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Astronomicon

Chapter 8

XXI. uud XXil. Bd., 2. Heft S. 107.

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ist ein Torso: von dem umfasseuden Plane (I 15 — 18) ist nur der erste Teil. die Astrologie des Zodiacus, ausgefiihrt. Zu mutmassen, weshalb es abgebrochen wurde, ist miissig: eher fragt man, wie es kam, dass das bedeutendste Lehrgedicht aus Augustus Zeit uugekannt und ungenannt geblieben ist. Und dafiir lasst sich mit dem Hinweis auf dio nach Augustus Tode wesentlich veranderte Stellung der Astrologie in Rom hinweisen: vor allem auf die veranderte Stellung des Herrschers. — Tiberius, alles Aberglaubens voll, dazu wahrend seines Aufenthaltes in Rhodus durch den Mathematiker Thrasyllus*) in astrologische Weisheit eiugeweiht, war doch m klug, um nicht den Gefahren zu begegnen, welche Astrologeu ihm zu bereiten ver- mochten. Das Schicksal eines Libo Drusus**), welchen Chaklaeer und Magier zu Umsturzplanen gereizt haben sollten, und die ira An- schhisse daran gefassteu Senatsbeschliisse (n. Chr. IG), wonach Mathe- matiker und Magier aus Italien verwiesen, zwei derselben aber als besonders gravierte hingerichtet wurden, lehrteu deutlich, dass es mit dem sinnigen, kindlichen Spiele der Maniliauischeu Astrologie, jenem astrologischen Sporte, unter Tiberius giiuzlich vorbei sei. Wer das nicht einsehen kounte, wurde ein Opfer der uun auftretenden Delatoren.
Zu deu Biichern, die man nur verstohlen las, mag auch Manilius Lehrgedicht von den Gestirnen gezahlt haben: wesentlicher ist aber, dass auch die Stoa eine veranderte Stellung zur Astrologie gewinnt. Die Anschauung, dass durch physische Einfliisse die Gestirne auf Erde uud Menschen wirken — bei Posidonius eben angedeutet — , hat sich allmiihlich mehr und mehr in der Stoa ausgebildet, bis sie schliesslich bei Ptolemilus alles ilberwiegt und alle die anthropo- morphischeu Gebilde eines Manilius auf die Seite schiebt.***) Schliess- lich aber blieb fiir die Fach-Astrologen Manilius Gedicht unbrauchbar. Mit allem Riistzeug seiuer fiiuf Biicher liess sich ein Nativitatsthema, wie es Horaz dem Maecenas stellt, nicht zusammenbringen: das astrum nascens, die 12 templa, die athla uud alle Charakterbilder der signa bleiben ohne die Planeten fiir den Astrologeu wertlos.
*) Thrasyllus, auch spater des Kaisers Ratgeber (Suet. Tib. 14 u. 62), mag als Vorbild fiir die Figur des Astrologen Galeotti ia Walter Scotts Quentin Durward gelten.
■•'*) Tacit. ab exc. II 27 ff.
**"0 Vgl. das triibsinnige Charakterbild des xapxivoc, wie es Ptolemaeus sseichnet (zu 4, 498).
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So fiigen wir uns darin, dass sicher nur Firmicus unseru Dichter benutzt, vielfach ausgeschrieben, oftmals verballhornt, niemals genannt hat. Kannte aber Firmicus seinen Nameu? oder barg sich das Gedicht in einem corpus der Aratea? — Der Name M. Manilius — gestiitzt durch eine der jiingsten Handschriften — gilt jetzt in Ermangeluug eines mehr gesicherten.
Die vorliegende Arbeit hatte als erste Aufgabe die Herstellung eines lesbaren Textes. Dass dafiir in erster Linie die handschrift- liche Uberlieferung in Ij und m, also im nicht korrigierten Leipziger und im Madrider Codex, in zweiter Linie aber die der ersten Briisseler Handschrift, alles jedoch nach dem inneren Werte der Lesarten, zu beriicksichtigen war, schien bei dem Stande der damaligen Vorarbeiten*) nicht zweifelhaft. — Die auf neuer Vergleichung samtlicher Hand- schriften beruhende, einen neuen vollstandigen kritischen Apparat in Aussicht stellende Arbeit von Paul Thielscher, 'de Statii Silvarum Silii Manilii scripta memoria' im Philologus Bd. LXVI Heft 1 1907 pag. 85 — 133 konute ich fiir Band I nicht mehr benutzen, da vor ihrem Erscheinen meine Arbeit dem Drucke bereits ubergeben war. Zu einer wesentlichen Anderung des von mir bezeichneten Stand- punktes erkenne ich noch keinen ausreichenden Grund. — Der Text uuseres Gedichtes ist besonders durch Interpolation entstellt. Drei Verse (I 38. 39, II 631) kommen auf Rechnung der altesten Editoren. Die iibrigen Interpolationen sind sehr alt. Auf die Zeit und den Stil des Firmicus weist eine erhebliche Zahl zuriick: Verse, welche den knappen sachlichen Erklarungen des Dichters eine zweite mangelhafte zufiigen (II 283—87. 740—743, IV 848, V 647); eine an falscher Stelle stehende physikalische Glosse versifizieren (I 444. 564 ff. 594 — 96), desgleichen eine mythologische (I 428,
IV 581. 683); die von Manilius ferngehaltenen Planeten einfiigen (I 811. 812, V 6. 7, II 644. 944. 945. 968. 969. 970, IV 500. 501,
V 30. 31); astrologisclies Material an unpassender Stelle zufiigen (II 413.
