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Die Legende des Baalschem

Chapter 1

Section 1

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GEDRUCKT IN EINER AUFLAGE VON 2000 EXEMPLAREN IN DER OFFIZIN VON IMBERG & LEFSON. BERLIN. ES WURDEN AUSSERDEM 25 EXEMPLARE AUF ECHTEM BÜTTENPAPIER HERGESTELLT UND HANDSCHRIFTLICH NUMERIERT, DIE IN GANZPERGAMENT GEBUNDEN ZUM PREISE VON 25 MARK NUR VON DER LITERARISCHEN ANSTALT RÜTTEN & LOENING IN FRANKFURT AM MAIN DIREKT ZU BEZIEHEN SIND. DRUCKANORD- NUNG, TITEL, INITIALEN UND EINBAND VON E. R. WEISS.
DIE LEGENDE DES BAALSCHEM
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Ontario Council of University Libraries
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MARTIN BUBER
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UTERARISCHE ANSTALT/ RUTTERJJND LOENDSTG FRANKFUPTam MAIN
Alle Reckte, beaonden du der Oberaetzun^ behält »ich die Verlatftbandlung aujdrücklich vor. Published Febrtutry 20. 1908. Pririlegc of copsrright in the United Sutea rcaerred under the act approved Marcb 3. 1905 by tbc Literariaebe Anatalt Rütten & Loening. Frankfort o. M.
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EINFÜHRUNG
DIESES BUCH BESTEHT AUS EINER I Nachricht und einun(iz^vanzig Geschichten. Die Nachricht sagt das Lehen der Chassidim, einer ostjüdischen Sekte, die gegen die Mitte des acht- zehnten Jahrhunderts entstand und noch in unseren Tagen entartet fortbesteht. Die Geschichten erzählen das Lehen des Stifters dieser Sekte, des Rahbi Israel henElieser,derBaal-schem, das istMeister deswxinder' samen Gottesnamens, genannt "wxirde und von etsva i 700 bis 1760, zumeist in Podolien und W^olhynien, lebte.
Aber das Leben, von dem hier Kunde gegeben ^rd, ist nicht das, das man das wirkliche zu nennen pflegt. Ich berichte nicht die Entsvicklung und den Verfall der Sekte, ich beschreibe nicht ihre Ge- bräuche. Ich will nur das Verhältnis zum Absoluten und zur W^elt mitteilen, das diese Menschen dachten, w^ollten und zu leben versuchten. Ich zähle auch nicht die Daten und Tatsachen auf, deren Zusammen- fassung die Biographie des Baalschem zu nennen "wirc*. Ich baue sein Leben aus seiner Legende auf, in der der Traum und die Sehnsucht eines Volkes sind.
Die chassidische Legende hatnicht die strenge Macht,
* Ich untertckätze aber eine Arbeit an diesem — zumeist reckt dürftig und unaicker überlieferten — Material nickt und freue mich. da«a nach dem Vorgang von S. Dubno'wr nunmekr S. A. Horo« dczky aie unternommen hat. nock mekr aber darüber, daatM. J. Berdy cxcwski, vor allen der Geeignete, die Worte des Baalsckem nack ihren Gegenständen geordnet hat. Beide Publikationen stehen (ia hebräischer Sprache) bevor.
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in der die Buddhalegende redet, und nicht die innige, die die Sprache der Franziskuslegende ist. Nicht im Schatten uralter Haine und nicht an silber- grünen Olivenhängen erwxichs sie, in engen Gassen und dumpfen Kammern ging sie von ungelenken Lippen zu bange lauschenden Ohren, ein Stammeln gebar sie und ein Stammeln trug sie weiter — von Geschlecht zu Geschlecht.
