sich ge- tragen. Wemge Monate habe er hier gew^eilt, da sei der Letzte eines grossen, schier königlichen Ge- schlechtes gestorben: sein Palast und all sein um- hegendes Gut sei an einen fernen Verw^andten in
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Rom gefallen, der alsbald, da er sein angestammtes Haus nicht lassen -wollte, den AVunsch aussprach, für all das hier möchte ein Käufer sich finden. Da nun sei der fremde Jude hingegangen und habe m purem Golde den grossen Kaufpreis erlegt. Und alle Juden des Landes seien es über alle Massen zufrieden, dass der fremde Mann so fürstengleich unter ihnen hause; denn es sei ein frommer und gütiger Segens- geist in ihm und über ihm. Auf dem Boden seines Besitzes habe er den Genossen einen herrlichen Tempel errichtet. Da trage seine Seele, die in einem ewigen niegesehenen Aufschwung zu Gottes Füssen liege, auch die Seelen der Lauen und \Veltlichen mit sich nach oben. Am Sabbat sei sein Palast jedem ehrbaren Juden offen, m weiten Sälen stünden die Sabbattafeln im Kerzenschein, im Linnen- und Silberglanz, und seit dem Fall der heiligen Stadt sei der Tag des Herrn wohl nirgend und nimmer so strahlend und herrlich erlebt w^orden wie hier. Und bei jeder der drei Mahl- zeiten des Sabbats lasse der Reiche je eine Geschichte vom heiligen Baalschem sich und seinen Gästen vor- tragen, und m Ehren w^erde jeder aufgenommen, der von dem Gnadenreichen zu sagen weisse. Auch sei der Lohn über alle Weise: am Tage nach dem Feste reiche ihn der grosse Jude selbst in w^ohlgeprägtem Gold dem Erzähler.
Als Rabbi Simeon solches vernommen hatte, stärkte sich seine Seele in grosser Freude. Er entsandte nach dem Palast und liess da melden, ein Diener und Schüler des Heiligen sei in der Stadt angekommen. Sogleich kam der Haushofmeister, holte ihn ab und
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führte ilin unter mancher Ehrenbezeugung nach dem Schloss, wo ihm mehrere schöne und bequeme Räume zu seiner ^^ohnving angewiesen -wrirden.
Indessen hatte es sich in der Stadt selbst, ja im ganzen umhegenden Land unter den jüdischen Leuten als seltene Kunde verbreitet, dass ein Schüler des Baalschem gekommen sei. Und am Sabbat drängten sich alle, die zu hören begierig w^aren, in so grosser Menge wie noch nie zu den Tischen des gastlichen Mannes. Als die Gesänge der ersten Sabbatmahlzeit unter den Säulen der Halle feierlich und innig er- klungen waren, erhob der Hausherr das Antlitz und 'wandte es dem Rabbi Simeon zu, und der las dann eine tiefe Bitte und eine sehnsüchtige Erwartung. Der Grosse forderte ihn mit leiser und demütiger Stimme auf, •w^enn er ihn und sein Haus dessen für würdig erachte, von dem hohen Meister zum Trost der Seelen zu reden. Rabbi Simeon richtete sich m seinem Stuhle auf, legte die Arme auf die geschnitzte Lehne und öffnete den Mund, um in süssen und ehrfürchtigen ^Vorten das Bild des •wundersamen Herrn aus seiner Seele aufsteigen zu lassen. Und er war es gewöhnt, dass die Worte und Gleichnisse aus dem Leben des Baalschem wie von selbst aus seinen Lippen kamen, und dass sein Herz w^ar 'wie ein volles Salb- gefass, bereit, bei jedem Gedenken an den Meister überzufliessen. Aber wie er nun da sass, gew^ärtig, dass die Rede sich ihm im Munde gestalten 'würde, stieg ihm plötzlich von innen eine Eiseskälte auf, das ^Vort gefror ihm auf den Lippen, er erstarrte und er- bleichte: dann stürzte eine siedende \Velle über ihn
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hin, er erglühte und errötete, und alles Besinnen wich von ihm. Wie hinter einem glutroten Schleier sah er viele Augen an seinem Munde hängen : er tat die Lippen auf, seinen eigenen Laut zu hören, ah er er fühlte, dass er klanglos totgehoren hlieh. Es peimgte ihn die stumme Forderung auf all den Gesichtern, die ihm unerbitt- lich zuge>vandt blieben; allenthalben sah er Gedanken des Z-sveifels und der Vieldeutigkeit wie kleine böse Geisterchen darüber hinschw^irren. Da nahm er alle seine Kraft zusammen, um das Bild des toten Meisters vor seine Seele zu stellen, aber es blieb m ewigem Schatten und w^oUte nicht aufsteigen. Nun gedachte er der Stadt Miedzyborz, ihrer Häuser und Mauern und Gärten und all der kleinen Dinge, die ihm so vertraut w^aren, aber der Gedanke w^andelte sich nicht zum Bilde und sein Herz blieb leer. Und nichts, mcht der klemste Zufall, mcht die geringste Begeben- heit w^ar ihm gegen w^ärtig. Es -war, als ob er, am selben Tag geboren, nichts von der \Velt in seinem Sinne trüge. Tief verwirrt und beschämt brach er in Tränen aus und fühlte 'wre ein Feuermal bren- nend den Schmerz in seiner Seele, den die Missachtung, die nun offen auf allen Gesichtern stand, ihm zufügte. Sie mochten wohl glauben, er sei ein Betrüger, vom Geist der Lüge tückisch im Stiche gelassen, ein Falscher, der den Baalschem nie von Angesicht erschaut. Und er erlebte, wie die Leute voll Abscheu sich von ihm wandten. Nur der Hausherr sah ihn voll gütigen Verstehens und versonnen an, und er sagte : „^Vir w^arten bis morgen. Vielleicht kommt dir dem Erinnern zurück."