*) Die erste Nacln'icht iiber m verdanken wir Ellis in Hermathena XIX. Dublin u. London 1893 pag. 261—286. Icli hatte gleichzeitig in deu Jahr- biichern tiir klassische Philologie 1893 Heft 6, gestiitzt auf G. Lowes 1879 ge- fertigte KoUation, auf die meiues damaligeu Wissens noch unbeuutzte Hand- schritt und iu der Wochenschrift fiir kl. Philologie 1893 Nr. 35 nochraals auf Lowes KoIIatiou hingewieseu. — Uber das Verhaltni.s vou m zu g vgl. Housmau, Vorrede z. 5. A. IX. Housmans letzte Publikation im Oktoherhefte 1907 der klass. Rev. Oxford habe ich nicht erhalteu konneu.
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432. 651. 673. 907—908. 909. 935—937, III 92. 172. 508. 538); uu- gescliickte Schmeichelei dem Aiigustus widmen (I 385. 386, IV 770), u. a. m. Ihre Sprache zeigt 8oloecismeir, bisweilen ist der Versbau holperig. Bentley gerat liber sie ofters in gerechten Zoru; vielleicht hatten noch mehrere ihren Platz unter dem Texte finden sollen. Ara besten ist das dritte Buch weggekommen — wohl wegeu seines sach- lichen Inhaltes. — Liicken im Texte nehme ich in weit geringerer Zahl an als meine Vorgiiuger (bei Jacob fiudet das Zeichen einer Liicke sich zwolf mal, bei Bechert elf mal). Andererseits finden sich iu unseren Handschriften manche Verstellungen uud Wiederholuugeu von Verseu, auch Dittographien in erheblicher Zahl. Ich glaubte in nicht wenigen Fallen die herkommliche Lesart durch Interpretatiou retten zu konnen, aber die Zahl der aufgenommeneu Konjekturen ist doch recht gross.*)
Der vorliegende zweite Band wiinscht den Freunden des Dichters eiue bei aller Kiirze ausreichende Erklarung der Astronomica zu gebeu, wie sie, um eiu vorschwebendes, vou mir freilich uicht erreichtes Ideal zu neuuen, Kiessling zum Horaz uns gescheukt hat. Zwar darf eine Erklaruug des Manilius an seiuer Sprache und an der auf- genommenen Lesung nicht zu kurz voriibergehen ; aber bei der selbst- staudigeu Stelluugnahme dieses Dichters zu den verschiedeueu Wissens- zweigen seiner Zeit und der Schwierigkeit des luhaltes musste die sachliche Besprechung vorwiegen. Die Manilius-Literatur ist eine (iberreiche, noch immer wachsende**), — von erldareuden Ausgaben kann man eigentlich nur eine nennen: Marci Manilii astronomicon in usum Delphini ill. Michael Fayus Paris 1679. Dufays Erklarungen sind, soweit sie mythologische oder geschichtliche Dinge betreffen, auf den Standpunkt eines Dauphins berechnet, weitschweifig, Schwierig- keiten umgehend, aber Dufay gibt zahlreiche Diagramme, Tabellen etc, daneben eine vollstiindige lateinische Paraphrase unter dem Texte, ein ausfiihrliches Verzeichnis der Worter uud Wortformen (wie sonst uirgend zu finden), und irn Auhange des gelehrteu Bischofes von Avranches S. Dan. Huet animadversiones mit ihrer scharfen Polemik
*) Bei der Beschranktheit des mir zugestaudeneu Raumes verweise ich liieriiber aiif die ausgezeichnete Darlegung io der aduotatio critica zu Beclierts Ausgabe : Marci Manili qui fertur astronomicon libri yuinque — in J, P. Post- gate, corpus poetarum latinorum, Loudini 1900, Fasc. III pag. 6—46.