Ich habe sie aus den Volksbüchern, aus Heften und Flugblättern empfangen, zuweilen auch aus lebendigem Munde, aus dem Munde von Leuten, die noch das Stammeln gehört hatten. Ich habe sie empfangen und neu erzählt. Ich habe sie nicht über- tragen, w^ie irgend ein Stück Literatur, ich habe sie nicht bearbeitet, w^ie irgend einen Fabelstoff, ich habe sie neu erzählt als ein Nachgeborener. Ich trage in mir das Blut und den Geist derer, die sie schufen, und aus Blut und Geist ist sie in mir neu gew^orden. Ich stehe in der Kette der Erzähler, ein Ring zwischen Ringen, ich sage noch einmal die alte Geschichte, und w^enn sie neu klingt, so schlief das Neue in ihr schon damals, als sie zum ersten Mal gesagt -wurde.
Mein Erzählen der chassidischen Legende geht ebensowenig w^ie auf das „w^irkliche" Leben darauf, w^as man die Lokalfarbe zu nennen pflegt. Es ist etw^as Zartes und Ehrwürdiges, etw^as Heimliches und Geheimnisvolles, etw^as Ausgelassenes und Paradiesisches um die Atmosphäre des ,,Stübel8", in dem der chassidische Rabbi, der ,,Zaddik", der ,, Gerechte", der Heilige, der Mittler zw^ischen Gott
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und Mensch, mit iveisem und lächelndem Mund das Mysterium und das Märchen austeilt. Aber mein Gegenstand ist nicht die Darstellung dieser Atmo- sphäre.* Meine Erzählung steht auf der Erde des jüdischen Mythos, und der Himmel des jüdischen Mythos ist über ihr.
Die Juden sind vielleicht das einzige Volk, das nie aufgehört hat, Mythos zu erzeugen. Im Anfang ihrer grossen Urkunde ist das reinste aller mythi- schen Symbole, der Pluralsingular Elohim, und die stolzeste aller mythischen Sagen, die vom Kampfe Jakobs mit dem Elohim. In jener Urzeit entspringt der Strom mythengebärender Kraft, der — vor- läufig — im Chassidismus mündet; von dem die Religion Israels zu allen Zeiten sich gefährdet fühlte, von dem aber in \Vahrheit die jüdische Religiosität zu allen Zeiten ihr inneres Leben empfing.
Alle positive Religion ruht auf einer ungeheuren Vereinfachung des in W^elt und Seele so vielfältig, so wildverschlungen auf uns Eindringenden: sie ist Bändigung, Vergewaltigung der Daseinsfülle. Aller Mythos hingegen ist Ausdruck der Daseinsfulle, ihr Bild, ihr Zeichen; unablässig trinkt er von den stürzenden Quellen des Lebens. Die persönliche, ungemeinsame und unzugängliche Religiosität der Einzelseele hat ihre Geburt im Mythos, ihren Tod in der Religion. Solange die Seele in dem reichen Boden des Mythos wurzelt, hat die Religion keine
* E« i$t aekr Schönes in dictcr Art g««ci)rieben ^irorden. Da« Sekönate find die cl)a«*idi«cl>cn Gcfckiclitcn von J. L. Perex (im i&di«ckcn Idiom).
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Macht über sie. Deshalb sieht die Religion im Mythos ihren Erzfeind und bekämpft ihn, w^o sie ihn nicht aufzusaugen, ihn sich nicht einzuverleiben vermag. Die Geschichte der jüdischen Religion ist die Geschichte ihres Kampfes gegen den Mythos.
Seltsam und wxinderbar ist es zu beobachten, wie in diesem Kampfe die Religion immer wieder den scheinbaren, der Mythos immer w^ieder den w^irk- lichen Sieg gew^innt. Die Propheten streiten durch das Wort w^ider die Vielheit der Volkstriebe; aber in ihren Visionen lebt die ekstatische Phantasie der Juden und erw^ählt sie w^ider ihr ^/issen zu Mythen- dichtem. Die Essäer w^ollen das Ziel der Propheten durch eine Vereinfachung der Lebensformen erreichen : und aus ihnen w^ird der Menschenkreis geboren, der den grossen Nazarener trägt und seine Legende schafft: den grössten aller Triumphe des Mythos. Die Meister des Talmuds gedenken in dem zyklopischen W^erke einer Kodifizierung des Religionsgesetzes einen ewigen Damm wider die Leidenschaft des Volkes zu erbauen; und unter ihnen erstehen die Urheber der beiden Mächte, die im Mittelalter die Schützerinnen und Verweserinnen des jüdischen Mythos w^erden: durch die Geheimlehre die Urheber der Kabbala, durch die Agada die Urheber der Volkssage.