**) Vgi. das Verzeichnis bei Kleingiiuther, Herui., Quaestiones ad Astro- nomicon libros. Lips. 1905 pag. 55—59.
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gegen Scaliger. Diifay wird von Piugre (prefaee XXIX) zu hart beurteilt, guustiger init Recht von Housman XV. — Bedeuteud ist Marci Manilii astronomicon libri quinque — accessere Marci TuUii Ciceronis Aratea — cum interpretatioue Gallica et notis, edente Al. G. Pingre. 2 Bde. Paris 1786. Seiue franzosische Paraphrase, seine sachlichen Bemerkungen, auch Textvorschlago gehoren zu dem besten, was iiber Maniiius geschriebeu ist. — 'Cum selectis variorum et propriis notis' gab M. Elias Stoeber das Astronomicon heraus: Argentorati 1767 8*^, — der Titel verspricht viel, der Inhalt leistet wenig — Pingre bespricht diese Ausgabe sehr eingehend, bezeichnet sie aber als 'uu recueil d'iuepties'. — Die Rezeusion von Frid. Jacob Berl. 1846-, behalt noch immer ihreu Wert. Das Ansehen des von ihm so hoch geschatzten 2. Vossianus ist, fiir dessen zweite Halfte weuigstens, ge- stiegen, und so werdeu manche Lesarteu Jacobs jetzt auerkannt. Aber auch in seinen Anmerkungen und besonders im Index finden sich nicht weuige gute Erklarungen. Die letzte Ausgabe von Housmau Lond. 1903 besclirankt sich auf das erste Buch; gibt aber «larin viel- fache und beachtenswerte Anregungen.
Fiir die sachliche Erklarung unseres Dichters ist man sonacli
— abgesehen vou Scaliger und Bentley — vielfach auf allgemeinere Werke angewiesen. Und da erschliessen sich reichste Fundgruben. Erschopfende Belehrung fiir die philosophischen Ansichten im ersten Buche gibt Diels, Herm., doxographi graeci, Berol. 1879; fiir die astro- logischen Bemerkungen im 11. III. und IV. Buche Bouche-Leclercq, A., Tastrologie Grecque, Paris 1899; endlich belehrt Boll, Fr., Sphaera, neue griechische Texte und Untersuchuugen zur Geschichte der Steru- bilder, Leipzig 1902, uns iiber die eigentiimliche Stellung, welche Manilius zwischen den alteren Auschauuugen und der spiitereu Ent- wicklung einnimmt.
Reichliclie, dankbar verehrte Forderuug ist mir bei meiner Arbeit zu teil gewordeu. Von Anbeginn hat Herr Geheimer Hofrat Dr. Crusius in Miinchen ihr seine Teilnahme und mir manche Belehrung zuge- wendet; mein Freund, der Provinzialschulrat Herr Prof. Dr. Heyuacher in Hannover hat eiuen Teil des Mauuskriptes zum 11. Teile durch- geseheu; der Herr Professor Dr. Hopkeu in Emden, riihmlichst bekannt durch seine Schrift: Uber die Entstehung der Phanomena des Eudoxus
— Aratus (mit drei Tafeln). Emden 1905, hat mir nicht blos wert- volle Mitteilungen iiber die Steruaufgange in Buch V geinacht, sondern ich verdanke seiner und seines Sohnes, des Studiosus iug. Herrn
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Friedrich Hopkeu kunstgeiibter Haud die druckfertige Herstellung von Tafel I und H im Auhauge. Herrn Dr. Kleingiinther in Berlin bin ich nicht blos fiir wiederholte literarische Dieuste sondern auch fiir die Nachweisung zahh"eicher Druckfehler iii Band I zu Dank ver- pflichtet. Piir den zweiten Band konnte ich niich der mir unent- behrlichen Hiilfe des Herrn Professor Dr. Horstmann iii Linden er- freuen, der freundlichst die Lesung einer Korrektur iibernommen hat. Indem ich noch bemerke, dass ich den Kommentar deutseh ab- fasste, um ihm den Eingang in weiteren gelelirten Kreisen zu er- leichtern, empfehle ich meine bescheidene Arbeit zu gleich freundlicher Aufnahme, wie sie der erste Teil mehrfach gefunden hat.
Haunover, im Marz 1908.
Breiter.
Zeichen-Erklarung.
Tierkreiszeichen. V Widder (aries, xpcoc;) y Stier (taurus, xaDpo^) n Zwillinge (gemini, otSujjiot) 6p Krebs (cancer, xapxivoc;) ^ Lowe (leo, Alwv) np Juugfrau (uirgo, TrapSsvoi;) =£i= Wage (libra, X^^^^O Hl, Scorpion (scorpius, axopTifo^) / Schiitze (sagittarius, xo^dxYjc;) ^ Steinbock (capricornus, acYo-
xepws) n: . Wassermann (aquarius, 65po-
K Fische (pisces, t)(\)-u£c;)
Planeteii.
O Sonue
d Mond
fl Saturnus («Jatvwv)
9^ Juppiter (Oasx^-wv)
c/' Mars (Jlopoeiq)
$ Venus (Owacpdpoi;)
^ Mercurius (Sx(Aptov)
Hor. = Horoscopus
0 Fortuna
OC — caelum oriens
MC = caelum medium
OCC = caelum occidens
TMC = caelum imum