Je w^eiter das Exil fortschritt, je grausamer es wxirde, desto mehr erschien die Erhaltung der Religion zur Erhaltung des Volkstums notw^endig; desto stärker w^urde die Position des Gesetzes. Der Mythos musste flüchten. Er flüchtete in die Kabbala und in die
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Volkssage. Die Kabbala hielt sich wohl für dem Gesetz überlegen, für eine höhere Stufe des Erkennens ; aber sie war die Domäne ^Veniger, dem Leben des Volkes unüberbrückbar fem und fremd. Die Sage hingegen lebte w^ohl im Volke und füllte dessen Dasein mit Farbe und Wohllaut, mit Lichtesw^ellen und heimlicher Melodie; aber sie erachtete sich für ein armseliges Ding, das kaum ein Recht auf Existenz habe, sie hielt sich vergraben im letzten Winkel und wagte nie, dem Gesetz ins Auge zu sehen, geschw^eige denn eine Macht neben ihm sein zu w^ollen, sie w^ar stolz und froh, w^enn sie da und dort berufen wurde, das Gesetz zu illustrieren.
Und plötzlich w^ächst unter den polnischen und kleinrussischen Dorf juden eine Bew^egung empor, in der der Mythos sich reinigt und erhebt: der Chassidismus.* In ihm strömen Mystik und Sage zur Einheit zusammen. Die Mystik w^ird Besitz des Volkes, und zugleich nimmt sie die ganze Erzähler- glut der Sage in sich auf. Und in dem dunklen verachteten Osten, unter schlichten unw^issenden Dörflern w^ird dem Kinde der Jahrtausende der Thron bereitet.
Im Chassidismus siegt für eine W^eile das unter- irdische Judentum über das offizielle, — über das allbekannte, übersichtliche Judentum, dessen Ge- schichte man erzählt und dessen ^/^esen man in gemeinverständliche Formeln fasst.
* Über die judiacbe Mystik und den Chatsidismua habe ich cini^ei Allgemeine in der Einleitung zu den ..Geschichten des Rabbi Nachman" gesagt.
Für eine "Weile nur. Es gibt in unseren Tagen noch Hunderttausende von Chassidim: der Chassidis- mus ist verdorben. Aber die chassidischen Schriften haben uns seine Lehre und seine Legende übergeben.
Die chassidische Lehre ist das Stärkste und Eigenste, \^as die Diaspora geschaffen hat. Sie ist die Ver- kündigung der Wiedergeburt. Es wird keine Er- neuerung des Judentums möglich sein, die nicht ihre Elemente in sich trüge.
Die chassidische Legende ist der Körper der Lehre, ihr Bote, ihr Zeichen auf dem Wege der W^elt. Sie ist die letzte Gestalt des jüdischen Mythos, die wir kennen.
Die Legende ist der Mythos der Berufung. Das be- deutet: die ursprüngliche Personalität des Mythos ist in ihr gespalten. In dem reinen Mythos gibt es keine Verschiedenheit des W^esens. Er kennt die Vielheit, aber nicht die Zweiheit. Auch der Heros steht nur auf einer anderen Stufe als der Gott, nicht ihm gegenüber: sie sind nicht das Ich und das Du. Der Heros hat eine Sendung, nicht eine Berufung. Er steigt empor, aber er wandelt sich nicht. Der Gott hat Sonderheit w^ie er und ivie er Grenze. Der Gott des reinen Mythos beruft nicht, er zeugt; er sendet den Gezeugten, den Heros. Der Gott der Legende beruft den Menschensohn: den Propheten, den Heiligen. Zuw^eilen mag, wo sich Mythos und Legende durchdringen, ein Gott stehen, der zeugt und beruft.
Die Legende ist der Mj^hos des Ich und Du, de« Berufenen und des Berufenden, des Endlichen, der
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ins Unendliche eingeht, und des Unendlichen, der des Endlichen hedarf.
Die Legende des Baalschem ist nicht die Geschichte eines Menschen, sondern die Geschichte einer Be- rufung. Sie erzählt kein Schicksal, sondern eine Bestimmung. Sie hew^egt sich nicht in der Zeitfolge, sondern in den drei Kreisen der Weihiuig. Ihr Ende ist schon in ihrem Anfang, und ein neuer Anfang in ihrem Ende.
Ravenna
Im Herbst 1907 MARTIN BUBER
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DAS LEBENDER CHASSIDM
HrrLAHABUTVON dep^inbrunst
a bodavonpem Adienste.
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HITLAHABUT: VON DER INBRUNST
W\y/7TV.1\ y/JITLAHABUT IST., DAS BREN- nen"; die Inbrunst der Ekstase. Sie ist der Becher der Gnade und der ewige Schlüssel.
Ein feuriges Schwert hütet den Weg zum Baume des Lebens. Es zersprüht vor der Berührung der Hitlahabut. Ihr leichter Finger ist ihm übermächtig. Ihr ist die Bahn offen, und alle Schranke versinkt vor ihrem schrankenlosen Schritt. Die ^Velt ist nicht mehr ihr Ort: sie ist der Ort der Welt.
Hitlahabut erschliesst dem Leben seinen Sinn. Ohne sie hat auch der Hinunel keinen Sinn und kein Wiesen. „Wenn ein Mensch die ganze Lehre und alle Gebote erfüllt hat, aber die W^onne und das Brennen hat er nicht gehabt: wenn der stirbt und hinübergeht, öffnet man ihm das Paradies, aber w^eil er in der Welt die Wonne nicht gefühlt hat, fühlt er auch die Wonne des Paradieses nicht."
Allerorten und allezeit kann Hitlahabut erscheinen Jede Stunde ist ihr Schemel und jede Tat ihre Thron- lehne. Nichts kann sich ihr entgegenstemmen, nichts sie herabdrücken; nichts kann sich ihrer Macht cr- ivehren, die allen Körper zu seinem Geiste erhebt. ^Ver in ihr ist, ist in der Heiligkeit. ,,Er vermag eitle W^orte mit seinem Munde zu reden, und die Lehre des Herrn ist in seinem Innern zu dieser Stunde; flüsternd zu beten, und sein Herz schreit in seiner Brust ; in einer Gemeinschaft von Menschen zu sitzen,
und er w^andelt mit Gott: vermischt mit den Krea* turen und abgeschieden von der W^elt." Jedes Ding und jedes Tun wird so geheiligt. ,,\Venn der Mensch sich an Gott schliesst, kann er seinen Mund reden lassen, was er reden mag, und sein Ohr hören, was es hören mag, und er wird die Dinge binden an ihre obere W^urzel."
Die Gew^alt, die so vieles im Menschenleben schwächt vmd entfärbt, die ^Ä^iederholung, ist ohn- mächtig vor der Ekstase, die sich gerade an den regelmässigsten, gleichförmigsten Ereignissen wieder und "^eder entzündet. Über einen Zaddik geriet Hitlahabut jedesmal, wenn im Vortrage der Schrift die Worte kamen: ,,Und Gott sprach". Ein chasssi- discher Weiser, der dies seinen Schülern erzählte, fügte hinzu: ,,Aber auch ich meine: wenn Einer in W^ahrheit redet und Einer in Wahrheit empfängt, dann ist es genug an einem Worte, die ganze ^^elt zu erheben und die ganze W^elt zu durchläutem". Ew^ig neu ist dem Inbrünstigen das Allgew^ohnte. Ein Zaddik stand im ersten Morgendämmer am Fenster und rief zitternd: ,,Vor einer kleinen Stunde w^ar noch Nacht, und jetzt ist Tag — Gott bringt den Tag herauf I" Und er w^ar voll der Angst und des Zittems. Auch sprach er: ,, Jeder Geschaffene soll «ich vor dem Schöpfer schämen : wäre er vollkommeni -'wie ihm bestimmt w^ar, dann müsste er erstaunen und erw^achen und entbrennen über die Erneuerung der Kreatur zu jeder Zeit und in jedem Augenblick."
Aber nicht ein plötzliches Versinken in die Ew^igkeit ist Hitlahabut, sondern ein Aufstieg zum
Unendlichen von Stufe zu Stufe. Gott finden heisst den ^^eg finden, der ohne Grenze ist. Im Bilde dieses Weges sahen die Chassidim die ,, kommende W^elt", die sie niemals ein Jenseits nannten. Ein Frommer schaute einen toten Meister im Traume. Der erzählte ihm, von der Stunde seines Todes an gehe er an jedem Tage von Welt zu W^elt. Und die Welt, die gestern als Himmel üher seinen Blicken ausgespannt war, die ist heute die Erde unter seinem Fuss; und der Himmel von heute ist die Erde von morgen. Und jede ^Velt ist reiner und schöner und tiefer, als die vor ihr w^ar.
Die Engel ruhen in Gott, aher die heiligen Geister schreiten in Gott vor. ,|Der Engel ist ein Stehender, vind der Heilige ist ein W^andelnder. Darob ist der Heilige üher dem Engel."
Solch ein Weg ist die Ekstase. Wenn sie ein Ende zu bieten scheint, ein Erreichen, Erlangen, Er- greifen, ist es nur ein endgiltiges Nein, kein end- giltiges Ja: es ist das Ende der Gebundenheit, das Abschütteln der letzten Kette, die Auflösung, die allem Irdischen enthoben ist. ,,^Venn der Mensch von Kraft zu Kraft \vandelt und nur empor und empor, bis er zur Wurzel aller Lehre und alles Ge- botes kommt, zu Gottes Ich, der einfachen Einheit und Schrankenlosigkeit, — wenn er da steht, dann sinken alle Flügel der Gebote und Gesetze nieder, und alle sind sie vernichtet. Denn vernichtet ist der Trieb, da er darüber steht."
,,Über der Natur und über der Zeit und über dem Denken" — so wird der genannt, der in der
Inbrunst ist. Er hat alles Leid und alle Schwere abgetan. ,, Süsse Leiden, ich empfange euch in Liebe", sagt ein sterbender Zaddik, und Rabbi Sussje ruft, da seine Hand sich aus dem Feuer schleicht, in das er sie gelebt hat, verwundert aus: ,,Wie grob ist Sussjes Körper gew^orden, dass er sich vor dem Feuer fürchtet". Der Inbrünstige regiert das Leben, und kein äusseres Geschehen, das in sein Reich ein- dringt, vermag seine W^eihe zu stören. Von einem Zaddik wird erzählt, er habe, als sich das heilige Mahl der Lehre bis zum Morgen hinzog, zu seinen Jüngern gesprochen : „W^ir sind nicht in die Grenzen des Tages eingeschritten, sondern der Tag ist in unsere Grenzen eingeschritten, und "wir brauchen vor ihm nicht zu weichen".
In der Ekstase rückt alles Vergangene und alles Zukünftige zur Gegenw^art zusammen. Die Zeit ver- schrumpft, die Linie zwischen den Ewigkeiten ver- schwindet, einzig der Augenblick lebt, und der Augen- blick ist die Ewigkeit. In seinem unzeraplitterten Lichte erscheint alles "was w^ar und w^as sein w^ird, einfach und gesammelt. Es ist da, w^ie ein Herz- schlag da ist, und w^ird offenbar wie er.
Die chassidische Legende w^eiss gar viel von den Wunderbaren zu erzählen, die sich ihrer früheren Daseinsformen erinnerten, der Zukunft w^ie der eigenen Atemzüge gew^ahr wurden, von einem Ende der Erde zum andern blickten und alle ^Vandlungen, die sich in den Welten ereigneten, w^ie etw^as verspürten, was ihrem Körper geschah. All dies hat nichts mit dem Gefühl zu tun, in dem Hitlahabut die Welt des
Raumes und der Zeit überwomden hat. Wohl aber deuten uns etw^as davon zwei naive, einander ver- wandte und einander ergänzende Anekdoten. Von einem Meister wird erzählt, er habe in Stunden der Entrückung auf die Uhr sehen müssen, um sich in dieser Welt zu erhalten; und von einem andern, er habe, wenn er die Einzeldinge betrachten -wollte, eine Brille aufsetzen müssen, um sein geistiges Sehen zu bezw^ingen; ,,denn sonst sah er alle Einzeldinge der W^elt als eines".
Aber die höchste Stufe, von der berichtet w^ird, ist die, auf der der Entrückte der eigenen Inbrunst entgleitet. Als ein Schüler einmal eines Zaddiks ,, Erkalten" bemerkte und tadelte, -^vurde er von einem andern belehrt: ,,Es gibt ein sehr hohes Heilig- tum; -w^enn man dahin kommt, -wird man alles AX^esens los und kann nicht mehr entbrennen". So vollendet sich die Inbrunst in der eigenen Aufhebung.
Zuw^eilen äussert sie sich in einem Tun, das sie w^eiht und mit heiliger Bedeutung füllt. Die reinste Form, die, in der der ganze Körper der erregten Seele dient und jeder ihrer Hebungen und Nei- gungen das sichtbare Geschw^ister erschafft, aus tausend Fluten der Bewegung das eine Bild des verzückten Sinnes auftauchen lässt, ist der Tanz. Von dem Tanz eines Zaddiks w^ird erzählt: ,,Sein Fuss w^ar leicht ^e eines vierjährigen Kindes. Und alle, die sein heiliges Tanzen sahen, — da w^ar nicht einer, der nicht zu sich heimgekehrt wäre, denn er w^irkte im Herzen aller, die es sahen, beides, Weinen und Wonne, in einem." Oder die Seele erfasst
die Stimme des Menschen und macht sie singen, was sie in den Höhen erfahren hat; und die Stimme weiss nicht, w^as sie tut. So stand ein Zaddik in den „furchtbaren Tagen" (Neujahr und Versöhnungstag) im Gebet und sang neue Melodien, „Wunder der Wvmder, die er nie gehört hatte und die keinMenschen- ohr je gehört hatte, und er -wusste gar nicht, w^a« er singt und welche Weise er singt, denn er w^ar an die obere \Velt gebunden".
Aber das eigentliche Leben des Inbrünstigen ist nicht unter den Menschen. Es •w^ird von einem Meister gesagt, er habe sich w^ie ein Fremdling ge- führt, nach den Worten Davids des Königs: Ein Fremder bin ich im Lande. ,,Wie ein Mann, der aus der Feme kam, aus der Stadt seiner Geburt. Er sinnt nicht auf Ehre und nicht auf irgend ein Ding zu seinem ^^ohle, nur darauf sinnt er, heim- zukehren zur Stadt seiner Geburt. Nichts kann ihn besitzen, denn er weiss: Das ist Fremdes und ich muss heim." Mancher geht in die Einsamkeit, in ,,da8 Wandeln". Rabbi Sussje pflegte in Wäldern umherzustreifen und Lobgesänge zu singen, mit so grosser Glut, ,,dass man schier von ihm gesagt hat, er sei nicht bei Verstand". Ein anderer w^ar nur in Gassen und Gärten und Hainen zu finden. Als ihn sein Schwiegervater darob ermahnte, antw^ortete er ihm mit dem Gleichnis der Henne, die Gänse- eier ausgebrütet hatte: ,,und als sie ihre Kinder auf der \Vasserfläche umherschwimmen sah, lief sie be- stürzt hin und her, Hilfe zu suchen für die Unglück- lichen; und verstand nicht, dass dies jenen all ihr